Leben in Trümmern

27.07.2006

Mails aus dem Libanon

Dan Halutz, israelischer Generalstabschef, hat das Schauspiel offiziell vorangekündigt: "Wir werden den Libanon um zwanzig Jahre zurückwerfen." Seither, seit dem Angriff der israelischen Armee am 11. Juli auf den Libanon, einem souveränen Mitglied der UNO, sieht die Welt zu, wie Zivilisten in beiden Ländern sterben, vor allem im Libanon. Hier die Stimmen einiger aus dem Land, das den "Angemessenen Preis" bezahlen muss, so der zynische Name der israelischen Großoffensive im Sommer 2006.

15. Juli

"In welches Land sollen wir denn noch flüchten???! Das schreiben sie nämlich nicht auf ihre Flugblätter, die sie vor ihren Bomben über uns abwerfen. WOHIN denn noch???!" (Mo'ataz, 57, Sunnit. Er lebt mit seiner Familie im palästinensischen Flüchtlingslager Raschidieh bei Tyrus)

16.Juli

"Das Ausmaß ihrer Zerstörung ist unvorstellbar ... Für sie sind wir nur Tiere, zum Abschlachten freigegeben. In Marwaheen haben sie die Bewohner per Lautsprecher aufgefordert, ihre Häuser binnen zwei Stunden zu verlassen. Die meisten versuchten in ihren Autos zu flüchten, manche wollten zum UN-Kontingent. Aber die IDF (Israeli Defense Forces) haben den Autokonvoi dann auf offener Straße bombardiert. Es waren viele Kinder darunter." (Halal, 29, Schiitin. Mit ihrem Mann und den beiden Töchtern Nour (3) und Salma (8) konnte sie aus dem Südlibanon nach Beirut fliehen. Ihre Mutter musste sie zurücklassen.)

17. Juli

"Den Israelis zufolge ist es mein Job, die Hizbollah zu entwaffnen. Gestern Nacht aber griff die israelische Armee die Stützpunkte der libanesischen Armee an. Täusche ich mich, oder wollen sie weder das Überleben der Hizbollah noch das der libanesischen Armee?" (Fadel, 22, Sunnit. Soldat in der libanesischen Armee)

18. Juli

"Vor zwei Wochen landete meine Schwester mit der Maschine aus Paris. Gleichzeitig landeten noch Maschinen aus Istanbul, Frankfurt, Prag, Bahrain und Kuwait. Ich kann es immer noch nicht fassen... heute ist der Flughafen zerstört. Wir haben so unendlich viel investiert, um dieses Land nach dem Bürgerkrieg wieder aufzubauen, um wieder auf unseren Beinen zu stehen. Und wir waren so davon überzeugt, eine starke Touristenattraktion werden zu können. Das Potential hat der Libanon: Er hat den Charme des Orients und die Technologie des Westens. Es ist eine geheimnisvolle Mischung. Jetzt ist das Geheimnis weggebombt. Die Ausländer werden evakuiert. Wir bleiben in der Hölle zurück. Sie kreisen über Libanons Himmel. Es gibt nur noch Einschläge, Sirenen und das Geschrei von Menschen." (Laury, 35, Armenierin. Mitarbeiterin in der libanesischen NGO "Center for Conflict Resolution and Peace Building")

19. Juli

"Fünfzehn Jahre Bürgerkrieg waren psychisch erträglicher als diese Bomben im Minutentakt. Gestern sogar auf vier Lastwägen mit Hilfslieferungen aus der Türkei und den Emiraten. Ghada, unsere Jüngste, hat zwei Tage vor Kriegsbeginn geheiratet. Sie war so schön... der Friseur hat ihr einen ‰Sissi-Zopf' gemacht mit weißen Blüten. Na, unser Glück - im Libanon geboren zu sein." (Liliane, 51, maronitische Christin)

20. Juli

"Keine Elektrizität - weißt du, was das bei dieser Hitze bedeutet? So ergeht es jetzt dem Süden. Aber andrerseits gibt's ja auch weder Wasser noch Nahrung, die gekühlt werden müssten... Die Menschen sind eingekesselt, mitsamt ihren Schwerverletzten, Kleinkindern und Hochschwangeren. Die Israelis ignorieren Anfragen des Roten Kreuzes nach Versorgungswegen." (Fadi, 21, Schiit. Er flüchtete aus Mardschajun. Die Hauptstadt des Südlibanon ist mittlerweile nahezu menschenleer)

21. Juli

"....es heißt, sie marschieren morgen ein; entschuldige, wenn mir ich mich konfus anhöre, das sind die Nerven. Eine Zeit lang dachte ich dran, in den USA zu promovieren, aber ich hatte Angst davor, von der Denke dieser Nation geschult zu werden, denn die ist der menschlichen Zivilisation nicht würdig: das Survival of the Fittest..." (Hadi, 24, Sunnit. Studiengang: "Human Resources")

22. Juli

"Die Preise für alles, was aus der Bekaa Ebene zu kommen pflegte, sind enorm gestiegen. 1 Kg Brot kostet statt 1500 Libanesischen Pfund (ca. 80 europäische Cent) mindestens 1750, da wo es keine Bäckereien gibt, bis zu 5000 Pfund. Das Kilo Zitronen kostet statt 500 jetzt 4000 Pfund. Es heißt, die Reserven für Weizen und Benzin halten noch maximal drei Monate." (Munir, 33, Druse. Taxifahrer)

23. Juli

"Was kommt danach? Wir werden allein gelassen mit den Toten, Verwundeten, den Ruinen, den Flüchtlingen, den Seuchen. Wir werden nicht mehr dieselbe Aufmerksamkeit wie jetzt bekommen ... die Massaker von Ruanda haben uns eine Weile erschüttert. Wer erinnert sich an Afrika heute?" (Hanady Salman, 38, Journalistin bei der renommierten libanesischen Tageszeitung Al-Safir. Seit Kriegsausbruch führt sie ein Tagebuch.

Unterdessen schlägt Israel weiterhin einen Waffenstillstand aus. US-Außenministerin Condoleezza Rice bezeichnete auf ihrer Israel-Stippvisite die Lage als "schwierigen Moment" für alle Beteiligten. Ihre israelische Amtskollegin Zippi Livni betonte: "Die freie Welt wird bedroht, die Hisbollah will die Welt in Brand stecken." Die US-Organisation Human Rights Watch konnte Israel indes den Einsatz so genannter Cluster-Granaten bei einem Angriff auf das libanesische Dorf Blida nachweisen.

Sämtliche E-Mails wurden der Autorin zugesandt.

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