Israel und die USA sind zu lieb, um Kriege zu gewinnen

Florian Rötzer 02.08.2006

Die amerikanischen Neokonservativen nutzen den Krieg im Nahen Osten, um für ein härteres militärisches Vorgehen zu werben

Die Neokonservativen in den USA versuchen, den Krieg zwischen Israel und der Hisbollah zu nutzen, um die US-Regierung dahin zu drängen, wieder eine aggressivere Politik zu verfolgen. Die Flucht nach vorne ist Teil einer Strategie, der drohenden Niederlage in den Kongresswahlen Ende des Jahres wieder die nach dem 11.9. erfolgreiche Verbindung von Angst vor dem Terrorismus und militärischer Intervention oder Krieg entgegen zusetzen.

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Vor kurzem hatte der ehemals starke republikanische Mehrheitsführer Newt Gingrich nicht nur den Dritten Weltkrieg gegen den Terrorismus ausgerufen, in dem die Welt sich befindet, sondern auch die mittlerweile schwächelnde, weil stärker nach diplomatischen Lösungen suchende Bush-Regierung gegeißelt (Der "Dritte Weltkrieg"). Wie schon in der ersten Amtszeit von Bush steht auch dieses Mal das Außenministerium unter Beschuss, nach Powell also jetzt Condi Rice. Verlangt wird eine harte Hand und weniger Zurückhaltung. Schließlich geht es um die Zivilisation, verkörpert durch die USA, repräsentiert durch die konservativen Kräfte.

Gerade hat Rich Lowry dies wieder im Fall von Kanaa vorgeführt. Die ganze Welt würde den Tod der vielen Kinder bedauern, sagt er. Bis auf die Hisbollah, "für die jedes Kind einen unbezahlbaren Propagandawert hat." Lowry versucht in seinem Artikel noch nicht, wie dies nun von manchen pro-israelischen Medien und Bloggern gemacht wird, den blutigen Vorfall als inszenierte Propaganda der Hisbollah darzustellen, aber er will damit letztendlich demonstrieren, dass "zivilisierte militärische Truppen" nicht so viel Rücksicht auf die Vermeidung von Kollateralschäden nehmen müssten, weil sie davon nichts haben. Das wird nicht explizit gesagt, ist aber doch wohl der Gedanke, der hinter den ausgeführten Überlegungen steht:

It is for Qanas that Hezbollah conducts its operations among civilians in the first place. It hopes that Israeli attacks will cause civilian casualties so that the Jewish state’s offensive will be delegitimized. It thus depends on a perverse logic whereby a civilized military force attempting to avoid civilian casualties at the cost of the effectiveness of its own operations is considered barbaric and is pressured to end its campaign — and the world perversely reasons right along with it.

Die Argumentation nimmt in ihrer Einseitigkeit nicht nur der Schuldzuweisung, sondern auch der Verantwortlichkeit für die Schäden manchmal zynische Züge an:

How much energy and money were expended on rebuilding Lebanon after its decades-long civil war, for it all to be thrown away in one morning by Hezbollah in a reckless act of war?

Am Ende wird deutlich, dass Lowry in der Einhaltung von Menschenrechten und internationalen Abkommen selbst im Kampf gegen den Terrorismus eine "Niederlage des Westens" heraufbeschwört:

At the same time that terrorist insurgents around the world are spectacularly demonstrating their depravity, the West has acted to give them more rights and to tie its own hands with unrealistic expectations of strictly limiting collateral damage. The Supreme Court has granted Geneva Convention protections to al Qaeda, part of a push to wipe out any moral and legal differences between civilized armies and terrorist bands. The outcry over Qana is directed entirely toward Israel by the "international community," rewarding Hezbollah for deliberately endangering civilians.

Down this road is defeat for the West, and victory for the only people in the world hoping for more Qanas.

Auch Michael Ledeen nutzt die Gelegenheit erneut, Stimmung für einen erweiterten Krieg zu machen, der am besten Syrien und Iran - "Syran" - mit einschließen würde. Man habe bereits nach dem Weckruf, der der 9.11. war, begonnen, wieder einzuschlafen. Es sei auch ein Irrtum gewesen zu meinen, man könne den Irak-Krieg gewinnen, wenn man nur im Irak Krieg führt. Man müsse schon, so soll das heißen, den Krieg in der gesamt Region führen, d.h. auch gegen Syrien und Iran:

You can not win a regional war by playing defense in one country. It was, and remains, a sucker’s game. Syran pays no price at all for killing our kids and our allies in Iraq and Afghanistan, and now in Gaza and Lebanon/Israel.

Syran reasonably concluded that there was no price to pay for killing us, and so they predictably expanded the scope of the war. Our leaders do not see this whole; they see each component as a separate issue. ... Any logical person has to conclude that you cannot win this war without defeating Syran.

Rhetorisch in eine Frage verkleidet versucht John Podhoretz, Israel im Vorgehen gegen die Hisbollah und den Libanon zu unterstützen und auch der USA ein ähnlich hartes Eingreifen schmackhaft zu machen. Israels Dilemma sei, so Podhoretz, nicht seine exzessive Gewaltanwendung, wie vielfach kritisiert, sondern seine Nettigkeit: Too Nice To Win?.

Der Kolumnist John Podhoretz ist der Sohn von Norman Podhoretz, des bekannten Herausgebers der rechtskonservativen Zeitschrift Commentary, einer der neokonservativen Verfechter des IV. Weltkriegs, der begonnen haben soll und den die USA unbedingt gewinnen müsse (Die Fürsten des IV.Weltkriegs). John Podhoretz, der ebenso wie sein Vater den neokonservativen Kreisen angehört, hat es in seinem Kommentar für die New York Post geschafft, einen ganzen Text nur in Fragen zu sprechen. Das ist ein gutes Mittel, Dinge nicht direkt ansprechen zu müssen, aber den Boden für Positionen zu bereiten, ohne dafür verantwortlich gemacht werden zu können. Man hat ja schließlich nur Fragen gestellt:

What if liberal democracies have now evolved to a point where they can no longer wage war effectively because they have achieved a level of humanitarian concern for others that dwarfs any really cold-eyed pursuit of their own national interests?

Man darf die Kriegsführung, so insinuiert Podhoretz, nicht so beschränken, wie die die USA und jetzt Israel machen. Möglicherweise habe man im Irak nicht genügend Sunniten oder nicht genügend Schiiten im kampffähigen Alter getötet, weswegen man jetzt den Bürgerkrieg hat. Mit ähnlichen "Argumenten" fährt Podhoretz fort, um für eine ungehemmte Gewaltanwendung zu werben, die dann offenbar alleine gegen den barbarischen Gegner die Zivilisation schützen könne, weil Zurückhaltung nur dem Gegner zugute kommt. An die Menschen, die zwischen die Gewalt geraten, muss die "Zivilisation" dann wohl als Kollateralschaden opfern:

Is this the horrifying paradox of 21st century warfare? If Israel and the United States cannot be defeated militarily in any conventional sense, have our foes discovered a new way to win? Are they seeking victory through demoralization alone - by daring us to match them in barbarity and knowing we will fail?

Are we becoming unwitting participants in their victory and our defeat? Can it be that the moral greatness of our civilization - its astonishing focus on the value of the individual above all - is endangering the future of our civilization as well?

http://www.heise.de/tp/artikel/23/23238/1.html
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