Mit Karten die Welt(en) verstehen

29.07.2006

Wie Kartographien unsere Weltbilder beeinflussen

Informative und interaktive Karten sind immer öfter Teil von Webseiten, insbesondere von Nachrichtenseiten. Oft einfach als bloßes Darstellungsmittel verwendet, seltener als analytisches Werkzeug - die Konsequenzen und die Bedeutung solcher Darstellungen werden dabei selten zum Thema gemacht. Ein Streifzug durch das Netz.

Karten unserer Umwelt sind seit jeher ein elementares Mittel menschlicher Kommunikation. Sie haben im Verlauf der Geschichte geholfen, die Erde zu erkunden, zu beschreiben und zu erobern. Mit Beginn der Moderne wurden diese Karten selbst zu Objekten der Auseinandersetzung, z.B. im Wettlauf um das neue Land jenseits des Atlantiks. Ihr Besitz versprach den Zugang zu Routen und Ländern, zu Reichtum und Macht. Desgleichen gilt bis heute für militärische Karten - inzwischen abgelöst von den Satellitenbildern der Aufklärungssatelliten der großen Militärmächte.

Orte in Chicago, an denen Morde stattgefunden haben. Bild: chicagocrime.org

Mit Karten konnte die Welt geordnet und Politik betrieben werden. Sie dienen der Visualisierung unserer Umwelt und der Vorstellungen, die wir von ihr haben. Doch jede kartographische Darstellung hat Konsequenzen. So prägte der Kartograph Gerhard Mercator das Bild der Welt, welches wir von ihr bis heute haben, mit seinen im 16. Jahrhundert erstellten Projektionen und den von ihm entworfenen Globen - die größten zur damaligen Zeit. Heutige Karten und Globen gehen zu einem großen Teil auf diese damals konzipierten Visualisierungen zurück.

Heute sind Karten und kartographische Visualisierungen der Welt oder einzelner Teilaspekte nicht mehr aus unserem Leben wegzudenken. Zumeist dienen sie als Wegweiser, als geographische Orientierungshilfe in Form von Straßen- oder Weltkarten. Tagesschau.de hat im Mai diesen Jahres damit begonnen, zusätzlich zu ihrem Nachrichtenangebot, diese Nachrichten auf einer Weltkarte zu verorten. Damit wird einerseits eine kompakte Übersicht geschaffen, welche sich über ein Menu unterschiedlich einstellen lässt. Andererseits offenbart diese Karte gleichzeitig die Nachrichtenagenda von tagesschau.de - und zeigt die Lücken der Berichterstattung auf. Für eine Medienanalyse ein wunderbares Forschungsinstrument und für den Nutzer der Seiten zumindest eine schöne Orientierungshilfe, die eine Übersicht in der oft unübersichtlichen Nachrichtenlage schafft.

Eine ähnliche Übersicht will auch die Zeit Online seinen Lesern liefern, in dem sie eine Weltkarte anbietet, die den vielsagenden Titel "Verbotene Zonen" trägt. Darauf zu finden sind gelb und rot markierte Länder, die über einen Klick mit einem entsprechenden Artikel verbunden sind. Der Einleitungstext für diesen Service ist bereits vielversprechend:

Verbotene Zonen - Das Auswärtige Amt warnt vor Ländern, in die Deutsche lieber nicht reisen sollten. Wohin? Warum? Eine interaktive Grafik klärt auf.

Die Welt als Gefahrenherd. Die Karte konstruiert globale No-Go-Areas, eine Aufklärung liefert sie jedoch nicht und auch die verlinkten Artikel lassen jede Menge Fragen offen. Eine Sicht auf die Welt, die andere Interpretationen nicht zulässt und eine zweifelhafte Orientierung verschafft. Warum gerade diese Länder Gefahrenherde seien sollen, verbotene Zonen, das erschließt sich eventuell aus den Karten, die beim Projekt Worldmapper der Universität Sheffield zu finden sind. Worldmapper ist ein Projekt der Social and Spatial Inequalities Research Group. Der Leitgedanke "the world as you‘ve never seen it before" unterstreicht die innovative Arbeit der Gruppe. Hier wird die Welt anhand verschiedener Faktoren neu geformt - Gesundheit, Tourismus, Armut, Exporte, Verkehr etc. geben der uns bekannten Mecartorschen Welt ein neues Gesicht. Vergleicht man die Welt anhand des Faktors Getreide-Importe und -Exporte, so wird schnell auf sehr drastische Weise deutlich, welche Ungleichheiten weltweit tatsächlich bestehen - und warum bestimmte Regionen als Gefahrenherde wahrgenommen werden bzw. wo die Gründe für Krieg und Terror möglicherweise liegen.

