Der etwas andere Dialog über den Krieg im Libanon

19.07.2006

Was sich Israelis und Libanesen im Internet zu sagen haben

Die Freund/Feind-Logik des Krieges zwingt bestimmte Positionen auf, Lager werden gebildet, die Argumente auf die jeweilige Linie zugeschneidert, Widersprüche zur Seite geschoben, die Realität reduziert und verzerrt. Opfer gibt es nicht nur in realen Feuergefechten und bei Bombenabwürfen, sondern auch in der symbolischen Auseinandersetzung über die Gerechtigkeit des Krieges: Schicksale, die unbeachtet bleiben, abweichende Meinungen, die nicht zur öffentlich propagierten Kollektiv-Identität der jeweiligen Konfliktparteien passen. Dass sich Libanesen und Israelis angesichts der gegenwärtigen kriegerischen Eskalation mehr zu sagen haben als die bloße Wiedergabe von vorgefertigten Positionen und Meinungen, kann man sich denken. Zu sehen ist das in Bloggerdiskussionen.

Beide Länder verfügen über eine reiche, pluralistische Kultur, in beiden Ländern gibt es eine bedeutende Schicht von gut ausgebildeten jungen Menschen, die das Leben nicht nur von der harten Seite kennen, die sich nicht so einfach vor einen ideologischen Kriegskarren spannen lassen. Ihre Ansichten tauchen jedoch in der normalen politischen Berichterstattung kaum auf. Dass sich viele unter ihnen im Netz informieren und dort austauschen, ist keine große Überraschung. Dass dort aber tatsächlich ein offener Meinungsaustausch zwischen Israelis und Libanesen stattfindet, ist keine Selbstverständlichkeit angesichts eines zugrunde liegenden jahrzehntelangen Konflikts, der bestimmt ist von Unversöhnlichkeit.

In Diskussionen zwischen libanesischen und israelischen Bloggern zu einem Posting des libanesischen Sammelblogs "Lebanese Bloggers" zeigt sich, dass das Meinungsspektrum der unterschiedlichen Seiten zwar viel oder vielleicht sogar das meiste von dem widerspiegelt, was an Argumentationen an vielen anderen Orten schon gesagt und geschrieben wurde, Variationen von Aussagen wie "Den wahren Terror macht Israel" oder "Araber kennen nur das Mittel des Terrors". Aufrechnungen fehlen auch nicht, ebenso wenig Wut, Ohnmacht, Entrüstung, Zorn, Angst.

Aber dennoch schafft sich hier ein Wille zum Dialog Platz, den man sonst in Spuren nur am Kulturkatzentisch oder als sonntägliche Forderung wahrnimmt:

I'd like to begin a new discussion here - under the somewhat hopeful headline: "After the shooting stops, how are we going to stop this war from happening again?"

Not only do I believe it's more conductive than a "you hit my train station/you hit my airport" exchange - it can prove very enlightning, as I think most Israelies and Lebanese lack a good understanding of the political situation and the general mindset in the other country.

God knows I do, although I've been reading up on Lebanon quite a lot on the last few days. Heh. Beats studying for my Biochem test.

And who knows? If we can reach some sort of conclusion or at the very least better mutual understanding... We'd share with our friends who tell their friends... One small step at a time. :)

I wanted to start a discussion where everyone contributes some information to know whats behind this kidnap from one side, and the excess usage of power from the other side. Jad,libanesischer Blogger

Der eben zitierte Blogger Jad liefert auch ein Beispiel dafür, wie ernst er es mit dem Informationsaustausch und der Offenheit meint. Bestritt er in einem Posting, an einen Israeli adressiert, vehement die Möglichkeit, dass die Hisbollah menschliche Schilde benutzt:

...sie operieren von außerhalb und nicht aus dem Inneren von Ortschaften und ich will verdammt sein, wenn sie große Städte wie Tyr oder Saida (die von der israelischen Luftwaffe schwer bombardiert wurden) nutzen. Mann, ich kenne mein Land, ich hab im Süden gelebt, ich weiß, was da los ist und du müsstest jetzt bemerkt haben, wie sehr ich versuche, objektiv zu sein, statt mit Schuldbezichtigungen hier herum zu werfen. Ich kenne mein Land wie du deins, sage ich dir etwa, wie die IDF innerhalb Israels operiert?

