Nach der Flut ist vor der Dürre

20.07.2006

Werden die schlimmsten Vorhersagen für den Klimawandel wahr?

Während die Amerikaner durchaus noch darüber debattieren, ob es den Klimawandel überhaupt gibt, scheint Europa fest daran zu glauben. Uneinig ist man allerdings in der Frage, was eigentlich genau auf uns zukommt. Schmelzen alle Gletscher, steigt der Meersspiegel? Aber wären die wärmeren Temperaturen nicht eher gut für kalte Länder wie Deutschland und Russland?

Seit rund anderthalb Jahren leidet New Orleans an einer außergewöhnlichen Dürre. In den letzten 12 Monaten bekam die Stadt zwar rund 2/3 seiner durchschnittlichen Niederschläge - etwa die Hälfte davon freilich am 29.8.2005. Wenn es aber nur um eine Stadt ginge, wäre das vielleicht nicht so schlimm, aber rund die Hälfte der USA leidet an einer außergewöhnlichen Dürre.

Der US-Dürremonitor zeigt, wie gravierend die Situation ist - von Texas bis zu den Dakotas wird das Wasser sehr knapp

Doch selbst wenn das drittgrößte Land der Erde an einer schlimmen Dürre leidet, muss dies nicht zwangläufig bedeuten, dass der Klimawandel bereits ausgebrochen ist. Man darf nämlich kein lokales Wetterereignis - örtlich und zeitlich begrenzt - mit einem globalen Klimaphänomen verwechseln. Genau dies tun nämlich die Gegner der Klimawandeltheorie (und zwar bewusst), indem sie beispielsweise auf die (wenigen) Orte hinweisen, wo die Gletscher wachsen, statt zu schrumpfen.

Was aber wenn die meisten Orte der Welt außergewöhnliche Wetterereignisse melden? Im Moment redet man auch in London, wo die Temperaturen seit Wochen mehr als 10°C über dem Durchschnitt liegen, schon über die Wiederholung des Rekordsommers von 2003, als die magische Grenze von 100 Grad Fahrenheit (knapp 38° Celsius) zum ersten Mal in der Geschichte Londons überschritten wurde.

Waren für die ungewöhnlich kühlen Pfingsten 2006 die verspäteten Eisheiligen schuld oder war es die verfrühte Schafskälte? Jedenfalls genießen wir seit Wochen spanisches Wetter in der BRD. Spanien selbst erlitt 2005 die schlimmste Dürre seit 60 Jahren. In Südostengland ist die jetzige Dürre die schlimmste seit 100 Jahren. Auch Australien und Ostafrika kämpfen mit Dürren.

Alles wird gut?

Zumindest einen werden die Wetterverhältnisse in New Orleans nicht überraschen: den deutschen Klimaforscher Mojib Latif. Seit Jahren prophezeit Latif eine schlimme Zukunft: Wenn der Meeresspiegel steigt, fällt mehr Regen. Dann hat aber eine Stadt wie Hamburg nicht etwa noch mehr Nieselregen, sondern heftige Stürme gefolgt von Dürreperioden - genau das, was in New Orleans momentan passiert.

So viel Regen auf einmal wird die Erde nicht aufnehmen können, weshalb das meiste Wasser einfach abfließt. Schlimmer noch: Aufgrund der anhaltenden Trockenheit zwischen den Stürmen wird die Erde noch weniger Wasser aufnehmen können. Und wenn die Pflanzen absterben, wird alles nur noch wüster.

Leider hat der Sommer 2003 schon gezeigt, dass ein wärmeres Europa nicht zu mehr Pflanzenwuchs führen wird, sondern zu weniger - sogar um die 30% weniger (Der Jahrhundertsommer und seine Folgen). Außerdem liefen manche Flüsse heiß, weil die vielen Kohle- und Kernkraftwerke (gerade in Frankreich) das erwärmte Kühlwasser in die seicht gewordenen Flüsse leiteten.

Doch die Kraftwerke konnte man nicht drosseln, denn man braucht gerade im Sommer mehr Strom als im Winter, um die Klimaanlagen zu betreiben. In den USA sind solche air-conditioners weiter verbreitet als in Europa, weshalb dieser Zusammenhang noch dramatischer zu Tage tritt: Letzten Juli stellten die USA einen neuen Rekord auf, als 95.000 Gigawattstunden in einer Woche verbraucht wurden. Am 17.7.2006 erreichte der Strombedarf in New York City eine Rekordsumme: 32.624 MW - trotz kurzer örtlicher Stromausfälle. Am selben Tag stellte Spanien auch einen neuen Rekord auf: 40.730 MW bei Temperaturen über 40°C.

