Sturm im Bio-Tank

Brigitte Zarzer 24.07.2006

Eine Meldung über mögliche Krebsrisiken durch Rapsölabgase fördert Grabenkämpfe im Bioenergie-Bereich zu Tage

Forscher der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft in Braunschweig fanden in einem Laborversuch heraus, dass Rapsölabgase ein weitaus höheres Krebsrisiko aufweisen als die von fossilem Diesel. Obwohl die Wissenschaftler betonen, dass es sich dabei lediglich um eine Vorstudie handelt und das Ergebnis auch nicht für Biodiesel gelte, kam postwendend Kritik vom Verband der Pflanzenöl-Hersteller. Diese sehen in dem Test einen Versuch, Rapsöl als alternativen Treibstoff zu diskreditieren. Indes zweifelt das Umweltbundesamt derzeit generell an der Sinnhaftigkeit von Biosprit aus Ölpflanzen und stellt gegenüber Telepolis die staatliche Subventionierungspraxis in Frage.

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Alles begann mit einem vor kurzem ausgestrahlten Beitrag im ARD-Magazin Panorama. Dabei wurde über einen Versuch mit Rapsöl an der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft berichtet, der zeigte, dass nicht alles per se gesund sein muss, wenn Öko drauf steht. Die Wissenschaftler hatten an einem Emissionsprüfstand die Abgase eines Motors bestimmt, der mit Rapsöl betrieben wurde. Eine andere Arbeitsgruppe prüfte an Bakterien deren erbgutschädigende Wirkung. Das Ergebnis dieses Versuchs: Rapsöl-Abgase berge ein zehnfach höheres Krebsrisiko als herkömmlicher Diesel. Daraus bastelte eine Nachrichtigenagentur eine Meldung mit dem Titel "Bedenken an Biodiesel nach Bakterienversuch".

Nun differenzieren aber auch Chemiker zwischen Rapsöl und Biodiesel. Denn dieser wird erst im industriellen Prozess durch Umesterung und Zugabe von Methanol aus dem reinen Pflanzenöl hergestellt. Gegenüber diversen Medien betonte Jürgen Krahl, Professor an der Fachhochschule Coburg, dass dieser Versuch lediglich mögliche Probleme bei Rapsölabgasen aufzeige. In Bezug auf Biodiesel habe er bereits früher eine kritische Studie aus Schweden widerlegt, wonach dieser mehr Krebs erregende Stoffe freisetze als normaler Diesel, sagte er gegenüber der Süddeutschen Zeitung. Vielmehr schneide Biodiesel besser ab als fossiler. Bei Rapsöl sehe die Sache wieder anders aus. Für den Forscher ist es deshalb nicht nachvollziehbar, dass Rapsöl bis 2008 steuerfrei bleibe, während Biodiesel ab August 2006 mit zunächst neun Cent pro Liter besteuert wird, heißt es in der Süddeutschen.

Offensichtlich geht es in dieser Diskussion also nicht primär um Biosprit contra fossilen Treibstoff, sondern eher um einen schwelenden Konflikt zwischen Pflanzenölbranche und Biodiesel-Lobby. Einen solchen spricht die Reaktion des Bundesverbands Pflanzenöle dezidiert an. In der Aussendung heißt es wörtlich:

Natürlich ist es nicht überraschend, dass dieser neuerliche Angriff auf die Nutzung von reinem Pflanzenölkraftstoff just in dem Moment kommt, in dem die Entscheidung über die künftige Energiesteuer für Pflanzenöl gefallen ist. Die relative und befristete höhere Begünstigung von Pflanzenöl-Reinkraftstoff gegenüber Biodiesel muss deren Vertreter (und dazu gehört auch Prof. Krahl) zutiefst wurmen. Dass sich für eine solche parteiliche Propaganda Wissenschaftler hergeben, die offensichtlich dubios ermittelte Ergebnisse in die Öffentlichkeit bringen, und dass sich eine (früher) geachtete Magazin-Sendung für einen solchen Dienst bereit finden, sollten wir uns alle gut merken.

Der Verband kritisiert in der Pressemitteilung unter anderem, dass für den Versuch ein gängiger und kein speziell für Rapsöl umgebauter Motor verwendet wurde. Darüber hinaus zielt der Verband aber auch gegen das Umweltbundesamt, das sich seit einigen Jahren bereits eher skeptisch über Biokraftstoff aus Raps äußert. "Dabei geht es nicht primär um die Unterscheidung von reinem Rapsöl oder Biodiesel. In unserer Beurteilung stehen der Klimaschutzgedanke und der Schutz fossiler Ressourcen im Vordergrund", erklärt Dr. Andreas Ostermeier vom UBA gegenüber Telepolis. "Wir untersuchen alle alternativen Optionen unter dem Aspekt, wie viel Klimaschutz bekomme ich und was muss ich dafür aufwenden. Bei Biodiesel bekomme ich ein klein wenig Klimaschutz für einen hohen Aufwand an Ressourcen – konkret Subventionierung und Flächenaufwand", bringt der Experte die Meinung des UBAs auf den Punkt. Ein Hintergrundpapier des Amts (Anm. es liegt der Redaktion vor) erklärt das Problem ein wenig ausführlicher:

