Das Handy als Freund und Leibwächter
Die neue Kommunikationsprothese hat für viele das Leben verbessert und ist unentbehrlich für die Bewältigung des Alltags geworden
Die Menschen scheinen ohne Handys nicht mehr auszukommen. Das Mobiltelefon ist zu einer Prothese geworden, die stets mitgeführt wird und so als Leine dient, um den Kontakt zur Horde nicht zu verlieren. Die Horde ist heute natürlich nicht mehr nur vorwiegend räumlich an einem Ort konzentriert, sondern dezentralisiert, womöglich über den ganzen Globus zerstreut. Handys dienen freilich nicht nur der Kommunikation. Sie sind zwar kaum noch wie zu Beginn ein Statussymbol, weil nun fast jedermann eine solche Prothese besitzt, aber der Umgang mit diesen Geräten sendet Zeichen an die Menschen in der näheren Umgebung, verbindet die Menschen aus der Distanz, erhöht den sozialen Druck, sorgt für Sicherheit und dient zur schnellen Verbreitung von Informationen und Bildern.
Nach einer von Carphone Warehouse in Auftrag gegebenen und mit der London School of Economics durchgeführten Umfrage Mobile Life wurden 16.5000 erwachsene Briten nach ihrem Umgang mit dem Handy befragt, das es seit etwa 20 Jahren gibt und das im letzten Jahrzehnt mit einer großen Geschwindigkeit sich auf der ganzen Welt verbreitet hat. Die angeblich erste derart große Studie soll auch die erste einer geplanten Reihe sein, um die Veränderungen des sozialen Lebens durch das Handy zu erfassen – und natürlich um herauszukriegen, welche Dienste für die Nutzer attraktiv sind und wie man besser Geschäfte mit dem Handy machen kann.Wie es sich für eine Studie über Handys gehört, heißt es, dass mittlerweile mehr Menschen in der Altersgruppe zwischen 18 und 24 Jahren diese wichtiger finden (24%) als das Fernsehen (12%). Allgemein rangiert das Fernsehen bei den Menschen, die die fünf wichtigsten technischen Produkte nennen sollten, noch mit 23 gegen 12% weit vorne. Und tatsächlich liegt in der Gunst der Befragten das Internet an der Spitze. Für 50% ist dies das wichtigste Produkt. Selbst bei den Benutzern, die mehr als sechsmal täglich ihr Handy gebrauchen, steht das Internet noch vorne. Seltsamer- oder bedeutsamerweise können weder iPod noch Spielekonsole damit mithalten, die weit abgeschlagen sind. Allerdings wachsen alle diese Geräte auch auf dem Handy zusammen, mit dem man surfen, fernsehen, Radio und Musik hören oder Filme sehen kann.
|
|
Weniger erstaunlich ist freilich, dass das Handy bei den Frauen besser angesehen ist als bei den kommunikationsfauleren Männern. Dazu mag auch beitragen, dass das Gerät bei diesen auch zur Abwehr lästiger Anmache und als Sicherheitsgarant vor potenzieller Gefahr gilt. So benutzen Frauen nach Selbstaussage ihr Handy oft auch in öffentlichen Plätzen. So kann auch so tun, als würde man ein Gespräch führen, eine SMS lesen/schreiben oder im irgendwelche Internetdienste benutzen, wie man früher ein Buch oder eine Zeitung eingesetzt hat. Das ist ein Signal, dass man beschäftigt ist und kein Interesse an Kontakt hat, aber es kann auch eine Botschaft sein, dass man mit einer anderen Person verbunden ist, die mitbekommen würde, wenn etwas passieren sollte. In der Studie wird von der Funktion eines "sozialen Leibwächters" gesprochen
92% der Handy-Besitzer behaupten, dass sie ohne Handy einen gewöhnlichen Tag nicht mehr wirklich bewältigen könnten. Das ist aber – da zur Kommunikation Telefone und Internet bleiben - doch wohl übertrieben, widerspricht der höheren Bedeutung des Internet und des Fernsehens oder scheint Ausdruck einer selbstverschuldeten Abhängigkeit zu sein, die aber nur 9% oder, was schon anders klingt, 400.000 Menschen unter 25 Jahre als eine Art Sucht beschreiben. So sind denn auch zwei Drittel der Jüngeren der Überzeugung, dass das Handy ihr Leben verbessert habe, bei den über 40-Jährigen ist man hier eher geteilter Meinung. In welcher Hinsicht es das Leben verbessert habe, wurde leider nicht gefragt. Die überwiegende Mehrheit bedauert jedenfalls nicht, dass es erfunden worden ist. "Feinde" des Kommunikationsmittels gibt es also kaum, auch wenn doch Bedenken bestehen, hinsichtlich der Arbeit zu sehr an der Leine zu hängen.
