Kampf der zwei Spanien

20.08.2006

Spanien und die "Wiederherstellung der Erinnerung" - 70 Jahre nach dem Beginn des Spanischen Bürgerkriegs wird der Pakt des Schweigens zwischen Links und Rechts gebrochen

Vor gut 70 Jahren putschte der spanische Armeegeneral Francisco Franco und die mit ihm verbündeten faschistischen Verschwörer gegen die junge, erst seit 1931 existierende II. Republik. Doch nach wie vor geht der Bürgerkrieg in den Köpfen weiter. Im Spanien von heute tobt ein "Kampf der Erinnerungen", alte Wunden brechen auf, der Pakt des Schweigens nach Francos Tod hat nicht länger Bestand, die Frontlinien der "zwei Spanien" des Bürgerkriegs scheinen lebendiger denn je - Debatten, die einem deutschen Publikum gut bekannt sind.

Der Putsch vom 18. Juli 1936 scheiterte zunächst in Katalonien mit Barcelona, in Valencia, in Madrid und Andalusien, in Asturien und im Norden des Baskenlandes am Widerstand des Volkes. Nur im Süden Spaniens, in Sevilla und Córdoba, gewannen die Putschisten. Es folgen erste Massaker auf Mallorca, der Anfang eines Flächenbrandes. Francos Aufstand gegen die Republik war eine Kampfansage an Demokratie, Freiheit, Menschenrechte und Aufklärung, getragen von einem demonstrativen Schulterschluss der Katholischen Kirche mit den antirepublikanischen Militärs.

Von nun an kämpften in einem dreijährigen, überaus blutigen Bürgerkrieg (1936-1939) die "zwei Spanien" gegeneinander, das katholische, reaktionäre, antimoderne Spanien gegen das liberale, laizistische, westliche. Francos Truppen siegten letztlich, entscheidend unterstützt von Nazi-Deutschland - "Wir beteiligen uns so ein bißchen in Spanien." notierte Joseph Goebbels in seinem Tagebuch, "Wer weiß, wozu es gut ist." - und Mussolinis Italien, und errichteten dasjenige faschistische Regime Europas, das die längste Lebensdauer haben sollte. Erst mit dem Tod Francos am 20.11.1975 endete seine Herrschaft.

"Tod der Intelligenz!"

Die Wunden des Bürgerkriegs und dessen Folgen sind für Spanien bis heute ein unabgeschlossenes Trauma. Noch nach 70 Jahren polarisieren die Geschehnisse die spanische Gesellschaft. Der Krieg hatte bis dahin unvorstellbare Grausamkeiten zur Folge, Nachbarn mordeten Nachbarn, Freunde drangsalierten Freunde, Verwandte verrieten ihre nächsten Angehörigen. Auf beiden Seiten gab es Verbrechen: Massen-Hinrichtungen, Folter und Vergewaltigungen. Allerdings, betont der britische Historiker Anthony Beevor, mit wesentlichen Unterschieden:

Das Morden lief auf beiden Seiten nicht in gleicher Weise ab. Während die grausamen Säuberungen von Roten und Atheisten auf dem Gebiet der Nationalisten Jahre lang anhielt, waren die Gewalttaten auf Seiten der Republikaner in der Hauptsache spontane und hastige Reaktionen auf unterdrückte Ängste, verstärkt durch den Wunsch nach Vergeltung für Gräueltaten des Gegners.

Auch Walther Bernecker, der bekannteste deutsche Spanien-Historiker, schildert in vielen Büchern - zuletzt in "Kampf der Erinnerungen" - die Grausamkeit der Kämpfe und betont zugleich einen wichtigen qualitativen Unterschied: "Francos Truppen verübten geplante Mord- und Gewaltexzesse. Auf republikanischer Seite gab es dreimal soviel Tote, wie bei den Faschisten."

Eine Schlüsselszene war eine Diskussion am 12. Oktober 1936 in der Universität von Salamanca. Bei einer Feier sprach der faschistische General Millán Astray, der im Kolonialkrieg ein Bein und einen Arm verloren hatte. Er beendete seine Rede mit dem absurden Satz: "Lang lebe der Tod!" Der greise Rektor und Philosoph Miguel de Unamuno antwortete: "General Millán Astray möchte Spanien neu schaffen, nach seinem eigenen Bilde. Und deshalb wünscht er Spanien verkrüppelt, wie er uns unzweideutig klargemacht hat". Darauf rief der General: "Tod der Intelligenz!"

