Spiel mit Opfern

03.08.2006

Die "Web-Version" der Tragödie in Kana. Update

"Nichts ist so offensichtlich, wie es auf den ersten Blick scheint". Dieser Grundsatz gilt im Krieg besonders. Vorangestellt wurde er der Sonderausgabe der Initiative "Honestly concerned" vom Dienstag zur Tragödie in Kana. Wer nun irgendwie erwartet hatte, dass sie zu Kana, Fakten und Hintergründe auf den Tisch legen kann, die beweisen, dass die Unstimmigkeiten und Zweifel, die an der vom Großteil der bekannten Medien verbreiteten Version der Kana-Tragödie seit Sonntag laut werden, sich zu einer stringenten, ganz anderen Geschichte des Bombenangriffs fügen, sieht sich etwas enttäuscht.

Die Initiative, die im Mai 2002 gegründet wurde - "alarmiert von Israel-feindlichen Presseberichten, wie antijüdischen Äußerungen von Politikern und öffentlichen Persönlichkeiten in Deutschland und Europa" - , setzt ihren Schwerpunkt "auf Medienbeobachtung und Reaktionen darauf". Die Zielvorgabe ist ambitioniert: "differenzierte Informationen jenseits der tendenziösen, von ideologischen, parteipolitischen oder religiösen Interessen geleiteten Presseveröffentlichungen."

Berichtet wird vor allem aus Israel und aus Deutschland - die Meldung über die brutale Attacke auf den Deutschen äthiopischer Herkunft in Potsdam im Frühjahr 2006 (vgl. Gezielte Tabubrüche) war hier schneller als in vielen anderen Medien zu finden: Blickwinkel, die hier zur Sprache kommen, stellen sich oft quer zu denen, die man von anderen Publikationen kennt, vor allem wenn man sich viel auf der arabischen oder muslimischen Ansichtsseite bewegt. Umso größer war die Neugier auf die angekündigte Aufklärung der Kana-Tragödie.

Es spricht für die journalistische Lauterkeit der Initiative, dass sie in ihrem Leitkommentar zum Thema Kana nicht auf die zur Zeit kursierende "Verschwörungstheorie" zu den Hintergründen der Tragödie eingeht. Stattdessen wird dort das zum Thema gemacht, was das große Problem des Krieges ausmacht, den Israel derzeit gegen die Hisbollah führt: die entsetzlich große Zahl der zivilen Opfer im Libanon. Über die Betonung der Sichtweise, dass sie nicht zu geringem Anteil der Taktik der Hisbollah geschuldet sind, die ihre Raketen auf israelisches Gebiet von Standorten in Wohnvierteln aus abfeuern und danach abtauchen, kann man streiten. Anzunehmen ist aber, dass zivile Tote von der Hisbollah ins strategische Kalkül gezogen werden. Sie wissen, was sie tun, wenn sie von besiedelten Gebieten aus feuern und sie wissen von den Konsequenzen, die das für die Bewohner der Gebiete haben kann. Und dass Tote unter der Zivilbevölkerung in der Öffentlichkeit vor allem zu Lasten der israelischen Armee gerechnet werden, weiß nicht nur die israelische Militärführung.

Dazu gibt es freilich auch andere Blickwinkel. Dass die Guerilla-Taktik der Hisbollah die israelische Armee und deren Führung vor enorme moralische Probleme stellt, werden wohl nur Zyniker, die es in allen Lagern gibt, bestreiten. Wie sich das von der jeweiligen Seite legitimieren soll, ist ein Feld, das hier nicht bearbeitet wird. Was Honestly Concerned in dem Fall, um den es hier geht, auszeichnet, ist, dass man vor einer Art Zynismus zurückscheut, die den Opfern des Krieges ihre Würde nimmt. Offenbar hat man sich gescheut, einer Verschwörungstheorie zu folgen, deren erste Indizien auf eine völlig andere Darstellung der Kana-Tragödie (vgl. Israelische Bomben auf Kana: Massaker oder Hisbollywood?) schließen ließen, die im Web vor allem von islamophoben oder neokonservativen Lagern aus genährt wird.

