Amerika, du machst es schlechter

Craig Morris 26.07.2006

Deutsche Energiepolitik: ein Vorbild - Teil 2

Der Boom der Windindustrie in den USA ist imposant, aber das Land hat noch mehr Potenzial. Wenn die USA ein Stück von Deutschland in Sachen Energiepolitik abschneiden würden, würde nicht nur die Windenergie ausgebaut werden, sondern könnten auch Biomasse, Solarenergie und Geothermie richtig in Gang kommen. Gleiches gilt übrigens auch für die EU.

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Zunächst muss man feststellen, dass die Energiepolitik in den USA so unterschiedlich ist wie in der EU. Man sollte daher die Bundesstaaten in den USA wie Mitgliedsstaaten einer Amerikanischen Union betrachten, die eine genauso uneinheitliche Energiepolitik wie die Europäische Union hat.

Selbst diese stark vereinfachte Sicht zeigt eine zweigeteilte Landschaft. Die dunklen Staaten haben ein Ziel für erneuerbare Energien. Doch die Wirklichkeit sieht weit differenzierter aus. Ryan H. Wiser vom Lawrence Berkeley National Laboratory schrieb schon 2004, die Förderprogramme seien "in keinen zwei Bundesstaaten gleich gestaltet." Auch er bemängelt neben der Unübersichtlichkeit vor allem das Fehlen von adäquaten Strafen. Quelle: Edison Electric Institute

In den USA heißt die Quotenregelung "Renewables Portfolio Standards" (RPS). Je nachdem, wie man zählt, haben rund 20 der 50 US-Bundesstaaten einen RPS (auch das District of Columbia hat einen RPS, DC ist jedoch kein Bundesstaat) - oder halt weniger (siehe RPS-Map). Minnesota, Hawaii und Illinois beispielsweise haben zwar einen RPS, aber ohne Strafen sind diese zahnlos. In Minnesota gilt der RPS übrigens nur für den Versorger Xcel, damit er mehr Atommüll zwischenlagern darf. Für alle anderen Versorger dort ist der RPS "freiwillig". 2004 merkte die Energy Information Administration (EIA) an, manche Bundesstaaten würden sich anscheinend bei den Strafen im RPS darauf beschränken, dem EVU die Betriebslizenz zu entziehen. Am schönsten machte es der Bundesstaat Maine: Als ein Ziel von 30% erneuerbaren Energien beschlossen wurde, bezog Maine bereits 50% seiner Energien aus diesen.

Eine solch radikale Maßnahme dürfte jedoch schwer durchführbar sein, denn die EVU würden sicherlich klagen, und wie würde man dann Stromausfälle verhindern? "Good-Faith Effort" lautet die Politik, die in Deutschland als "freiwillige Selbstkontrolle" bekannt ist. Aber wenn die EVU eben keine "guten Absichten" haben, könnten sie durch eine künstliche Verknappung des Angebots für einen Engpass sorgen - wie vor einigen Jahren in Kalifornien, als die Strompreise sich mehr als verdoppelten. Auch hier könnten die USA von Deutschland lernen, denn die EU kam zu dem Schluss, dass nur Dänemark, Finnland, Deutschland und die Niederlande schon für Transparenz im Stromnetz gesorgt hätten.

Dabei ist das Problem nicht auf die fehlende Vollstreckungsgewalt in den RPS beschränkt. Vielmehr tendieren diese - im Gegensatz zu den deutschen Einspeisetarifen, die für jede Energiequellen gesondert festgelegt werden - dazu, die bereits billigste Energiequelle zu fördern, d.h. die Energiequelle, die am wenigsten Unterstützung braucht, bekommt am meisten. Setzt man das Ziel beispielsweise bei 20% bis 2010 für alle erneuerbaren Energien, dann spielt es eben keine Rolle, ob man das Ziel nur mit der Windenergie erreicht. Die Schätzung der EIA wundert deshalb nicht: Die Windenergie soll 92% der neu installierten Leistung in Bundesstaaten mit einem RPS in den Jahren 2004-2005 ausmachen.

Diese Schieflage zugunsten von Wind führt zu Widerstand gegen nationale Ziele für erneuerbare Energien in Gegenden, die wenig Wind haben. Eine der schwächeren Regionen für die Windkraft sind die Südstaaten von Louisiana bis North Carolina, wo der Wind meistens in heftigen Paketen während der Orkansaison geliefert wird. Dazwischen ist Stille.