Mit der Waffe gegen den Faschismus

Der Krieg, der als innerspanischer Konflikt mit dem Aufstand der Besitz-Elite begonnen hatte, um liberale Reformen - im Agrarbereich, im Verhältnis zwischen Kirche und Staat, der Beziehungen zwischen Zentralregierung und Regionen, des Militärs - zu verhindern, eskalierte schon nach wenigen Monaten zu einem Stellvertreter-Krieg zwischen den Demokratien Frankreich, England und USA und den Diktaturen von Deutschland und Italien. Im Rückblick kann man darin einen - wenn auch von den Demokratien nur halbherzig geführten - ersten Probelauf für den Zweiten Weltkrieg erkennen, der nur wenige Wochen nach der Kapitulation der Republik begann.

"Spanien aber war groß, die Sache Spaniens begleitete uns, wohin auch immer wir kommen würden." Peter Weiss ("Die Ästhetik des Widerstandes")

Zahlreiche Unterstützer aus anderen Ländern, darunter auch viele deutsche Emigranten, kämpften auf Seiten der Republik in den in zwölf "Internationalen Brigaden". Zu ihnen gehörten besonders viele Künstler und Intellektuelle - unter ihnen Ernest Hemingway, George Orwell, Peter Weiss und der 23 Jahre alte Willy Brandt. Sie empfanden das Engagement an der Front nicht nur als politischen Akt und Gelegenheit, endlich gegen Rassismus und Terror mit der Waffe in der Hand vorzugehen, und für den "last great cause" zu kämpfen, sondern auch als moralisch-künstlerische Verpflichtung.

Das Interesse und das Engagement zahlreicher Intellektueller aus Europa und den USA für den Spanischen Bürgerkrieg lagen im Charakter des Krieges und in der Rolle, die die Medien spielten. Für Franco lag der Konflikt in der Alternative "Anstand gegen Marxismus", im Hauptorgan der "Falange" - der Zeitschrift Jerarquía - erklärte Eugenio d'Ors, der Direktor des Instituto de España: "Unsere Formel muss sein: die Pflicht um der Pflicht willen; wir werden die Olympier der Pflicht sein. Vor allem der Pflicht zur Unterordnung." - Propagandafloskeln, die durch die Beteiligung von Anti-Stalinisten wie Arthur Koestler und Alfred Kantorowicz, des deutschen Weltkriegsoffiziers Ludwig Renn, der erklärten Katholiken W. H. Auden und Georges Bernanos, der Liberalen André Malraux und Antoine de Saint-Exupéry, des Surrealisten Louis Aragon auf republikanischer Seite widerlegt wurden. Durch die Ereignisse in Spanien wurden aber viele Künstler auch vom Stalinismus bekehrt, fortan bedeutete Links-sein nicht länger "pro Moskau" sein - auch wenn die UdSSR später in der Anti-Hitler-Allianz noch einmal Seite an Seite mit Demokraten kämpfte.

Die Repression war allgemein

Die Historiker sind sich heute einig, dass der Krieg durch das Engagement Nazideutschlands entschieden wurde, das im Massaker des Luftangriffs von Guernica am 26. April 1937 gipfelte. Und durch das halbherzige Engagement der Demokratien, die Aufgabe Spaniens, besonders durch die britische Regierung und die französische Volksfront-Regierung, die sich beide auf die Nichteinmischung beriefen, die sie auch von anderen forderten, die sich aber nicht daran hielten - eine Haltung, die das republikanische Anliegen sabotierte.

Aus heutiger Sicht ist der "Kampfplatz Spanien" (Franz Borkenau) ein Fanal für die Wehrhaftigkeit von Demokratien, gegen ihre Selbstentmachtung aus der Feier der Heterogenität heraus. Auch Parallelen zum Jugoslawien-Konflikt der 90er Jahre drängen sich auf. Hinzu kommt die erwähnte Rolle der UdSSR. Das stalinistische Russland unterstützte die Republik - wenn auch neuere Forschungen belegen, wie sowjetische Politkommissare die Front schwächten, und den Terror in die Reihen der Republikaner brachten.