Wichtige Links dazu sind zwar auf der Honestly-Concerned-Seite zu finden, aber wohl mehr "zum Anregen". Auf einen kurze Formel gebracht, lautet die These, die derzeit von einer Handvoll Blogs und Kommentaren im Web lanciert wird - und bereits Beachtung in größeren Medien (z.B. Jerusalem Post in Israel und die Süddeutsche Zeitung) - gefunden hat, dass die Tragödie von Kana von der Hisbollah inszeniert wurde, das Schlagwort hierzu ist: "Pallywood" bzw. "Hisbollywood".

Die Entwicklung der "Gegenaufklärung" folgt bekannten Regeln: Zunächst gibt es Unstimmigkeiten, die von kompetenter Stelle geäußert werden. In diesem Fall von der israelischen Armeeführung: Es gebe unerklärliche Zeitunterschiede zwischen dem Bombardement der israelischen Luftwaffe und dem Einbruch des Hauses, in dem die libanesischen Zivilisten ums Leben kamen, äußerte der israelische Luftwaffengeneral Amir Eschel bereits am Sonntag. Die Bemerkung ließ Raum für weitere Zweifel.

Während die IDF verlauten ließ, dass man die Sache noch genauer untersuchen wolle, wurde die Geschichte in Blogs und Internetveröffentlichungen weitergesponnen. Neue Verdachtsmomente kamen hinzu, obskure Quellen, christlich-libanesische Webseiten, die angeblich nahelegen, dass "behinderte Kinder im Keller festgehalten wurden". Auf die Behauptung, die Hisbollah hätte die Kinder vielleicht sogar ins Haus gebracht, entwickelte sich ein Diskusionsthread über die Totenstarre. Die Anschuldigung dahinter: Die Kinder auf den Fotos sehen aus, als ob sie schon Totenstarre befallen hätte, das könne doch nicht sein, wenn der Zeitpunkt des Angriffs erst wenige Zeit her war. Erwartungsgemäß werden veröffentlichten Fotos große Beweiskraft beigemessen. Dass ein und derselbe Mann auf allen möglichen Fotos als Rettungskraft abgebildet ist, der in verschiedensten Posen tote Kinder in die Kamera hält, wird als Indiz dafür gewertet, dass er ein Poseur sei, mutmaßlich von der Hisbollah selbst dafür angestellt, das "Staging" zu übernehmen. Zeitliche Unstimmigkeiten der Fotoveröffentlichung sollten dieses Argument untermauern.

Doch die AP wehrte sich, einmal seien mehrere Fotografen vor Ort gewesen, kein Wunder also, dass der Mann aus verschiedenen Perspektiven mehrmals und zu verschiedenen Zeiten also mit einem anderen Kind abgelichtet wurde, zum anderen achte man bei der Edition und Auswahl der Fotos nicht auf eine chronologische Ordnung. Dass einem Kind offensichtlich ein (staubfreier) Schnuller später umgehängt wurde, ist als Beweis für eine perfekte Inszenierung etwas dürftig. Das große Argument gegen die "richtigere Darstellung" der Tragödie findet man aber bei der IDF selbst. Bislang hat man von dieser Seite aus offiziell nur etwas geäußert, dass die Armee eher ins noch schlechtere Licht rückt. Dass nämlich anders als ursprünglich verlautbart, die Hisbollah gar keine Raketen von diesem Haus aus abgefeuert hat, sondern angeblich aus der Nachbarschaft des Hauses. Mehr Aufklärung soll folgen. Und wer hätte größeres Interesse als die IDF, die Tragödie, die man ausdrücklich tief bedauert, aufzuklären?

Update: Wie heute in Haaretz gemeldet wird, räumt die israelische Armeeführung Fehler beim Angriff auf das Haus in Kana ein, betont aber zugleich, dass die Hisbollah Zivilisten als "menschliche Schilde" missbrauchen würde. In einem Statement, das den Untersuchungsbericht zusammenfasst, heißt es, dass die israelische Militärführung nichts davon wusste, dass Zivilisten in dem Gebäude waren. "Hätte unsere Information darauf hingedeutet, dass Zivilisten anwesend waren...hätten wir den Angriff nicht ausgeführt."

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