Zurück nach Deutschland: Im Morgenmagazin sprach neulich ein Arbeitsrechtsexperte über die hohen Temperaturen am Arbeitsplatz. Er empfahl Arbeitnehmern, mit dem Arbeitgeber zu reden, wenn die Temperatur im Büro über 26° steigt, denn ab dann soll die Innentemperatur immer mindestens 6 Grad unter der Außentemperatur liegen. Reagieren viele Arbeitgeber, indem sie Klimaanlagen installieren (oder bestehende voll aufdrehen), dann muss wohl die ganze Stromversorgung Europas neu durchdacht werden, denn dieser Strom wird die Lastspitzen stark erhöhen. Es müssten neue Kraftwerke gebaut werden. Schon jetzt denkt man in den USA über den Ausbau von Zentralkraftwerken nach, um diese Spitzen abzufangen.

Doch sowohl in den USA als auch in Europa stößt man hier an Grenzen, denn wenn das Wasser knapp wird, kann man keinen Strom aus Kohle- und Kernkraft gewinnen. Die einzige Lösung wäre also eine sinnvolle Abschattung von Gebäuden (lowtech) und mehr Photovoltaik (hightech), die ja Lastspitzenstrom produziert - und ohne Wasser im Betrieb auskommt.

Fast die Hälfte aller Amerikamer ist nicht besorgt über den Klimawandel - mehr als in jedem anderen untersuchten Land. Quelle: Umfrage des Pew Global Attitudes Project

Al Gore schlägt zurück

Möglicherweise werden die Wetterkatastrophen der letzten Jahre tatsächlich zu einem Umdenken in den USA beim Thema Klimawandel führen. So berichtete National Geographic in der letzten Ausgabe, dass US-Wissenschaftler endlich die abstruse Theorie einer "Multidekadenoszillation" im Atlantik aufgegeben haben - sie glauben nun doch (wie übrigens mehr als 99% aller anderen Klimaforscher auf der Welt) herausgefunden zu haben, dass der Ozean wegen der Erderwärmung wärmer wird und deshalb mehr Stürme produziert.

Es schadet auch nicht, dass eine PowerPoint-Präsentation vom Ex-Vizepräsidenten Al Gore in den letzten Wochen als Film viele Zuschauer ins Kino lockt - ja, Sie haben richtig gelesen. Der Vortrag kann hier gestreamt werden (siehe auch diese britische Sendung dazu). Der Film lautet "An Inconvenient Truth" [eine unbequeme Wahrheit] und kommt sowohl bei Wissenschaftlern und - noch wichtiger - bei der breiten Masse in den USA an, die keineswegs unbedingt für Dokumentarfilme zu haben ist.

Gore tat sich schon am Anfang seiner Amtszeit im Weißen Haus als Umweltschützer hervor, und zwar mit seinem Buch "Wege zum Gleichgewicht. Ein Marshallplan für die Erde". Auch das Buch kam gut an, weshalb so viele Menschen von der Politik der Clinton-Regierung enttäuscht waren. Immerhin hat Gore höchstpersönlich das Kyoto-Protokoll ausgearbeitet - er kann auch nichts dafür, dass die USA ihn bis heute nicht ratifiziert haben. Man kann Clinton/Gore außerdem zugute halten, dass sie die letzten 6 der 8 Jahre im Amt quasi in der Opposition waren: Die Republikaner regierten den Kongress und konnten alles blockieren. Und solange sich im Kongress nichts ändert, dürfte das Land, das 25% der Ressourcen der Erde verschlingt, weiterhin leben, als gäbe es keinen Morgen.

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Anzeige
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Anzeige
Cover

Cold War Leaks

Geheimnisvolles und Geheimdienstliches aus dem Kalten Krieg

Bedrohungen des globalen Dorfes

Florian Rötzer

"Sechs Milliarden Menschen stellen in einer globalen Welt einen idealen Nährboden für die Mikroben dar"

weiterlesen
bilder

seen.by

Anzeige

TELEPOLIS