Nach Kriegsende hörte die Gewalt nicht auf. Im Gegenteil: Franco, "mit seinem obsessiven Hass auf moderne Ideen" (Anthony Beevor), regierte Spanien in den kommenden knapp 40 Jahren wie ein besetztes Land: Über hunderttausend Kriegsgegner, darunter viele der Republik loyal gebliebene Offiziere und Soldaten sowie Gewerkschaftsmitglieder, ließ Franco nach Ende der Kämpfe erschießen. "Meine Hand wird nicht zittern, wenn ich Todesurteile für die Hälfte der Spanier unterschreiben muss." sagte er damals. Weil er trotzdem nicht die Hälfte der Bevölkerung umbringen konnte, steckte er mehrere hunderttausend Kriegsverlierer für Jahre ins Gefängnis, und trieb fast eine halbe Million Spanier ins Exil.

Es wird oft vergessen, dass gerade im ersten Jahrzehnt nach dem Bürgerkrieg die grausamste Repression, die es je in der spanischen Geschichte gegeben hat, stattfand. Die illegalisierten Parteien und Gewerkschaften, aber auch "wilde" Guerillabewegungen setzten den Kampf gegen Franco im Untergrund fort. Sie alle wurden gnadenlos verfolgt, und nach Verhaftung ohne Prozess schlichtweg umgebracht - zusammen weitere etwa 140.000 Menschen. Neben den bekannten Toten "verschwanden" viele Menschen einfach. Auf 300.000 bis 400.000 schätzen Historiker die Opfer der gesamten Repression allein bis zum Jahren 1945.

Märtyrer des Glaubens und der Eiter in Spaniens Eingeweiden - die Rolle des Vatikan

Die Repression war allgemein. Sie erfasste auch die Köpfe. Bernecker spricht vom "erzwungenen Gedächtnis des Franquismus." Die Gesellschaft war ruhig gestellt, zog sich ins Private zurück. Die Presse war gleichgeschaltet, in den Nachrichten kam Politik kaum vor. Der Franquismus gründete sich auf Einschüchterung, Zwang, Folter und Mord. Diese Terrorherrschaft Francos erhielt im Zuge des Kalten Kriegs sehr bald die Unterstützung der USA, aber auch der westdeutschen Republik unter Adenauer. In außerordentlicher Weise kompromittiert hat sich in jener Zeit auch die Katholische Kirche.

Sehr früh bereits hatte sie General Franco anerkannt und auch in der Folge die Faschisten und das Franco-Regime und seine Politik nibelungentreu unterstützt, selbst unter dem gemein hin als linksliberal geltenden Papst Johannes XXIII. Der Vatikan selbst und die große Mehrheit der spanischen Bischöfe riefen immer wieder zum Kampf gegen die Republikaner auf, und ließen die Verbrechen an den Gefangenen und an der Zivilbevölkerung unerwähnt. Der Bischof von Vic zum Beispiel forderte ein "Skalpell, um den Eiter aus Spaniens Eingeweiden zu entfernen". Nach Francos Sieg sendete Papst Pius XII. eine Grußbotschaft: "Wir erheben unsere Herzen zu Gott, wir bedanken uns aufrichtig bei Eurer Exzellenz für den Sieg des katholischen Spanien" - alles dies bedeutende Beiträge der Katholischen Kirche, um Franco und seinen Schergen die Anerkennung des rechten und konservativen Bürgertums zu sichern.

Auch in den folgenden Jahrzehnten stand die Kirche jederzeit hilfreich bereit, und würzte die franquistische Suppe mit Frömmelei und Bigotterie. Bis heute haben zahlreiche Spanier Anträge an die jeweiligen Päpste mit Bitte um Entschuldigung gestellt, bis heute haben sich nur einige Linkskatholiken, aber nie die Amtskirche entschuldigt. Stattdessen sprach der im Vatikan im Oktober 2005 sieben ermordete Priester und eine Nonne im Petersdom als "Märtyrer" des Glaubens selig - eine Heraushebung franquistischer Parteigänger, die über die legitime Trauer und das Gedenken an ihre Ermordung weit hinausreicht. Unangenehm wirkt in diesem Zusammenhang auch die Tatsache, dass die Katholische Kirche weiterhin zahlreiche positive Erinnerungen an die Diktatur an den Fassaden ihrer Gotteshäuser hängen hat, und sich einstweilen weigert, sie zu entfernen.