Getreide-Exporte. Grafik: SASI Group
Getreide-Importe. Grafik: SASI Group

Unser Bild der Welt wird erschüttert, indem nicht die geographischen Grenzen und natürlichen Begebenheiten die Parameter der Karten sind, sondern soziale und räumliche Verteilungen von Nahrung, Verkehr, Zugang zu Wasser und anderen. Ein Vergleich mit den "verbotenen Zonen" der ZEIT würde wahrscheinlich einen Aufschluss darüber geben, warum diese Gebiete so simpel als Gefahrenherd in einer Karte benannt werden, die sehr plump (und wahrscheinlich unbeabsichtigt) eine Weltsicht transportiert, die keinen dieser Aspekte berücksichtigt.

Wie man Karten als analytisches Instrument verwenden kann, zeigt seit Jahren schon die Arte-Sendung Mit offenen Karten. Dort werden allein mit Karten und Kommentaren die räumlich-politischen Zusammenhänge von Konflikten in ihrer politischen und historischen Dimension erläutert. Das ausführliche Kartenmaterial ist online verfügbar und eine herausragende Quelle, um sich einen Überblick zu verschaffen.

Huddersfield Emotion Map. Bild: Christian Nold

Karten können aber nicht nur objektive, politische oder soziale Zusammenhänge darstellen, sondern eigenen sich auch dazu die Wahrnehmungen der Menschen selbst zu visualisieren. Im Biomapping-Projekt des britischen Künstlers und Aktivisten Christian Nold (Emotionale Stadtkartierung) werden die Emotionen und persönlichen Wahrnehmungen kartiert, die Menschen in einer Umgebung haben. Die daraus erstellten Karten eröffnen eine andere Sicht auf Stadtraum und sollen einen "information commons" schaffen, an dem sich alle interessierten Menschen beteiligen und letztendlich profitieren können. Die Kartierung von Pulsschlag, Gehirnströmen und Empfindungen bringt eine neue Qualität in die Produktion von Wahrnehmungen und kann einen Gegenpol zu "offiziell" gestaltete und durch Datensammlungen generierte Bilder setzen. Wie etwa durch Daten zu Konsum und Bevölkerung die Marketingstrategen ganze Gebiete entsprechend klassifizieren und somit reale Fakten schaffen, indem sie in einem Stadtteil keinen Supermarkt oder andere Geschäfte bauen oder dort nicht vermarkten. Gewissermaßen "verbotene oder genehme Zonen" des Konsums, die einer Stigmatisierung einen Vorschub leisten können. Die Konsequenzen dieser Darstellungen, auch wenn sie nur auf Daten beruhen, die aus dem Kontext gerissen wurden, sind dennoch real. "Kartierungen", so der Geograph Martin Dodge, "repräsentierten nicht nur die Realität,. sondern spielen auch eine aktive Rolle bei der Konstruktion von Realität."

Bei der Hamburger Untersuchung zu räumlicher Wahrnehmung ergaben die Nennungen der bekannten Stadtteile und Wasserflächen (Frage: Wie sehen Sie Hamburg?) folgendes Bild:

Es zeigt die völlig einseitige Überrepräsentation von einigen kleineren Bereichen wie der Innenstadt sowie der Alster in der Mitte Hamburgs. Schlüsse über diese Frage hinaus sind allerdings aus dieser Darstellung nicht möglich. Hier werden vor allem die subjektiven Wahrnehmungen der Befragten wiedergegeben - ihre Realität. Nutzen ließe sich diese Karte aber wahrscheinlich dennoch für weitere Zwecke und Anlässe.

Mapping wird immer mehr zu einem Mittel der Überwachung, des Monitoring und damit auch zu einer Quelle der Wirklichkeitskonstruktion. So nutzt die WHO Geo-Informations-Systeme, um die öffentliche Gesundheit weltweit zu überwachen und entsprechende Programme und Hilfsmaßnahmen zu entwerfen und zu koordinieren. Das Office of the Narcotics Control Board nutzt Technologien der französischen Firma Spotimage, um illegalen Drogenanbau zu kartieren und zu überwachen. Crime Mapping gehört bei vielen Polizeibehörden vor allem in Großbritannien und in den USA inzwischen zum Standardrepertoire der Ermittlungsarbeit - die amerikanische Justice Research and Statistics Asscociation liefert für die USA dazu die entsprechenden Daten. Karten basierend auf diesen Daten liefern visuell eindrucksvolle Darstellungen unserer Welt - beinhalten aber immer auch Vereinfachungen, die viele Zusammenhänge verkürzen können. Sie zeigen also nicht nur wie unsere Welt aussieht, sondern auch wie unsere Welt aus einer bestimmten Perspektive wahrgenommen wird. Da daraus reale Maßnahmen folgen, ist bei der Betrachtung immer Vorsicht geboten. Hier wird nicht nur abgebildet, sondern auch konstruiert.

Wer sich im Netz über Kartographie informieren will, dem stehen eine Reihe von Blogs und Seiten zur Verfügung, die sich grundsätzlich mit diesem Gebiet widmen. Das Weblog der Canadian Cartographic Asscociation oder die Seite Urban Cartography sind gute Quellen für alle Interessierten.

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