Schmauchspuren und Wortballistik
"Jeden Tag den Tod vor Augen: Polizisten erzählen"
Wenn Polizisten und Kriminalbeamte zur Feder greifen – oder zeitgemäß auf die Tastatur hämmern – sind keine Detektivgeschichten oder ausgeklügelte Krimis im herkömmlichen Sinn zu erwarten. Mit seinem 2002 lancierten Internetprojekt www.polizei-poeten.de will Volker Uhl, Hauptkommissar und Konfliktberater, seine Kolleginnen und Kollegen dennoch ermuntern, sich einer freieren Textsorte zu bedienen und persönliche Erfahrungen literarisch zu verarbeiten. Eine erste Auswahl in Buchform präsentiert er unter dem Titel "Die erste Leiche vergisst man nicht". Die Fortsetzung "Jeden Tag den Tod vor Augen" ist für Ende des Jahres vorgesehen.
Als fiktionale Form stellt der konventionelle Krimi eine Verknüpfung von Mordgeschichte und Aufklärung dar. Die Erzählung, sei es als Roman oder Film, setzt in der Regel bei der Entdeckung des Verbrechens ein und entwickelt sich dann gleichsam in zwei Richtungen. Die vordergründige Ermittlungsgeschichte ist nämlich zugleich ein Versuch, die vorausgegangene Täter-Opfer-Geschichte zu erzählen und damit den Tathergang zu rekonstruieren.
![]() |
Beim klassischen "Whodunnit" sind wir in erster Linie an dieser Vorgeschichte, also an der Frage der Täterschaft (Wer war's?) und den Motiven interessiert. Der Thriller hingegen erzeugt Spannung vor allem durch die Bedrohung der Hauptfiguren, die in einem gefährlichen Umfeld ermitteln oder selbst auf der Flucht sind. Viele moderne Kriminalgeschichten wiederum leben von der atmosphärischen Dichte oder dienen den Autoren als Transportmedium für gesellschaftskritische Betrachtungen. Sie lenken das Augenmerk auf die Psychologie der Figuren und leuchten deren soziales Umfeld aus.
|
|
Diese Aspekte finden vermehrt auch bei Drehbuchautoren und -autorinnen von Fernsehkrimis Beachtung. Zum einen sind die Geschichten gut recherchiert und kommen dank Unterstützung der Polizei etwas realistischer daher. Zum anderen werden Kommissare und Kommissarinnen inzwischen als Menschen mit Ecken und Kanten porträtiert, sie führen ein Privatleben mit alltäglichen Problemen, zeigen Gefühle und überschreiten durchaus mal ihre Kompetenzen als Amtsperson.
Auch das von Volker Uhl herausgegebene Buch erhebt aufgrund der Autorschaft Anspruch auf Authentizität. Die Texte stammen ausnahmslos von Polizistinnen und Polizisten und werden ergänzt durch Schwarzweißaufnahmen der Fotografin Suzanne Eichel, die im Mai 2004 die Hamburger Polizei auf verschiedenen Einsätzen begleitete. Die Geschichten der "Polizei-Poeten" greifen Ereignisse aus dem Lebensalltag auf, nehmen uns mit auf Dienststreife, vermitteln in Kommentaren aber auch Selbstzweifel, persönliche Betroffenheit oder Ekel. Es sind jedoch nicht immer eigene Erlebnisse, die geschildert und zu Storys verarbeitet werden. Gelegentlich dienten Gespräche mit Kollegen und Fakten aus Protokollen als Rohmaterial.
Neben den "authentischen, lebensnahen Geschichten", die uns der Buchumschlag verspricht, werden mitunter aber auch Klischees bedient, die wir aus zahllosen Krimis kennen. Stilistisch reichen die Beiträge von hautnaher Beobachtung und protokollarischer Emotionslosigkeit bis zu metaphorisch überfrachteten Schilderungen, die ungelenk oder gar unfreiwillig komisch wirken:
"Die Handschellen!", schrie mir Johnny zu. Ich begriff, was er von mir wollte und riss die stählernen Fesseln aus meiner Tasche.