Die zwei Spanien des Bürgerkriegs existieren nach wie vor

Nach wie vor ist das Erbe des Bürgerkrieges und der Franco-Ära umstritten. Während der "transición" ab 1975 gab es in Spanien keine Vergangenheitsbewältigung, die mit der in Deutschland nach 1945 vergleichbar wäre. Der britische Historiker Anthony Beevor spricht von einem "Pakt des Vergessens": "Es gab keine Prozesse gegen Generäle oder Folterer der Polizei, es gab keine Wahrheits- und Aussöhnungskommissionen wie nach dem Ende der Apartheid in Südafrika. Vielmehr durfte das Regime mit seinem Gründer im Bett sterben - es war nicht gestürzt worden."

"Die Erinnerungen an den grausamen Bürgerkrieg und an die fast vierzigjährige Diktatur wurden in den ersten Jahren der neuen spanischen Demokratie verdrängt, aus der politischen Debatte ausgeschlossen." meint Walter Haubrich, langjähriger FAZ-Korrespondent in Spanien. Die Folgen dieser bewussten Verdrängung erklärt Haubrich so: "Die Vergangenheit ist unbewältigt, die 'zwei Spanien' des Bürgerkriegs existieren nach wie vor." Auch Bernecker bestätigt: "Die Gräben sind wieder vorhanden, die Polarisierung ist wieder da". Und auch fast 55 Prozent aller Spanier glauben, zumindest nach einer Umfrage von "El Mundo", auch heute noch gebe es, "zwei Spanien".

Vor allem der Linken, die zwischen 1982 und 1996 das Land regierte, hat man diesen "Pakt des Schweigens" häufig vorgeworfen. Von den Anhängern der Regierung Felipe González wurde dies als Verrat an den Opfern des Bürgerkriegs empfunden. Schließlich hatte die Linke den Bürgerkrieg verloren und war danach brutal verfolgt worden. Jetzt hatte sie die absolute Mehrheit, doch in der Geschichtspolitik änderte sich zu wenig.

Die Gründe für dieses Schweigen liegen allerdings auf der Hand: Der renommierte Historiker Julio Aróstegui (Universidad Complutense, Madrid) meint: "Die PSOE wollte den Anfang der Demokratie nicht belasten." Denn auch nach Franco Tod lag die Macht im Staat bei den Franquisten. Haubrich erinnert daran, dass viele Altfranquisten die Demokratie nicht widerspruchslos akzeptierten und die öffentliche Diskussion über Krieg und Diktatur verhindern wollten. Der gescheiterte Putsch eines großen Teils der Streitkräfte im Februar 1981 zeigt, wie real die Gefahr für die junge Demokratie war.

Ein Symbol dieses Schweigens ist das "Valle de los Caídos", das "Tal der Gefallenen", ein Prototyp faschistischer Architektur mit angeschlossenem Benediktinerkloster in dem Franco begraben liegt. Das Monument, in dem unter anderen 40.000 Toten - die Archive mit den Listen, woher sie stammen, sind einstweilen weiterhin unter Verschluss - der Gründer der faschistischen Falange, José Antonio Primo de Rivera, begraben liegt, soll offiziell als Zeichen der Versöhnung den Toten beiden Seiten des Bürgerkrieg gewidmet sein.

Die steinerne Botschaft lautet lediglich: "Gefallen für Gott und für Spanien". Doch keine Gedenktafel informiert darüber, dass das Mahnmal einst von 20.000 republikanischen Zwangsarbeitern gebaut wurde. Hier liegen die ehemals Unterdrückten Seite an Seite mit ihren Henkern. Zum 30. Todestag des Diktators nahmen noch im November 2005 über 6.000 seiner Anhänger an einem Gedenkgottesdienst teil. Die Fahnen der Faschisten flatterten auf dem Vorplatz des Felsendoms. Finanziert und betrieben wird dieser faschistische Erinnerungsort nach wie vor durch den demokratischen Staat.

"Der Sieg Francos rettete Spanien"

Dann folgte die Regierungszeit der PP (1996 bis 2004). Die zweitstärkste spanische Partei, die rechtskonservative "Partido Popular" (PP) steht in direkter Nachfolge des Franquismus. Sie wurde 1989 aus der "Alianza Popular" (AP) gebildet, weil diese sich in der Opposition gegen die PSOE unmöglich gemacht hatte. Die AP wurde 1976 von Manuel Fraga Iribarne gegründet, dem für die Zensurbehörde zuständigen Tourismus- und Informationsminister der Franco-Regierung (1962-1969).

