"Für Hisbollah geht es bei diesem Konflikt ums politische Überleben"

Ein Interview mit Amal Saad-Ghorayeb, Professorin an der American Lebanese University in Beirut und Hisbollah-Expertin

Wie ist die Situation bei Ihnen momentan in Beirut?

Amal Saad-Ghorayeb: Ich habe keine Elektrizität und mein Festnetzanschluss funktioniert nicht mehr. Meine Eltern sind mit meinen Kindern in die Berge geflüchtet. Gerade werden wir bombardiert. Die Lage scheint zu eskalieren.

Ich hoffe, Sie haben trotzdem den Nerv einige Fragen zu beantworten.

Amal Saad-Ghorayeb: Ja, kein Problem, solange nicht gerade eine Bombe auf unser Haus fällt.

Hat sich Hisbollah mit der Entführung der beiden israelischen Soldaten verkalkuliert? Hat sie die Reaktion der Israelis unterschätzt?

Amal Saad-Ghorayeb: Nein, das glaube ich nicht. Hisbollah hat alle Optionen und Konsequenzen der Entführung der beiden Soldaten durchgedacht und sich darauf vorbereitet. Ich bin überzeugt, dass ein israelischer Angriff ein Szenario ist, auf das sie immer vorbereitet waren. Am Freitag hat Hisbollah ein Kriegsschiff Israels angegriffen, so etwas ist keine Zufallsaktion. Es gab und gibt eine militärische Strategie. Misskalkulation oder Unterschätzung würde ich das nicht nennen.

Sie meinen, es ist eher umgekehrt? Israel hat so reagiert, wie Hisbollah es kalkulierte?

Amal Saad-Ghorayeb: Sehen Sie, Hisbollah hat graduell reagiert, nicht sofort alle ihre militärischen Möglichkeiten ausgespielt. Hassan Nasrallah, der Generalsekretär von Hisbollah, hat erst vor zwei Tagen den "Krieg erklärt". Wenn er das sagt, kann man davon ausgehen, dass sie die Kapazitäten dazu besitzen.

Wie weit wurde die militärische Infrastruktur der Hisbollah beschädigt?

Amal Saad-Ghorayeb: Die Israelis haben zwar gesagt, sie hätten militärische Ziele angegriffen, aber bisher gab es nur zivile Opfer und die Zerstörung ziviler Infrastruktur. Meines Wissens ist nur ein einziger Hisbollah-Kämpfer getötet worden. Am Samstag wurden 12 Menschen getötet, die aus dem Süden nach Beirut flüchten wollten. Darunter Frauen und Kinder.

Israel will Hisbollah als Ganzes vernichten. Gibt es dafür eine reelle Chance?

Amal Saad-Ghorayeb: Nein, das glaube ich keineswegs. Ich halte dies fast für ein lächerliches Unterfangen. Hisbollah ist keine kleine Organisation, mit einem Mitgliederzentrum und verschiedenen Militärbasen, die man einfach zerstören könnte. Es ist eine Volksbewegung, die überall präsent ist. Waffen sind über das ganze Land verteilt und können jederzeit flexibel eingesetzt werden. Eine derartige Bewegung kann man nicht mit konventionellen militärischen Mitteln ausradieren.

Die israelische Führung wird sicherlich einen Plan haben.

Amal Saad-Ghorayeb: Die israelische Regierung ist, meiner Meinung nach, sehr schwach und das ist gerade das Erschreckende. Schwache Regierungen neigen dazu, mit den Muskeln zu spielen. Die israelische Regierung hat sich mit ihrer mehr oder wenig spontanen Militäraktion im Libanon in etwas hineinbegeben, ohne wirklich eine Ahnung zu haben, worauf sie sich da tatsächlich einlassen. Selbst politische Analysten in Israel beklagen das.

Israel hat die Rolle Irans unterschätzt

Welche Rolle spielen Ihrer Meinung nach der Iran und Syrien, die von Israel als Hauptschuldige des Konflikts dargestellt werden?

Amal Saad-Ghorayeb: Insbesondere der Iran ist ein Faktor, den die Israelis unterschätzt haben. Seit einiger Zeit gibt es eine intensive Koordination zwischen Hamas, Hisbollah und dem Iran, wie sie vorher nie existierte. Dabei geht es um gemeinsame Strategien, informelle Absprachen, militärische Ausbildung und natürlich auch um Nachschubwege für Waffen. Syrien ist nur das Transitland für Lieferungen.

Iran ist also das Land, das die Fäden im Libanon zieht?

