"Sachen machen" ohne Frauen?

Stefan Jacobasch 03.08.2006

Jahrelang stieg der Frauenanteil in den Ingenieurswissenschaften leicht an. Jetzt wenden sich die Studienanfängerinnen von den meisten technischen Fächern ab

Mit schöner Regelmäßigkeit meldet sich einer der deutschen Industrieverbände, um den Mangel an fachlichem Nachwuchs zu beklagen. Am Montag vergangener Woche war der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) an der Reihe. Dessen Hauptgeschäftsführer Dr. Hannes Hesse ließ verbreiten, es fehlten rund 7.000 Ingenieure in allen Bereichen.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Als Schuldige benannte Hesse einen bunten Strauß von Verantwortlichen: Die Ausbildung der Hochschulen sei zu wenig an der Praxis orientiert, die Forschungseinrichtungen seien nicht modern und die Politiker stärkten die Ingenieurwissenschaften nicht ausreichend. Potenzielle Bewerber hätten zu hohe Gehaltsvorstellungen und wären gleichzeitig nicht mobil genug, was die Arbeitsagenturen zudem "durch die Zahlung von Arbeitslosengeld" unterstützten. Was der VDMA selbst zur Lösung des Problems beitragen könnte, war für Hesse dagegen kein Thema. Dabei könnte ihn nachdenklich stimmen, dass die Industrie eine große Gruppe potenzieller Arbeitskräfte so gut wie gar nicht erreicht: die Frauen, immerhin die Hälfte des akademischen Nachwuchses.

Seit langem bemühen sich Universitäten wie Fachhochschulen darum, Schulabgängerinnen für ein technisches Studium zu interessieren. Die Anstrengungen zahlten sich tatsächlich aus, im Maschinenbau und in Elektrotechnik beispielsweise verdoppelte sich die Zahl der Studienanfängerinnen innerhalb von zehn Jahren. Doch 2003 erreichte das Interesse seinen Höhepunkt, seitdem machen sich Frauen wieder rar. Das belegen Daten, die das "Kompetenzzentrum Technik - Diversity - Chancengleichheit e.V." an der Fachhochschule Bielefeld anlässlich des "Tags der Technik" im Mai vorgelegt hat.

Das Ingenieurswesen immer noch nicht sexy

Von 2003 auf 2004 sank die Zahl der Studienanfängerinnen demnach im Maschinenbau um 6%, in der Elektrotechnik um 4%, im Bauingenieurwesen um 11%. Bundesweit stellten Frauen im Jahr 2004 fast die Hälfte aller Erstimmatrikulierten, in den Ingenieurswissenschaften kamen sie aber gerade mal auf 21%. Am schlechtesten stehen der Maschinenbau mit 18% und die Elektrotechnik mit nur 9% da. Einzelne Standorte verzeichneten hohe Einbrüche, wie etwa die TU Berlin: Der Anteil von Studienanfängerinnen in den Ingenieurwissenschaften insgesamt ging von 2003 auf 2004 von 28,2 auf 15,2 Prozent zurück.

Für 2005 beklagt der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) allgemein sinkende Studienanfängerzahlen in den Ingenieurwissenschaften. "Besonders der starke Rückgang von weiblichen Studienanfängern lässt Deutschland im europäischen Vergleich noch weiter zurückfallen", so der VDI. Der Verein will mit einer gezielten Werbekampagne den Schwund stoppen. Unter dem diffusen Titel "Sachen machen!" soll fünf Jahre lang das Image des Ingenieurs aufpoliert werden - in Hinblick auf die weibliche Zielgruppe offenbar eine überfällige Maßnahme.

"Das Ingenieurswesen erscheint Frauen immer noch nicht sexy", hat Dr. Marion Esch von femtec, dem Berliner Hochschulkarrierezentrum für Frauen, beobachtet. Sind die bisherigen Bemühungen der Hochschulen etwa gescheitert? Nein, widerspricht Esch, die Informationsangebote für Frauen hätten sich bewährt. Das Problem: "Wir erreichen überwiegend diejenigen, die sowieso schon technisch interessiert sind." Für dieses Klientel sei es allerdings wichtig, in der eigenen Studienwahl bestärkt zu werden.