Bis heute kommen sehr viele Wähler und die meisten Parteimitglieder der PP aus Familien, die zumindest Nutznießer des Franco-Regimes waren; oft hatten sie die Diktatur und deren repressive Methoden unterstützt. Die PP-Regierung Aznar bemühte sich nach Kräften, die Erinnerung zu verdrängen und die Beschäftigung mit der Bürgerkriegs-Vergangenheit zu verhindern - erst 2002 verurteilte erstmals auch die PP den Staatsstreich von 1936. Stattdessen betrieb man einseitige Propaganda für die eigenen ideologischen Vorväter im Franquismus.

Helden dieses Geschichts-Revisionismus sind Carlos Seco Serrano, der die akademische Geschichtswissenschaft in Spanien über Jahre dominierte, Ricardo de la Cierva, bereits zu Lebzeiten des Generalissimo Hofhistoriker der Regierung und Pío Moa, einst "linksradikaler Terrorist" (Haubrich) und heute Geschichtsfälscher und franquistischer Propagandist der extremen Rechten. Gemeinsam mit der Regierung polemisierten sie einerseits gegen das "Attentat auf die Versöhnung der Spanier" und das "Aufreißen alter Wunden" - eine Argumentation, die einem deutschen Beobachter sattsam bekannt vorkommt -, andererseits betrieb man ein systematisches Umschminken der Erinnerung an Krieg und Diktatur.

Pío Moa, Jahrgang 1948, ist eine schillernde Figur: Einst gehörte er der, vermutlich von rechten Militärs unterwanderten Terrororganisation Grapo an, die in Spanien in den 70-ern einige blutige Bombenanschlägen verübte. Jetzt schreibt er in "Los mitos de la guerra civil" ("Die Mythen des Spanischen Bürgerkriegs") auf 599 Seiten Sätze wie diese: "Der Sieg Francos im Bürgerkrieg rettete Spanien vor einer traumatischen revolutionären Erfahrung. Sein Regime hielt das Land aus dem Weltkrieg heraus, modernisierte die Gesellschaft und schuf die Voraussetzungen für eine stabile Demokratie." - selbst ein Mythos.

Die letzte Verteidigungslinie der Rechten

70 Jahre nach dem Militäraufstand sind in Spanien wieder die Geschichtsrevisionisten am Werk, die die Kriegsschuld der damaligen Regierung zuschieben und Francos Putsch als durch deren Politik unvermeidlich gewordene Tat hinstellen: Die Roten waren schuld, Franco hat das Land nur vor Chaos, Kommunismus und Atheismus bewahrt. Auch die rechtsliberale Tageszeitung "El Mundo" wendet sich in Kommentaren nach wie vor gegen "eine imaginäre Geschichte", nach der "es im Bürgerkrieg Gute und Böse gab".

Solcher, sich hinter "Anti-Ideologie" und "Historismus" versteckender Geschichtsrelativismus, Positionen, nach der gewalttätige Aufständische genauso schuldig sind, wie ein demokratisch gewähltes Parlament, die Verteidiger der Republik gleichrangige Täter wie deren Angreifer im Namen von Diktatur und Rassismus, ist die letzte Verteidigungslinie der Rechten. Der Putsch soll die Rettung vor dem Chaos gewesen sein. Die angemessene Antwort hierzu lieferte der Schriftsteller Javier Cercas:

Es ist nicht immer einfach, die Moral von der Politik zu unterscheiden, aber manchmal ist das angebracht und sogar nützlich. Moralisch gab es gute und böse Menschen auf beiden Seiten, es gab Morde, barbarische Akte, Horror und Idealismus auf beiden Seiten. Politisch aber gibt es keine Zweifel: Die Guten, diejenigen, die politisch Recht hatten, verloren den Krieg; die Bösen, diejenigen die politisch nicht Recht hatten, gewannen ihn.

In den Köpfen geht der Bürgerkrieg bis heute weiter. Gesellschaftlicher Konsens herrscht nur im Resultat, der Überwindung des Franco-Regimes und dem Aufbau funktionierender demokratischer Institutionen. Heute stellt eine neue, jüngere zivilgesellschaftliche Bewegung die Tabus der Ära des Übergangs in Frage - durchaus im Einklang mit einer klaren Bevölkerungsmehrheit: Laut einer Umfrage der Tageszeitung "El Pais" wünschen sich 64 Prozent der Spanier weitere Untersuchungen über den Bürgerkrieg, und 36 Prozent erklärten, in der Schule so gut wie nichts darüber erfahren zu haben. Der Pakt des Schweigens zwischen Links und Rechts wird auf vielen Ebenen gebrochen. Massengräber ermordeter Republikaner werden in allen Teilen Spaniens geöffnet, und die Opfer auf normalen Friedhöfen bestattet. Neue Bücher erscheinen, die mit alten Legenden aufräumen, im Fernsehen widmen sich zahlreiche Sendungen dem Erbe der Erinnerung.