Gleichwohl wird das Handy aber oft nicht ausgeschaltet. Fast vierzig Prozent lassen es meistens oder immer an, also auch beim Schlafen, man kann ja nie wissen. Manche scheinen selbst beim Sex nicht davon lassen zu können, nur 14% sagen, dass sie es zu dieser Gelegenheit abstellen, etwa so viele, wie es auch beim Sport oder im Urlaub abstellen. Die Bedarfsbenutzer scheinen eine Minorität gegenüber den pflichtschuldigen Always-On zu bilden. Nur 13 Prozent schalten es lediglich dann ein, wenn sie es benötigen. Seltsam sind auch die Regeln, nach denen man in der Öffentlichkeit Handys eher an- oder ausschaltet. Am ehesten werden Handys in Kinos oder Theatern ausgeschaltet. Schon seltener bei Sitzungen, im Restaurant
Offenbar schätzen besonders jüngere Menschen am Handy die Möglichkeit, SMS zu verschicken. Gegenüber Anrufen ermöglicht dies eine zeitversetzte, also "freiere" Kommunikation, weil man hier nicht präsent sein muss, weniger unter sozialem Druck steht, dafür aber Zeit zum Nachdenken hat und vor allem die Botschaft stilistisch perfektionieren kann. Tatsächlich scheinen die Menschen zunehmend die schriftliche Konversation der mündlichen vorzuziehen. Zumindest quantitativ ist dies bereits so. Täglich werden durchschnittlich 3,5 SMS verschickt, aber nur 2,8 Anrufe gemacht. Bei den 18-24-Jährigen ist dies besonders auffällig. Über 50 Prozent versenden oder empfangen angeblich täglich mindestens 6 SMS, aber nur 15 Prozent haben mindestens 6 Handy-Gespräche. Gleichwohl interpretiert die Sozialwissenschaftlerin Kate Fox als Ergebnis der Untersuchung, dass das Handy – ganz in der Nachfolge von McLuhans globalem Dorf – das Gespräch über den Gartenzaun mit den Nachbarn nun auch unter den isolierten Bedingungen des modernen (urbanen) Lebens wieder einführt. Die Interpretation übersieht die Neigung zu Textbotschaften mit ihren Unterschieden zu verbalen Gesprächen und will Veränderung als Rückschritt in eine vorindustrielle Gemeinschaft des Dörflichen deuten, was angesichts der großen räumlichen Zerstreuung der Kommunikationspartner und der Möglichkeit, mit Fremden in Kontakt zu treten, geradezu absurd erscheint:
The space-age technology of mobile phones has allowed us to return to the more natural and humane communication patterns of pre-industrial society, when we lived in small, stable communities, and enjoyed frequent conversation with a tightly integrated social network of family, neighbours and friends.
Der Bericht verkündet auch, dass Handys "das Liebesleben der jungen Erwachsenen revolutionieren" würde. Geschlossen wird das u.a. daraus, dass bereits mehr als die Hälfte der 18-14-Jährigen über SMS eine Einladung zu einem Treffen erhalten oder verschickt haben soll. Genauso viele hätten auch "sexuell explizite Texte" empfangen oder verschickt. Und 20 Prozent der unter 25-Jährigen hätten bereits eine Beziehung via SMS beendet. Letzteres ist einfach und unkompliziert, weil man sich nicht groß erklären und dem Anderen dabei in die Augen schauen muss, besonders revolutionär ist es aber wohl nicht. Neu mag hingegen die Sensibilität sein, dass das Erhalten oder Versenden von "flirtenden" SMS ein Betrug am Partner sei, aber besonders revolutionär scheint auch das nicht zu sein. Realistisch sagt denn auch die Mehrzahl, dass Handys die Familie oder Freundschaften wohl nicht verstärkt, allerdings scheinen sich die Jüngeren hier doch schon stärker auf das technische Kommunikationsmittel zu verlassen. Aber auch hier bleibt die Studie an der Oberfläche stehen.
