Der Gipfel der Unzufriedenen

Florian Rötzer 14.07.2006

Nach dem von der New Economics Foundation aufgestellten Happy Planet Index liegen Deutschland im Mittelfeld und die USA abgeschlagen hinten, am besten lässt sich angeblich in Vanuatu oder lateinamerikanischen Ländern leben

Wenn sich einige der mächtigsten und reichsten Staaten beim G8-Gipfel treffen, begegnen sich eigentlich Vertreter von Ländern, deren Menschen relativ unzufrieden und unglücklich sind. So dürften sich die Staatsmänner und –frauen - schließlich ist Angela Merkel, die offenbar nach dem untergetauchten Blair und verschwundenen Regierungschefs wie Aznar oder Berlusconi zur großen Vertrauten von US-Präsident Bush auf- oder abgerückt ist, Teil des elitären Treffens - ihre Nationen wohl nicht sehen wollen. Geht man aber nach dem Happy Planet Index, den die New Economics Foundation (Nef) erstellt hat, blickt man vielleicht auch einmal anders auf die Welt, in der Geld und Macht doch nicht alles sind, schon gar nicht Mittel, um glücklich zu sein.

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Es hat natürlich überrascht, dass ausgerechnet ein winziger, keineswegs von Wohlstand gesegneter und zudem vom Untergang durch die Klimaerwärmung bedrohter Südseestaat die glücklichsten Bürger haben soll. Nach Nef ist aber Vanuatu das glücklichste Land – mit Einschränkungen freilich. Zugrunde gelegt für die Bewertung wurden die Lebenserwartung der Menschen, deren Einschätzung von ihrem Wohlergehen und der ökologische Fußabdruck ihres Lebensstils. Methodenkritik dürfte durchaus statthaft sein. Der Sinn dieser im ersten Anschein seltsamen Verbindung ist der Versuch zu erfassen, wie "effizient" Gesellschaften mit ihren natürlichen Ressourcen umgehen, um ein glückliches oder zufriedenes Leben zu ermöglichen. Reichtum und Lebenserwartung scheinen jedenfalls nicht vorrangig zu sein.

Vanuatu ist also nicht unbedingt das Land, in dem die glücklichsten Menschen leben, die auch am ältesten werden, aber es ist das Land, in dem die Menschen relativ lange und glücklich leben, ohne die Erde zu sehr auszubeuten oder zu schädigen. Die Stiftung ist auf Ökologie ausgerichtet, daher werden die Erhaltung der Lebensgrundlagen für künftige Generationen und der schonende Verbrauch in die Bewertung mit einkalkuliert. Aber man könnte natürlich auch ein glückliches Leben führen und gnadenlos die natürlichen Ressourcen ausbeuten. Man könnte dies auch dann machen, wenn dafür der Preis der eigenen Gesundheit gezahlt werden muss und man kürzer, aber intensiver und egoistischer lebt. "Die Studie zeigt, wie wir lange, glücklich und im Einklang mit der Umwelt leben können", so Nic Marks von der Nef.

Nach Vanuatu – mit einer relativ niedrigen Lebenserwartung von 68,6 Jahren (Deutschland 78,7) und einem niedrigen Bruttosozialprodukt von 2.944 US-Dollar pro Kopf (Deutschland: 27.756) stehen an den ersten Stellen nur lateinamerikanische Länder, erstaunlicherweise das von Bürgerkriegen geplagte Kolumbien an zweiter Stelle. Im Allgemeinen scheinen Inseln, also nicht eng territorial vernetzte Staaten, besser zu fahren. Distanz und geringe Größen sind ein Glücksfaktor. Schlusslichter bilden afrikanische und osteuropäische Länder. Simbabwe, Kongo, Ukraine, Estland oder Russland befinden sich am unteren Ende der Skala, was gerade bei Estland verwundert, weil hier Lebenserwartung und Bruttosozialprodukt relativ hoch sind.

Allerdings rangieren auch die übrigen G8-Staaten relativ niedrig im 178-Länder-Index. Deutschland ist, man möchte es nicht glauben, das Land, das nach Italien hier an erster Stelle steht. Aber Deutschland rangiert nur im Mittelfeld, auf Platz 81. Österreich und Luxemburg liegen zwar knapp vorne, aber euch China oder Indien, die Mongolei, Usbekistan oder Jamaika. Reiche Länder wie Kuwait (Platz 159) oder Katar (Platz 166) können hier nicht punkten. Auch die sonst stets hochgelobten skandinavischen Länder oder Kanada machen beim Happy Planet Index keinen guten Eindruck. Dänemark rangiert knapp hinter Saudi-Arabien auf Platz 112, Norwegen auf Platz 115, Schweden 119 und Finnland 123. Kanada kommt auf 111 nach Japan (95) oder Großbritannien (108). Noch vor Russland, aber schon auf Platz 150 findet man die Supermacht USA.

http://www.heise.de/tp/artikel/23/23109/1.html
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