"Espana limpia!"

Interessant sind auch die Beiträge des Kinos: Nachdem schon einige ältere Filme das Gedächtnis des spanischen Publikums aufgefrischt hatten, etwa Julio Sánchez Valdés' "Luna de lobos" von 1987, er von einer Gruppe Republikaner handelt, die den Krieg nach dem offiziellen Ende der Kämpfe weiterführen, muss man jetzt vor allem auf das Werk des in Spanien lebenden Mexikaners und Kino-enfant-terrible Guillermo del Toro ("Cronos", "Mimic", "Hellboy")verweisen. Bereits "The Devils Backbone" war ein wilder Mix aus Geistergeschichte und coming-of-age-Drama, das 1939 in der Endphase des Bürgerkriegs spielte.

Dahinter verbarg sich eine ebenso kluge wie bittere Betrachtung der spanischen Geschichte des vergangenen Jahrhunderts und das anrührende Portrait eines Kindes im Krieg. Im Wettbewerb von Cannes lief nun in diesem Jahr "El Laberinto del Fauno": 1944 haben die faschistischen Falangisten gesiegt, doch in den dunklen Wäldern, hinter den sieben Bergen, da regieren die Milizen der lokalen Partisanen, die sich im Terrain viel besser auskennen. Das Mädchen Ophelia hat ihren Vater verloren und die Mutter wieder geheiratet. Der böse Stiefvater, den das Mädchen konsequent "Capitan" nennt, Hauptmann, ist ein Faschist, wie er nicht nur im Märchenbuche steht, und weil Ophelias Mutter schwanger ist, und Capitan Vidal meint, ein Sohn - selbstverständlich wird es ein Sohn - müsse bei seinem Vater geboren werden, müssen Mutter und Tochter durch den Wald zu jenem Außenposten fahren, wo diese Dienst tut.

In sehr eigenen, ausgesucht poetischen und originellen, ungesehenen Bildern erzählt del Toro eine Geschichte des Horrors im Spanien im ersten Jahrzehnt nach dem Bürgerkrieg. Von Anfang an funktioniert dabei das Nebeneinander von "Realität" und Märchenwelt. "El Laberinto del Fauno" ist Fantasy, aber sie handelt immer von unserer eigenen Welt, ihren Schrecken und ihren Hoffnungen. Während Ophelia von einer Fee in ein Märchenreich geführt wird - in seinen Bildern wie der Durchführung gleichermaßen sehr freudianisch wie poetisch -, nimmt der Terror in ihrer Umgebung immer mehr zu.

Im Kampf gegen die Partisanen schreckt Capitan Vidal vor keiner Grausamkeit zurück: Er foltert und tötet Unschuldige, er tyrannisiert aber auch das Hauspersonal, die Mutter Ophelias und Ophelia selbst. In dem von Sergi López glänzend verkörperten Franquisten Vidal gelingt del Toro ein brillantes Portrait des Faschismus - in seiner Todesbesessenheit, wie in der Zwanghaftigkeit dieses ordnungsfetischistischen Charakters, der ein "Espana limpia" (sauberes Spanien) propagiert, und in seiner Freizeit Uhren repariert.

Über die Erinnerung hinaus auch Gerechtigkeit

Heute zeigt sich eine neue Politik der Erinnerung. Maßgeblich vorangetrieben wird sie von den "Rebellen gegen den Schweigepakt", der Bürgerorganisation "Asociación para la recuperación de la memoria histórica" (APRMH) ("Vereinigung für Rückgewinnung zur historischen Erinnerung"), eine Bewegung für Gräberöffnungen, die inzwischen im ganzen Land verbreitet ist - genauso wie die anonymen Massengräber des Bürgerkriegs. Die Organisation übernimmt, was eigentlich Minimal-Aufgabe des Staates wäre: Die Identifizierung der anonymen Leichen per DNA-Analyse und die Bestattung seiner unwürdig verscharrten Bürger.