Vom Winde verweht sind die Südstaaten meistens nur bei Orkanen. Quelle: US Department of Energy

Würde der Bund nun ein Ziel für erneuerbare Energien (EE) für die einzelnen Länder beschließen, könnten diese Bundesstaaten das Ziel eben nicht so billig mit Wind erreichen. Diese Bundesstaaten könnten aber führend in der Biomasse sein. Die deutschen Einspeisetarife könnten dabei als Vorbild dienen, denn sie sind so gestaltet, dass alle erneuerbaren Energiequellen für den Übergang (also bis sie wettbewerbsfähig sind) auf einem Niveau kompensiert werden, damit sie für die Investoren wirtschaftlich sind. Anders ausgedrückt: Es spielt im Prinzip keine Rolle, ob man in Wind, Solar oder Biomasse investiert, denn alle haben gleichermaßen das Potential, profitabel zu sein. In einem solchen System könnte also Arizona in Solar, Minnesota in Wind, und Mississippi in Biomasse investieren.

Förderung am Bedarf vorbei

Die bloße Festlegung eines Zieles sagt aber noch nichts über die Förderung aus. Wie wird also das Ziel erreicht? Auch die EU hat Ziele für den Anteil der EE; diese werden in den meisten Ländern mit Einspeisetarifen angegangen. In den USA basiert die Förderung aber nicht nur wie bei den Einspeisetarifen auf der Summe, die eine aufkommende Energiequelle braucht, um konkurrenzfähig zu sein, sondern teilweise darauf, wie profitabel ein Investor bereits in anderen Wirtschaftszweigen ist.

Der US-Windmarkt verdankt seinen Boom vor allem einer Steuervergünstigung von 1,9 Cent pro Kilowattstunde. Von einer Steuervergünstigung für eine Windkraftanlage kann also nur jemand profitieren, der bereits viel Steuern zahlt. Zahlt man gar keine, nutzt einem die Steuervergünstigung nichts. In den USA wird also eigentlich die Windkraft nur indirekt gefördert; die direkte Förderung gilt profitablen Großunternehmen. Es wundert deshalb nicht, dass manche heute in den USA geplanten Windparks eine installierte Leistung bis zu 400-500 MW haben, während ein Windpark mit 100 MW in Deutschland schon als sehr groß gilt.

Die Gefahr dabei ist, dass die "kleinen Leute" solche riesigen erneuerbaren Projekte nicht als Teil einer sauberen Zukunft, an der sie heute schon partizipieren können, betrachten werden, sondern als ein weiterer Industrieeingriff in ihre Umgebung, die sie auch nicht aufhalten können.

Selbst rund 8 Kilometer über der Erde ist der riesige Windpark bei Palm Springs/Kalifornien (knapp 2 Stunden östlich von Los Angeles auf der I-10) deutlich als Gitter zu sehen. Der Windpark erstreckt sich noch viel weiter, als man es auf diesem Bild sehen kann. Insgesamt fährt man rund 20 Minuten durch einen Turbinenwald, der alles, was Deutschland an vermeintlicher "Verspargelung" zu bieten hat, übertrifft. Wird hier auf Industriegröße an dezentralen Strukturen vorbei gedacht, weil die Förderung falsch gestaltet ist? Laut der American Wind Energy Association ist dieser Park jedenfalls eine "Jugendsünde", die nicht wiederholt wird.

Einspeisetarife sind außerdem besser als Rabatte, weil die tatsächlich erzeugte Strommenge vergütet wird. Somit werden Anlagen nicht nur an den besten Standorten aufgestellt (Photovoltaik eher in Süddeutschland, Windkraftanlagen eher im Norden), sondern vor Ort wird auch aufgepasst, dass die Anlage gut positioniert ist. Beispielsweise kann ein einziger Stahlmast ein PV-Dach lahm legen, weil die Reihen immer nur so viel Strom wie die schwächste Zelle produzieren können. Ist auch nur eine Zelle beschattet, leidet die ganze Reihe. Die Stromausbeute wird dann nicht um ein paar Prozentpunkte reduziert, sondern tendiert u. U. gegen Null.

In manchen Teilen der USA wird aber die Anlage als solches mit einem Rabatt subventioniert. Dann wird die theoretische Leistung der Anlage gefördert - nicht die tatsächliche Produktion. "Eine PV-Anlage kann man dann auch auf die Nordfassade anbringen, das ändert nicht an der Summe, die man vom Staat bekommt", kritisierte Garrett Hering von Photon International diese Politik.

Craig Morris übersetzt bei Petite Planète Translations und ist Autor des Telepolis-Buches Zukunftsenergien, das im Juli als Energy Switch auf englisch herauskommt.

http://www.heise.de/tp/artikel/23/23098/1.html
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