Bomben auf Beirut

Die Stadt wird für viele zur Falle, während Menschen aus dem Südlibanon in ihr Schutz suchen, verlassen andere auf Schleichwegen das Land

Normalerweise ist Beirut Tag und Nacht eine lärmende Stadt, in der man nicht zur Ruhe kommt. Jetzt sind in viele Stadtteilen wie ausgestorben. Wer nicht unbedingt raus muss, bleibt zuhause. Hamsterkäufe in Supermärkten wurden bereits an Donnerstag gemacht. Schulen, Universitäten und ausländische Kulturinstitute sind geschlossen. Auf den Strassen sind hauptsächlich nur noch Taxis unterwegs. In Beirut herrscht der Ausnahmezustand.

Über allem kreisen ständig israelische Kampflugzeuge und brechen krachend die Schallmauer. Dazwischen sind immer wieder Bombendetonationen zu hören. Schwarzer Rauch liegt über der Stadt, der von den brennenden Treibstofftanks am Flughafen und von einigen Tankstellen kommen, die das israelische Militär in die Luft jagten. Im vorwiegend von Schiiten bewohnten Südteil von Beirut, der mehrfach bombardiert wurde, gibt es keinen Strom, die Telefonleitungen sind zusammengebrochen. Die Straßen sind wie leergefegt, fast alle Geschäfte geschlossen. Beirut ist wie eine Geisterstadt, besonders im Zentrum, das nach dem 15-jährigen Buergerkrieg aufwendig neu aufgebaut worden war. Zu Tausenden suchen Flüchtlinge aus dem Südlibanon, der von der israelischen Luftwaffe nonstop seit zwei Tagen bombardiert wird, sicheren Unterschlupf bei Verwandten und Bekannten in der Hauptstadt.

Juan und Maria, ein junges Pärchen aus Spanien, haben sich ihren Urlaub anders vorgestellt. Anstatt in Byblos am Strand zu liegen oder in den Night-Clubs von Ashrafieh zu tanzen, sitzen sie den ganzen Tag im Wohnzimmer vor dem Fernseher. Sie haben Glück im Unglück, da sie bei Freunden im christlichen Osten wohnen, wo die Infrastruktur, im Gegensatz zu moslemischen Stadtvierteln, noch funktioniert.

Juan und Maria gehören zu einigen Tausend von Touristen und Ausländern, die nach dem Angriff der Israelis von einem Tag auf den anderen in Beirut festsitzen. Die spanische Botschaft wollte sie zuerst mit anderen Landsleuten über dem Landweg nach Damaskus evakuieren. Aus Sicherheitsgründen wurde dieser Weg im letzten Moment verworfen. Gestern Nacht zerstörte die israelische Luftwaffe auch diese Ausreisemöglichkeit. "Wir hoffen, dass der Flughafen am Samstag wieder funktioniert", sagt Juan, wobei man ihm ansieht, dass er dem wenig Glauben schenkt. Die libanesischen Behörden hatten angekündigt, in 48 Stunden den "Hariri Airport" wieder einsatzfähig zu machen. "Wir haben Angst", gibt Maria unumwunden zu. Am Freitag erhielten drei Maschinen der libanesischen Fluggesellschaft "Middle East" eine Starterlaubnis. Danach wurde die notdürftig reparierte Startbahn erneut, mitsamt den Treibstofftanks, von israelischen Kampfflugzeugen zerstört.

Vor der Küste Libanons patrouilliert die israelische Kriegsmarine und blockiert den gesamten Schiffsverkehr. Selbst Fähren aus Zypern, die Passagiere des dorthin umgeleiteten Flugverkehrs nach Beirut bringen könnten, werden zur Rückkehr gezwungen. Ein US-Flugzeugträger kreuzt vor der libanesischen Küste. Seine Hubschrauberflotte soll im Notfall die etwa 2.500 amerikanischen Staatsbürger aus Beirut evakuieren und danach an einen sicheren Ort bringen. Plätze für das spanische junge Paar oder Angehörige anderer Nationalitäten sind in den Helikoptern der "Marines" nicht vorgesehen.

Ortskundige Libanesen finden allerdings immer noch Mittel und Wege aus dem Land zu kommen. "Auf kleinen Straßen geht es über die Grenze nach Syrien", sagt John, ein Armenier, der in einer Bäckerei im Ostteil von Beirut arbeitet. Viele seiner Bekannten und einige Mitglieder seiner Familie sind bereits nach Syrien ausgereist. Er will allerdings bleiben. Als Armenier hat er normalerweise wenige Berührungspunkte mit der schiitischen Hisbollah, die die beiden israelischen Soldaten entführten. "Ich bin auf ihrer Seite", sagt der 27-Jährige. "Jetzt müssen wir zusammenhalten, dass sich eine israelische Invasion und Okkupation nicht wiederholt." 1982 war die israelische Armee zum ersten Mal in den Libanon eingedrungen und hielt den Süden des Landes 20 Jahre lang besetzt. Erst durch den militärischen Widerstand Hisbollahs musste Israel 2000 den Libanon freigeben.

John spricht das aus, was in diesen Tagen viele Libanesen ganz unterschiedlicher Konfession oder politsicher Einstellung denken. Selbst General Michel Aoun, letzter Präsident am Ende des Bürgerkriegs, der letztes Jahr aus dem Exil zurückgekommen war, erklärte, dass nicht Hisbollah, sondern die Israelis das Problem seien. "Sie müssen ein für alle Mal aus dem Libanon vertrieben werden."

John, der Bäcker hat den Bürgerkrieg noch als kleiner Junge miterlebt. "Bisher ist es ja noch nicht so schlimm. In unserem Stadtteil gibt es noch Elektrizität und mein Handy funktioniert auch noch". Er bleibe auf alle Fälle hier. "Ich werde gebraucht, gerade jetzt. Wer soll denn sonst das Brot backen", fügt er schmunzelnd hinzu.

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Ralf Bendrath 18.09.2001

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