Für Biodiesel ergibt sich folgendes Bild: Das gegenwärtige Mengenpotenzial von Biodiesel in Deutschland ergibt sich aus den verfügbaren Anbauflächen für Raps und liegt zwischen 0 und 2 Mio t/a. Die Obergrenze gilt bei Nutzung aller nicht zur Nahrungs- und Futtermittelproduktion benötigten Ackerflächen. Die hiermit produzierbare Menge Biodiesel entspricht 3,5 % des gegenwärtigen Otto- und Dieselkraftstoffverbrauches. Die Klimagasemissionen in diesem Bereich werden dadurch um etwa 1,5 - 2 % gemindert, da Biodiesel aufgrund von Energieverbrauch und Lachgasemissionen im Rapsanbau etwa 50% der Treibhausgas-(THG-)Emissionen von fossilem Diesel verursacht. Eine derartige Nutzung steht aber im Gegensatz zu anderen Nachhaltigkeitszielen wie Ökolandbau, Einrichtung von Biotopverbünden oder Schutz von erosionsgefährdeten Flächen. Bei deren Umsetzung gehen die freien Anbauflächen und damit die möglichen Biodieselmengen gegen Null.

Vor diesem Hintergrund wird auch verständlich, warum sich große Umweltschutzorganisationen wie Friends of the Earth oder Greenpeace tendenziell gegen die Ausweitung von Rapsanbau in Europa zur Energiegewinnung positionieren, wenngleich das der eigenen Klientel oft schwer vermittelbar ist, wie ein Insider gegenüber Telepolis zugibt. Als etwa das österreichische Bundesland Niederösterreich vor geraumer Zeit eine ökologisch anmutende Energiepflanzeninitiative startete, warnten verschiedene Organisationen davor, bei den Landwirten damit falsche Erwartungen zu wecken, die sich höhere Einkünfte durch Energiepflanzen erwarten. Die Umweltschutzorganisation Global 2000 zeigte für diese Region, was realistisch möglich wäre, und stellte die Sinnhaftigkeit eines großflächigen Raps-Anbaus in Frage. "Sehr optimistisch berechnet können bis 2008 rund 1,3 Millionen Tonnen CO2 durch Biodieselbeimischung eingespart werden", hieß es in einer Aussendung.

Für diese im Vergleich zu anderen Maßnahmen geringe Reduktion der CO2-Emissionen wäre ein großflächiger, intensiver Rapsanbau notwendig. Die Anbaufläche müsste von jetzt 31.000 auf 400.000 Hektar gesteigert werden. Dies hat negative Folgen für Grundwasser und Boden. Denn Intensiv-Rapsanbau bringt enormen Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln mit sich. Zudem ist die Aufbereitung zu Treibstoff sehr energieintensiv, was die Ökobilanz weiter verschlechtert. Beimischung ist aus ökologischer Sicht keine sinnvolle Verwendung von Raps-Diesel.

Zudem fürchten die NGOs, dass über Energiepflanzen wie Raps Gentechnik quasi durch die Hintertür in die Landwirtschaft Eingang findet, da hier der Verbraucherwiderstand wesentlich geringer ist als im Nahrungsmittelbereich. Und selbst wenn Biodiesel aus bodenschonendem Öko-Rapsanbau gewonnen würde, gebe es für die Breitenanwendung wahrscheinlich bessere Alternativen, meint der UBA-Experte Ostermeier gegenüber Telepolis. Alle Fachleute, auch die Befürworter von Biodiesel würden wissen, dass man mittelfristig andere Optionen brauche. Es gebe zwar verschiedene Entwicklungsvorhaben, die vielversprechend wären, etwa bei der Nutzung der gesamten Pflanze zur Treibstoffgewinnung. Bis zur Marktreife würde es aber noch ein wenig dauern.

Derzeit, so Ostermeier, sei die stationärere energetische Nutzung von Biomasse die aus ökologischer Sicht sinnvollste Nutzung von erneuerbaren Rohstoffen. Um den CO2-Output zu reduzieren müsse aber auch der Verbrauch von Kraftstoff gesenkt werden. Dementsprechend lautet die Empfehlung der UBA:

Der effektivste (technische) Beitrag, den der Verkehrsbereich innerhalb der nächsten 30 Jahre sinnvoller Weise zum Klimaschutz leisten kann – und muss, ist die schnellstmögliche Verbrauchsminderung der Fahrzeuge. Der konsequente Einsatz bereits heute verfügbarer Technologie erlaubt dabei eine Halbierung gegenüber dem gegenwärtigen Verbrauchsniveau ohne wesentliche Einschränkung des Gebrauchsnutzens.

Geht man mit dem Umweltbundesamt, so zeigt sich einmal mehr, dass im Energiebereich aus ökologischer Sicht die Zauberformel "Bündelmaßnahmen" lauten sollte: Verbrauchsreduktion, Energieeffizienz und nachhaltige Nutzung der unterschiedlichen Formen erneuerbarer Energien.

http://www.heise.de/tp/artikel/23/23169/1.html
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