Amal Saad-Ghorayeb: Israel versucht, den Iran mit ins Boot zu ziehen. Vor zwei Tagen hat der israelische Geheimdienst behauptet, dass 100 iranische Elitesoldaten der Republikanischen Garde Hisbollah beim Angriff auf das israelische Kriegsschiff assistiert hätten. Ich halte das für einen Versuch, den Iran zu kompromittieren. Man will damit Punkte auf Seite der USA sammeln und gleichzeitig internationale Unterstützung zu bekommen.

Aber die Waffen der Hisbollah stammen aus dem Iran. Inklusive der weit reichenden Raketen, die in der israelischen Hafenstadt Haifa eingeschlagen haben?

Amal Saad-Ghorayeb: Ja, natürlich. Man kann davon ausgehen, dass der Iran alles aus seinen Waffenlagern geliefert hat, das man in Einzelteilen zerlegt in den Libanon transportieren kann. Unter dem neuen Präsidenten des Irans, Mahmoud Ahmadinedschad, wurde noch offenherziger und umfassender geliefert. Nicht zuletzt wegen den USA, die den politischen Druck auf den Iran erhöhten, der auch zu einem Verteidigungsbündnis zwischen Iran und Syrien führte.

Man kann also die Ankündigung von Hassan Nasrallah, dass es weitere militärische Überraschungen geben wird, für bare Münze nehmen?

Amal Saad-Ghorayeb: Davon kann man ausgehen. Er ist ein Mann, der in dieser Beziehung keine hohlen Versprechungen macht. In Israel gab es vor nicht all zu langer Zeit eine Umfrage, die feststellte, dass Israelis den Worten Nasrallahs mehr Glauben schenken, als den eigenen Politikern.

Die libanesische Regierung erscheint in diesem Konflikt keine Rolle zu spielen, als wäre sie nicht existent.

Amal Saad-Ghorayeb: Die Regierung erscheint viel schwächer als sie tatsächlich ist. Alles fokussiert auf Hisbollah und Hassan Nasrallah ist der nationale Führer. Nach seiner Ansprache, unmittelbar nachdem die Israelis sein Haus bombardierten, jubelten sehr viele Menschen. Insbesondere, als er den Krieg gegen Israel erklärte.

Hat die libanesische Regierung etwas von der geplanten Entführung der israelischen Soldaten gewusst?

Amal Saad-Ghorayeb: Nein, ganz sicher nicht.

Die Reaktion Israels hat vielen bewiesen, wie wichtig Hisbollah bei der nationalen Verteidigung ist

Wird es jetzt eine nationale Einheit der verschiedenen religiösen und politischen Fraktionen im Libanon gegen den "Aggressor Israel" geben?

Amal Saad-Ghorayeb: Einige Politiker wie der Drusen-Führer Walid Jumblatt werden die Schuld auf Hisbollah schieben. Die meisten werden jedoch eine Front gegen Israel bilden.

Hisbollah hat nichts von ihrem Ansehen und ihrer Rolle als Widerstandsbewegung verloren, obwohl das halbe Land wegen ihr zerstört wurde?

Amal Saad-Ghorayeb: Es erscheint paradox, aber genau das Gegenteil ist der Fall. Die Reaktion Israels hat vielen bewiesen, wie wichtig Hisbollah bei der nationalen Verteidigung ist. Sie sind die einzigen, die Israel die Stirn bieten können. Es kommt jetzt natürlich darauf an, ob Hisbollah tatsächlich in der Lage ist, militärisch etwas auszurichten, und clever genug ist, das für sich propagandistisch auszunutzen. Wenn ja, ist bewiesen, dass Hisbollah in Zukunft unter keinen Umständen entwaffnet werden darf. Für Hisbollah geht es bei diesem Konflikt ums politische Überleben. In einem Punkt hat sie allerdings bereits Recht bekommen, die Reaktionen Israels sind unberechenbar und äußerst gefährlich.

Mit welcher Strategie wird Hisbollah weiter machen, um ihr Überleben zu sichern?

Amal Saad-Ghorayeb: Die Israelis sind aus dem Südlibanon 2000 nur abgezogen, weil sie zu hohe Verluste hatten. Heute wird ein großer Teil der Bevölkerung Israels direkt durch die Raketen Hisbollahs bedroht. Zum ersten Mal müssen die Menschen in Bunker flüchten, erleben eine massive Bedrohung, wie sie sie nie vorher kannten. Der Konflikt findet nicht mehr vor der eigenen Haustür statt, er kommt ins eigene Wohnzimmer. Das ist die Macht der Hisbollah. Auf diese Weise könnte sich die öffentliche Meinung in Israel ändern und Politiker in Zukunft gezwungen werden, Konflikte nicht mehr bis zum bitteren Ende und um jeden Preis auszutragen.

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