Technik-begeisterte Schülerinnen haben laut Esch in der Schule oft das Gefühl, mit ihrem Interesse allein zu sein. Im Rahmen von Info-Veranstaltungen für Abiturientinnen treffen sie dann häufig das erste mal auf Gleichgesinnte. Generell lässt sich aber kein Interesse wecken, so Esch, "wenn man als junger Mensch mit 16 mal einen halben Tag lang zu so einer Veranstaltung geht".

Probleme, "Mixed Teams" zu besetzen

Männer seien eher bereit, ihren persönlichen Technik-Vorlieben zu folgen, sagt Esch. Frauen reize dagegen die Aussicht, gesellschaftlich oder ökologisch nützliche Entwicklungen mit gestalten zu können. Die Biotechnologie sei in dieser Hinsicht positiv besetzt und gehöre zu den wenigen Technikfächern, die besonders stark von Frauen belegt würden. Welch wichtige Rolle die Technik in unserer Gesellschaft spiele, müsse schon in der Schule stärker thematisiert werden. Die mathematisch-naturwissenschaftliche Ausbildung habe noch zu wenig Praxisbezug.

Esch kritisiert auch, dass der Ingenieurberuf in der Medienwelt kaum vorkommt - schon gar nicht in Bezug zu Frauen. In Daily Soaps etwa würden Frauen im günstigsten Fall als Ärztinnen oder Juristinnen auftreten. Damit zeige man dem jungen TV-Publikum in einer prägenden Lebensphase nur eingeschränkte weibliche Rollenbilder.

In ihrer Berufswahl seien Frauen zudem vorsichtiger als Männer, ergänzt Christina Haaf vom Kompetenzzentrum der Fachhochschule Bielefeld. Gelte eine Fachrichtung als überlaufen, werde sie von Frauen noch stärker als von Männern gemieden. Auch Branchen, die über Jahrzehnte bewusst keine Frauen einstellten - so etwa die Autoindustrie -, hätten jetzt Probleme, "Mixed Teams" zu besetzen. Es erfordere gerade von Anfängerinnen viel, "sich der Rolle als Exotin zu stellen".

USA: Erfolg mit Neugewichtung

Das Kompetenzzentrum versucht im Rahmen so genannter "Girls' Days" das Interesse von Mädchen für technische Berufe zu wecken. Mit etwa 7.000 Veranstaltungen wurden im letzten Jahr rund 120.000 Mädchen erreicht. In der Befragung von 16.000 Schülerinnen ab der fünften Klasse zeigte anschließend jede Vierte an einem technischen Beruf Interesse, jede Fünfte am Ingenieurwesen. Ob dieses anfängliche Interesse wohl eines Tages zu einem technischen Studium führt? Dieser Zusammenhang sei leider "noch nie gebündelt untersucht worden", bedauert Carmen Ruffer vom Kompetenzzentrum.

In den USA ist man da schon etwas weiter: Ein Frauenförderungsprogramm der Carnegie Mellon University versucht seit 1995 gezielt, das weibliche Interesse an der Informatik zu wecken. Die sehr umfangreichen Bemühungen werden im Rahmen einer Langzeitstudie beobachtet, Studierende werden regelmäßig interviewt. Die ergriffenen Maßnahmen waren einschneidend: Man änderte die Studienzulassung und gewichtet soziale Kompetenzen und Teamfähigkeit jetzt stärker.

In den ersten Semestern werden die Studierenden mit Berücksichtigung ihres individuellen Kenntnisstandes unterrichtet. Ergänzend zeigte man 240 High School-Lehrern in einer Weiterbildung, wie sie Schülerinnen im EDV-Unterricht stärker motivieren und für das Fachgebiet interessieren können. Das Ergebnis: Der Frauenanteil der Studierenden am Institut für Informatik stieg von knapp 8 auf rund 40 Prozent - vielleicht ein Vorbild angesichts des deutschen Informatikjahres?.

http://www.heise.de/tp/artikel/23/23231/1.html
Kommentare lesen (299 Beiträge) mehr...
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Aktive und passive Alien-Artefakte im Sonnensystem

SETA - Spurensuche nach dem extrasolaren Monolithen - Teil 2

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen
Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Abgefahren

Auch der endgültige Stillstand gehört zur Dromologie

bilder

seen.by


TELEPOLIS