Die Nachmittagsstunden krochen wie eine lahme Schnecke über einen kalten und unendlichen Stein.
Auf seinem Internetportal verfolgt Volker Uhl indes keine ambitionierten literarischen Absichten. Die erzählenden Beamten sollen in erster Linie eine öffentliche Plattform bekommen und nach Möglichkeit zu einem besseren Bild der Polizei beitragen. Seit September 2002 ist die Textsammlung kontinuierlich gewachsen. Allein in der ersten Hälfte des laufenden Jahres sind rund 50 Beiträge dazugekommen.
Unter dem Motto "Schreib einfach!" und anhand bewährter Grundregeln aus Nathalie Goldbergs Buch "Schreiben in Cafés" (Originaltitel: "Writing Down the Bones") soll den Polizei-Poeten Mut zum kreativen Schreiben gemacht werden. Es gilt, die Hand ständig in Bewegung zu halten, vorwärts zu schauen und auf keinen Fall zu lesen oder zu korrigieren, was man bereits geschrieben hat. "Streichen Sie nichts durch", "Verlieren Sie die Kontrolle" und "Denken Sie nicht" rät die Autorin und Lehrerin von Schreibseminaren.
Das sind hilfreiche und wichtige Anregungen, wenn man vor dem leeren Blatt sitzt. Sobald aus den Rohtexten jedoch Geschichten oder Bücher zur Veröffentlichung werden, muss eine Phase sorgfältiger Überarbeitung folgen. Auch hierfür gibt es Regeln, die den Text stärker machen und einer Story zu mehr Erfolg verhelfen können. In diesem Sinne hätte man den Schreibtalenten die Begleitung eines erfahrenen Lektors oder Schreibcoachs gewünscht. Literarisch nicht so versierte Schreiber greifen bekanntlich gern zu abgegriffenen Redewendungen oder suchen im Bestreben nach poetischer Originalität die ausgefallene Formulierung. Dann regnet es entweder "wie aus Eimern" oder "grelle Blaulichter zerschneiden die Nacht und spiegeln sich in den Mainfluten". Auf diese Weise kann Unmittelbarkeit gelegentlich durch unnötigen Wortballast zugeschüttet werden. Statt der Wirkung einer knappen Beschreibung zu vertrauen, wird den Leserinnen und Lesern (eigentlich ein Kennzeichen von Kitsch) dann gar noch gesagt, welches Gefühl sich bei ihnen einstellen soll.
Trotz solcher stilistischer Mängel gelingt es einigen der Texte dennoch, eine Brücke zwischen Fiktion und Wirklichkeit zu schlagen und uns Laien einen lebendigen Eindruck zermürbender Polizeiarbeit zu vermitteln. Dies unterstreicht auch Dietz-Werner Steck, bekannt als Tatort-Kommissar Ernst Bienzle, in seinem Vorwort: "Während bei 'Tatort' nach 90 Minuten Schluss ist, zeigen diese 'Blicke unter grüne Haut' ungeschminkt, weshalb 'Tatorte' in der Erinnerung der Polizisten ewig fortleben."
Volker Uhl, Hrsg.: "Die erste Leiche vegisst man nicht: Polizisten erzählen." Vorwort v. Dietz-Werner Steck ("Kommissar Bienzle"). München: Piper, 2005. 222 Seiten.
Volker Uhl, Hrsg.: "Jeden Tag den Tod vor Augen: Polizisten erzählen." München: Piper, 2006 (erscheint November).
- Ein wirklicher Fall - wenn ein Polizist anfängt zu schreiben (15.8.2006 22:45)
Darstellungsbreite ändern
Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.
Des Führers Arzt trifft des Satans nackte Sklavin
Subversive Arztfilme der 1950er - Teil 2