- so korrigiert er dies in einem späteren Beitrag, nachdem er Informationen erhalten hat, wonach ein kleines christliches Dorf, Ain Ibil, im Süden von Hisbollah-Kämpfern in einem Pickup mit Raketenabschussrampen heimgesucht wurde. Eine weitere Information würde besagen, dass Ähnliches auch in West-Beirut geschehe. Diese Infos werden zur Debatte gestellt, man wartet auf Bestätigung oder Falsifikation - nicht das einzige Beispiel für einen derartigen Informationsaustausch.

Erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist der Beitrag eines israelischen Soldaten namens Sachar, der inmitten der Blogger auftaucht und sich offensichtlich dort über den Stand der Dinge informiert:

Hey.
I'm an IDF soldier stationed at the Lebanonis border, but got back home for a funeral of someone I knew.

We can't see all the bombing on Lebanon here from Israel (naturaly we're focusing on bombs at Israel), so you're pretty much updating me on what's going on.

I don't want to start arguing about who's right and who's wrong, the finaly word is that it's not right that civilians get hurt in the process, from both sides.

I'm sending you my best wishes from here, and hope that you and your family will be strong and be alright until this horrible situation will be over.

Kommentiert werden auch Zwischenfälle, die der gewöhnlichen Berichterstattung nur ein nüchternes News-Haiku wert sind, etwa die durch Bomben getöteten Insassen eines Autos auf dem Highway: "tell me where are hizbullah from a car on the highway ONE family inside!"

Am augenfälligsten unterscheidet sich der "etwas andere Diskurs" zwischen Israelis und Libanesen vom Gewohnten dort, wo es um grundsätzliche Axiome geht. Auszüge aus einem Posting eines israelischen Bloggers:

Its so true what you are saying, its essential for our survival. Trust the younger generation: occupation brought with it a moral burden. It twisted our sense of "rightness", we all pay a dear price for letting it happen (and i'm not talking only about Pl's resistance). Back in 1967 only few could think straight with all the "euporia" of victory... in an almost impossible war.Trust the younger generation, we are working hard to secure peace. I want my children to live in a safe enviorment, i dont want more war for them. No, we had enoght!We must change, and hope that our neighbours do the same. This forum is a good start.

Und eines libanesischen Bloggers:

OK i know what i'm going to say next will probably lead to any arab regime hanging me and throwing me to the sharks but nevertheless....

I do not agree that israel shuld dissolve itself, since one of my hobbies is ancient history, Jews were in Israel/Palestine from wayyyyy long time, actually, before nabuchanezzra invaded and slaved the jewish people (except one last state, i think it was king David's) there were no palestinians.

Ob der Kontakt zwischen den Bloggern, der "liberalen Elite" der jeweiligen Länder, aus der möglicherweise "künftige Führungspersönlichkeiten in Wirtschaft und Politik" hervorgehen, zu einer intimeren Kenntnis der Humanität des Anderen führt und mithin zu einer Scheu vor dem Töten - "It's not so easy to kill someone you know" - wie es die israelische Bloggerin Lisa Goldman hofft, ist nachvollziehbar, aber vielleicht etwas hoch gehängt angesichts dessen, wie sehr Krieg Menschen verwahrlosen und vergessen lässt.

Dass das Internet aber Verbindungen zwischen Menschen herstellen kann, die, unterschiedlichen Fronten zugeordnet, anderswo nicht so leicht zusammen finden würden, ist Realität, die "surreal" anmuten kann:

The internet has also been offering some surreal experiences, like the ability to have a Beirut-Tel Aviv online IM chat in real time while the missiles are falling. That's what happened to me and thisblogger a few nights ago. We chatted while he was sitting on the roof of his apartment building in Beirut, watching missiles from Israeli planes fall on his city and describing it to me. He was carrying on an online conversation with another Israeli at the same time. And he was able to describe his feelings and the atmosphere in a human, personal way that no newspaper article or television news segment could achieve.

Im Forum findet sich eine Übersetzung der englischen Blog-Postings ins Deutsche

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