Palästinensische Reaktionen auf Israels Krieg gegen den Libanon

17.07.2006

Hisbollah-Operation gilt als gerechtfertigte Antwort auf israelische Angriffe in Gaza

Die israelische Offensive im Gazastreifen hält unvermindert an. Die Zahl der palästinensischen Toten steigt täglich. Im besetzten Westjordanland sitzen die Menschen jedoch vor den Fernsehern, um sich über die neuesten Entwicklungen im Krieg zwischen Israel und der libanesischen Hisbollah zu informieren. Nachdem der Generalsekretär der Miliz, Scheich Hassan Nasrallah, am Freitag über den Hisbollah-eigenen Fernsehsender Al-Manar von dem Angriff gegen ein israelisches Raketenboot berichtete, fuhren hupende Autokorsos durch die Stadt. Konfessionsübergreifender Jubel. "Endlich kriegen die Israelis auch mal etwas ab", sind sich die Zuschauer in einem Café im Zentrum Ramallahs einig. Niemand hat etwas gegen Angriffe auf das israelische Militär, das einen Belagerungsring um den Libanon gezogen hat. Ältere Palästinenser, die 1982 unter israelischem Bombardement mit der PLO aus Beirut flohen, fühlen sich in an früher erinnert.

Die Hisbollah-Raketen auf Haifa, Akka und auch Safed stoßen jedoch auf weniger Jubel. "Dort wohnen doch auch viele Palästinenser", sagt Muna Salih (34), Hausfrau aus Ramallah. "Und die Altstädte sind doch Teil unserer Geschichte." Im Westjordanland haben die Menschen zudem vor einer Beschleunigung israelischer Landnahme im Schatten des Krieges Angst. Israels Ministerpräsident Ehud Olmert erklärte vor einer Woche, die entsprechenden Pläne ungebremst umsetzen zu wollen.

Auffällig ist, dass Palästinenser viel weniger auf internationale Einmischung hoffen als noch vor drei Jahren. Die einseitige internationale Unterstützung für Israel ist hier zu offensichtlich und ein Grund, dass viele Palästinenser militärische Angriffe auf Israel begrüßen - auch wenn auf jeden Raketeneinschlag in Israel dutzendfache Vergeltung folgt.

"Die Hisbollah-Operation im Südlibanon (die Entführung von zwei israelischen Soldaten) war sehr gut und die erwartete und notwendige Antwort auf die israelischen Maßnahmen in Gaza", so die auflagenstärkste palästinensische Zeitung Al-Quds. "Israel hätte auf die Krise im Gazastreifen sensibel reagieren können, aber seine Unnachgiebigkeit und sein Überlegenheitsgefühl machen es blind. Israel wird gegen den Libanon barbarisch vorgehen und vielleicht sogar gegen Syrien, wie sie es auch schon im Gazastreifen taten. Das wird ohne Hindernisse verlaufen, da sich Israel international nicht verantworten muss."

Allein in der Nacht auf Sonntag feuerten israelische Luftwaffe und Marine 120 Raketen auf Beirut ab. Die Armeekommuniques erklären die Ziele zwar stets mit militärischer Notwendigkeit. Die Fernsehbilder von toten Zivilisten, darunter viele Kinder, die Helfer im Libanon unter zerbombten Gebäuden hervorziehen, geben dem Publikum jedoch eher den Eindruck einer undifferenzierten Kollektivstrafe.

"Die internationale Gemeinschaft setzt sich für die Freilassung eines israelischen Soldaten ein, der aus einem Panzer entführt wurde, der außerhalb des Gaza-Ghettos stationiert war", so Jamal Juma, Sprecher der palästinensischen Initiative gegen die israelische Sperrmauer innerhalb des Westjordanlands, "während die Palästinenser in ihren Betten und auf den Straßen getötet werden. Die Hälfte unserer Regierung und ein Drittel unserer Parlamentsabgeordneten werden in Israel als Geiseln gehalten. Sie betteln um die Freilassung des Soldaten, ignorieren aber, dass 9.000 Palästinenser in israelischen Gefängnissen verrotten, darunter 400 Kinder."

In der Wahrnehmung der Palästinenser sind Bomben auf Gaza und Beirut Teile desselben Kriegs und von Plänen, die bereits seit langem auf Umsetzung warteten. Der israelische Sicherheitsexperte Alex Fishman erklärte, dass die Armee bereits seit Monaten auf einen Angriff drängte, um die Hamas zu zerstören. Ansätze der Armeeführung wurden jedoch gestoppt. "Die Entführung des Soldaten öffnete jedoch den Sicherheitsbügel", so die israelische Politologin Tanya Reinhart, "und die Operation begann mit der Zerstörung von Infrastruktur in Gaza und der Massenverhaftung der Hamas-Führung im Westjordanland, die ebenfalls schon Wochen vorher geplant war."

Auch im Krieg gegen den Libanon war die Entführung israelischer Soldaten nur der Auslöser. Arabische Analysten sind sich einig darin, dass Israel syrische und iranische Gegenschläge provozieren will, um damit ein Eingreifen der USA und Regimewechsel in Damaskus und Teheran zu erzwingen. Der Generalsekretär der Arabischen Liga rechtfertigte die Hisbollah-Aktionen. "Man hat uns jahrelang beschworen, den israelisch-arabischen Konflikt mit friedlichen Mitteln beizulegen", so Amr Musa vor einem Sondertreffen arabischer Außenminister, "aber der Friedensprozess ist tot."

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