Energie für unterwegs
Die Zunahme der Akkumulatoren als Symptom
Derzeit sind über ein Dutzend Elektrogeräte in meinem Besitz, die von Akkus angetrieben werden, Austauschakkus in größerer Zahl gehören natürlich dazu. Von der Digicam bis zum Bluetooth-Headset ist alles dabei. Zusammen mit den notwendigen Ladegeräten ergibt das einen hübschen Haufen Kram. Ich bin mir sicher, dass nicht nur bei mir die Anzahl der batteriebetriebenen Geräte stetig zunimmt. Aber warum eigentlich?
Alvin Tofflers "Future Shock" von 1973 ist ein lustiges Buch. Es sagte ein Menge voraus, vor allem eine Menge Unsinn, und man kann sich köstlich bei seiner Lektüre amüsieren. Wer einen Beleg für die Sinnlosigkeit konkreter Zukunftsaussagen haben will, für den bietet Future Shock viele Beispiele.
Aber es ist auch ein zwiespältiges Buch, denn verschiedene Tendenzvoraussagen treffen sehr wohl zu, zum Beispiel die von der Nomadisierung der Gesellschaft. Die war 1973 tatsächlich erst in Ansätzen zu erkennen, setzt sich seitdem aber immer stärker durch und hat sich mit der Globalisierung auf eine Weise verschärft, wie sie auch Toffler nicht vorausahnen konnte.
Was vor einigen Jahren noch hip war, die ständige Veränderung des Standorts aus maßgeblich wirtschaftlichen Gründen (und Nöten), ist heute Standard, und das gilt interessanterweise für Migranten genauso wie für Manager und viele, viele andere auch - freilich auf unterschiedlichen Ebenen des Komforts.
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Die Geschichte des Akkumulators ist eng mit der der Mobilität verknüpft. Als die Technologie Mitte des 19. Jahrhunderts auftauchte war noch nicht an eine mobile Anwendung zu denken, der industrielle Durchbruch kam erst 1886. Mit der Entwicklung des Automobils aber war ihr Potenzial voll erkannt. Der Krieg hat wie üblich eine Rolle gespielt. U-Boote, die unter Wasser mobil bleiben wollten, brauchten Akkumulatoren. Das Experimentieren mit immer neuen Werkstoffen und Elektrolyten führte zu den Akkus, die wir heute kennen.
Mobilität, Bereitschaft und Funktion sind die Grundwerte einer Gesellschaft, die den Akku verlangt, und in jedem Wortsinn von ihm angetrieben wird. Der Akkumulator ist ein wunderbares Beispiel dafür, dass Technologien "auftauchen", wenn Gesellschaften eines bestimmten Entwicklungsstands nach ihnen rufen. Für die Archäologen der Zukunft mag er in seinen verschiedenen Bauformen daher auch ein Leitfossil für die Mobilitätsgesellschaft werden. Für die Nutzer ist er eine immer leichtere Fessel, die immer weiter reicht.
In "Kaltstart" schrieb ich vor einigen Jahren:
Bevor ich glücklicher Laptop-Besitzer wurde, hatte ich in einem kritischen Essay schon einmal angemerkt, daß tragbare Computer zwar toll sein können, allerdings auch umgekehrt die ganze Welt in ein Büro, und die Landschaft in eine Fototapete verwandeln, getreu der Devise, daß kein Platz der Welt davor verschont sein soll, als Ressource und Arbeitsplatz zu dienen.
Zu dieser Zeit besaß ich ein Laptop, das bei 3,1 kg Gewicht allerdings gar nicht wirklich mobil war, sondern stets nur als Desktopersatz genutzt wurde - zuletzt während eines Stipendienaufenthalts, bei dem es immer drinnen blieb, weil die Rest-Akkulaufzeit zu gering war. Dieser Text hingegen ist auf einem nur 1,8 kg schweren Gerät entstanden, das eine Batterielaufzeit von bis zu 24 Stunden erreicht.
Der Apple eMate 300 stammt zwar auch von 1997, war dem großen Mobilitätsboom der letzten Jahre aber leicht voraus und wurde unverständlicherweise nicht als Texterfassungsmaschine für Journalisten und Autoren vermarktet, sondern als Lernrechner für Schüler. Ein klassischer Apple-Irrtum. Und jetzt sitze ich im Freien und verwandele meine Umgebung in die Fototapete eines überdimensionalen Büros, das überall ist.
Unmöglich ohne Akkumulatoren und ein stromsparendes Design. Gegenüber der Arbeit am Desktoprechner gibt es klare Vorteile: Bei 35 Grad im Schatten ist es nun einmal wenig angenehm, in einem Arbeitszimmer zu sitzen, das ständig durch einen 350-Watt-Heizlüfter weiter aufgewärmt wird.
Wo Menschen ihre Arbeit mit hinehmen, nehmen sie das Amusement mit hin. Die mp3-"Revolution" mag die Musikindustrie beschädigt haben, den Herstellern von Akkus war und ist sie die reine Freude. Was William Gibson damals über den Walkman sagte, dass seine befreiende Macht nämlich darin bestünde, eine persönliche Auswahl von Musik immer dabei haben zu können, wäre ohne Akkus schlecht möglich gewesen, und gilt für mp3-Player natürlich genauso - wenn man die Aussage bedeutend erweitert: Ohne Akkus wäre es heute den Nutzern nicht möglich, die Musik ihres Lebens in der Tasche zu tragen.
Wie empfindlich abhängig wir von den mobilen Kraftspendern inzwischen sind, lässt sich immer dann erkennen, wenn sie massenhaft zu versagen drohen. Es ist nun mal keine Kleinigkeit mehr, wenn Dell 4,1 Millionen Akkus wegen Brandgefahr zurückruft. Was so oft verkauft und benutzt wird, braucht nur relativ selten wirklich fehlerhaft zu sein, um massive Schäden hervorzurufen.
Wie geht das weiter? Soll man sich wie Toffler an konkreten Voraussagen die Finger verbrennen? Werden Brennstoffzellen dafür sorgen, dass die Geräte nicht nur für Wochen, sondern für Monate und Jahre vom Netz unabhängig bleiben? Werden die Benutzer papierdünne, knick- und rollbare Computer mit sich herumtragen, die alles können, vom sprachgesteuerten Videoschnitt bis zur anspruchsvollsten Wettersimulation? Vielleicht. Werden die Brennstoffzellen oder andere Technologien die Akkumulatoren verdrängen, die ihren Dienst getan haben, weil sie nicht mehr genug Mobilität bieten?
Vielleicht. Wahrscheinlich wird es eher zu einer Coevolution von Akkumulatoren und anderen Energietechnologien kommen; den Ingenieuren fällt schon etwas ein. Recht sicher ist, dass der Büroeinzelpatz mit Desktoprechner, Bildern von der Familie, Dilbert-Comics und Ablagefächern nicht das Paradigma der Computerarbeit bleiben wird. Wir sind nun einmal mobilisiert worden.
http://www.heise.de/tp/artikel/23/23187/1.html- Da wäre ich für offen (20.8.2006 21:08)
- Ok, hast gewonnen - vorerst (20.8.2006 19:23)
- Ich bleibe bei Einwegbatterien (19.8.2006 10:57)
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