US-Armee: In Kriegszeiten auf dem rechten Auge blind

Max Böhnel 19.07.2006

Ein Bericht der Bürgerrechtsorganisation Southern Poverty Law Center über Rechtsextremisten in der US-Armee wird vom Pentagon bislang ignoriert und von den Massenmedien nur beiläufig erwähnt

Nachdem sich das Pentagon zwei Wochen nach der Veröffentlichung des Berichts A Few Bad Men des Southern Poverty Law Center über zunehmende rechtsextremistische Aktivitäten in der US-Armee immer noch nicht zu den schweren Vorwürfen geäußert, läuten seit dem Wochenende die demokratischen Kongressabgeordneten Eliot Engel aus New York und Artur Davis aus Alabama die Alarmglocken.

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In einem Brief an ihre Parlamentskollegen und an Pentagonchef Donald Rumsfeld machen sie auf den Bericht der 1971 in Alabama gegründeten Organisation aufmerksam und schließen sich dessen Forderungen an. Das Pentagon müsse schleunigst seine Rekrutierungspraktiken überprüfen und eine "Null-Toleranz"-Politik für Rechtsextremisten in allen Abteilungen des Militärs durchsetzen.

Der im Internet veröffentliche Bericht wurde bislang weder von der Regierung aufgegriffen, noch von den amerikanischen Medien allzu ernst genommen. Dabei handelt es sich beim SPLC um die größte, bestinformierte und finanziell gut gepolsterte US-Bürgerrechtsorganisation, die sich mit der rechten Szene befasst. Und noch wichtiger: Die USA haben blutige Erfahrungen mit der Verbindung aus hausgemachten Nazis und heimischer Arme gemacht. 1995 hatte der Armeeveteran und Neonazi Timothy McVeigh, der 1991 im Golfkrieg gegen den Irak militärische Erfahrungen sammelte, in Oklahoma City eine Bombe gezündet, die 168 Menschen das Leben kostete (Die unendliche Suche nach John Doe No.2). Im Frühjahr waren durch die amerikanischen Medien Berichte von "Gangs" und "Kriminellen" (Tödliche Straßenkämpfer "Made in Iraq"t) gegeistert, die sich im Militär breitmachen würden. Tatsächlich lag damals das Augenmerk der Berichterstattung auf den weniger strengen Richtlinien der Behörden bei Bewerbungen für den Armeedienst.

Dem SPLC-Bericht zufolge treten Neonazis, Skinheads und andere weiße Rechtsextremisten seit Monaten in großer Anzahl dem Militär bei, um sich auf einen "Rassenkrieg" in den USA vorzubereiten. Sowohl die Armeerekrutierer als auch Militärausbilder würden über die Motive der Rechtsextremen hinwegsehen, um die Ränge in der Armee, die an Rekrutenschwund leidet, zu füllen. Der SPLC-Rechercheur Mark Potok sagte, die Naziszene habe gezielt die Armee ausgewählt und versuche, sie strategisch zu unterwandern, um "die weltbeste Ausbildung an Waffen, Kampftaktiken und Explosionen" zu erhalten.

Das SPLC beruft sich auf den Pentagonmitarbeiter Scott Barfield, der für das Verteidigungsministerium Banden nachgeht. Barfield ortete innerhalb der letzten drei Jahre 320 Rechtsextremisten in der Armee. Vor kurzem wurden 57 Neonazis im aktiven Dienst bei Army und Marines entdeckt, die sich im Internet über Waffenbeschaffungen und Klandestinität austauschten und auf fünf große Militäreinrichtungen verteilt waren. Mehrere der Neonazis, so Barfield, seien bei Kampfeinsätzen im Irak gewesen. So habe man in Bagdad bereits Neonazi-Schmierereien entdeckt. Bisher wurden aber nur zwei Rechtsextreme vom Militärdienst ausgeschlossen.

Barfield kritisierte in dem Bericht die für interne Ermittlungen zuständige Abteilung der US Army, die in ihren Jahresberichten über Extremisten und kriminelle Machenschaften regelmäßig die Überschrift "minimale Aktivitäten" setzt. Die erfolgreiche rechte Unterwanderung sei "keine Epidemie", so Barfield, "doch es gibt viele Beweise dafür, dass die Zahl nur in der Army in die Tausende geht". In sämtlichen Sparten des amerikanischen Militärs, von der Army über die Militärpolizei bis hin zu Sondereinheiten, würden sich Neonazis bewegen. Blindheit auf dem rechten Auge beim Militär ist Barfield zufolge ein Systemproblem: "Die Rekrutierer erlauben Neonazis und weißen Rassisten wissentlich den Zugang zu den Streitkräften, und ebenso wenig entfernen die Kommandeure sie aus dem Militär, selbst wenn wir sie als Extremisten oder Gangmitglieder ausgemacht haben." Das Militär sehe in seinem Bestreben, die Rekrutenzahlen nicht sinken zu lassen, schlichtweg darüber hinweg. Dies spiegelt sich in Zahlen wieder. Im Juni erfüllte die US Army ihr Rekrutierungssoll zum dreizehnten Mal in Folge, was sie mit der gestiegenen Zahl von Armeerekrutierern und erhöhtem Militärsold begründete. Noch vor eineinhalb Jahren hatten die Militärs über mangelndes Interesse von Neulingen an der Armee beklagt. Doch Kritiker wie das SPLC halten die niedriger gelegte Messlatte für neue Rekruten für den eigentlichen Grund. Vor zehn Jahren hatte die Clinton-Regierung die Standards für Bewerber erhöht. Aber das war in Friedenszeiten.

http://www.heise.de/tp/artikel/23/23135/1.html
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