Dafür muss natürlich auch einmal wieder betont werden, dass Handys "uns unweigerlich zu neuen Formen der Demokratie und der politischen Beteiligung" treiben. So würde der "Citizen Journalism" gedeihen, da nach der Umfrage viele sagen, sie würden ihr Handy benutzen, um ein Verbrechen oder ein Beweis für ein Verbrechen zu dokumentieren. Und ein Drittel sagt gar, was auch nicht besonders überrascht, dass sie mit dem Handy einen Prominenten oder ein bedeutendes Ereignis aufnehmen würden. Verändert hat sich sicherlich, dass immer dann, wenn etwas sich ereignet und Menschen vor Ort mit Handy-Kameras sind, es nicht nur Bilder aus diesen Quellen – und nicht nur von Reportern – gibt, sondern sie sich auch blitzschnell über den Globus verbreiten. Daraus aber abzuleiten, dass jeder dank des Handys eine "Miniaturversion eines BBC-Fernsehzentrums" in Händen hält und wir von einer repräsentativen zu einer partizipatorischen Demokratie übergehen, ist schon gewagt. Lord Philip Gould macht es sich ein wenig zu einfach, wenn er das Handy selbst als Befreiungs- und Demokratiegerät verkaufen will. Vielleicht muss man das auch buchstäblich so sehen. Erst wenn eine Person ein Handy benutzen kann, erhält er angeblich eine Stimme, die gehört wird – geradezu so, als würde er global geschaltet und global empfangen werden.
Mobile phones are part of a process in which communications are being inexorably democratised. There is no nation nor political system that can block the consequences – for good or bad – of each individual having his or her own opportunity both to receive opinions, and to transmit them. Give someone a mobile phone and you give them a voice. Give them a voice and you offer the opportunity of empowerment.
Man muss sich fragen, ob solche Verheißungen tatsächlich von dem Glauben getragen werden, dass Techniken selbst die sozialen und politischen Verhältnisse implizit verändern – oder ob es Werbesprüche sind, die Techniken nur attraktiver, mithin: verkäuflicher machen sollen.
Wissen wir jetzt mehr über die Veränderungen des sozialen Lebens durch das Handy? Durch diese Umfrage wohl nicht. Interessant könnte vielleicht sein, dass Handys auch dazu benutzt werden, möglichst viele Telefonnummern und Adressen von anderen Menschen zu sammeln. Ein Drittel hat mehr als 50 Nummern abgespeichert, bei den Jüngeren sind es durchschnittlich 50 und mehr. Das Freunde- oder Kontakt-Sammeln ist auch im Web beliebt. Je größer die Freundeslisten, desto begehrter und anerkannter die Person, desto eher ist sie ein Knoten im sozialen Netz oder fühlt sich so. Benutzt werden die Nummern aber kaum. Meist werden nur regelmäßig ganz wenige Nummern regelmäßig angerufen. Politiker können immerhin darauf vertrauen, dass selbst die meisten Handy-Nutzer denken, dass Telefonieren beim Autofahren riskant sein kann. Und noch finden es nur wenige akzeptabel, den Partner heimlich zu überwachen und zu lokalisieren. 17% fänden es aber offenbar schon in Ordnung, dies mit dem Wissen des Partners zu machen. Wird man also bald seine Liebe unter Beweis stellen, indem man sein Handy Tag und Nacht zum Tracking für den kontrollierenden Partner freischaltet?
http://www.heise.de/tp/artikel/23/23175/1.html- Nee (21.8.2006 21:51)
- @ IjonTichy: 16.500! (26.7.2006 22:33)
- @heise: Wieviel sind 16.5000 ?? (26.7.2006 16:37)
Darstellungsbreite ändern
Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.