Doch Spanien hält sich auch unter der sozialistischen Regierung zurück, es tut nichts, und unterstützt diese zivilgesellschaftliche Bewegung nicht einmal finanziell. Gegründet wurde die APRMH im Jahr 2000 vom Soziologen und Journalist Emilio Silva, dem Enkel eines Franco-Opfers. Die Überreste seines ermordeten Großvaters lagen mehr als 60 Jahre nach Bürgerkriegsende in einem Straßengraben verscharrt. "Niemand hat der spanischen Rechten je ihre Grenzen gezeigt", meint dazu Emilio Silva, der übrigens auch von Deutschland und Italien die überfällige offizielle Entschuldigung für die Zusammenarbeit Hitlers und Mussolinis mit Franco verlangt. Heute nun fordern er und seine Mitstreiter "Rehabilitierung, Entschädigungen, Annullierung von Gerichtsprozessen." Man fordert über Erinnerung hinaus auch Gerechtigkeit. Man weigert sich, die Vergangenheit als abgeschlossen zu erklären. Man nennt nicht nur die Opfer beim Namen, sondern auch die Täter.

Dazu gehört natürlich der Name Francos selbst: Im März 2005 - erst 30 Jahre nach seinem Tod - wurde das letzte Franco-Denkmal, ein sieben Meter hohes Reiterstandbild vor dem Eingang zum Umweltministerium, in Madrid entfernt. Symptomatischerweise diskret in der Nacht. Aber warum wurde sie eigentlich nachts abgebaut? Symptomatisch ist dies nicht nur für die übertriebene Scham der Linken, ihren Verzicht darauf offensiv demokratische Selbstverständlichkeiten - für einen der großen Massenmörder seines Jahrhunderts, einen Diktator und millionenfachen Verletzer von Menschenrechten muss eine Republik, Amnestie hin oder her, kein Denkmal errichten - zu vertreten.

Symptomatisch ist ebenso sie Reaktion der PP-Opposition: Denn die Rechte schäumte. Ein "unverantwortliches Produkt der Ignoranz", sei die Abschaffung des Denkmals, ein "ein Bruch mit dem Geist der Transición", meinte der PP-Chef Mariano Rajoy. Indirekt stellt sich die Opposition, die offiziell jede Verbindung mit dem Franco-Regime bestreitet, damit - als Verteidiger des Denkmals - doch eindeutig in die Nachfolge Francos und der faschistisch-katholischen Partei des Bürgerkriegs.

Doch mehr tat die neue Regierung bisher nicht. "Während das Europäische Parlament den Aufstand der nationalistischen Militärs, der Spanien in einen fast dreijährigen Bürgerkrieg trieb und anschließend in eine zählebige Diktatur verwandelte, aus Anlaß des Gedenktags verurteilte, mochten sich Zapateros Sozialisten nicht zu einem offiziellen Akt aufraffen." fasste der Kulturkorrespondent der FAZ noch vor wenigen Wochen das Zögern der Linken zusammen. Ganz Europa missbillige die rechte Rebellion, nur Spanien nicht, spottete auch die Zeitung "El Mundo".

Die "Amnestie aller für alle" und die Wiederherstellung der historischen Erinnerung

2006 wurde nun vom spanischen Senat zum "Jahr der Erinnerung" erklärt - mit den Stimmen aller Parteien außer der PP. "Das Spanien von heute schaut auf das Spanien der II. Republik mit Anerkennung, Befriedigung und Stolz", erklärte Zapatero zum 75. Jahrestag der Gründung der Republik im April 2006. Zuletzt sorgte ein Gesetz mit dem bemerkenswerten Namen "Gesetz zur Wiederherstellung der historischen Erinnerung" für heftigste Debatten. Die Regierung Zapatero hatte es geplant, um die unabhängige Erforschung dieser blutigen Geschichte zu sichern. Hierbei geht es allerdings allein um eine moralische Rehabilitierung bzw. Verurteilung.

Juristisch wird alles dies für die noch lebenden Täter keine Folgen haben. Die Zeit für eine juristische Aufarbeitung des Geschehens wird in Spanien nie kommen, Kollaborateure sind bisher nicht belangt worden und werden auch nie belangt werden. Denn seit 1975 gilt die gegenseitige Universalamnestie, die "Amnestie aller für alle." Auch die Urteile der franquistischen Tribunale werden - bis auf Weiteres jedenfalls - nicht angetastet.

In der letzten Sitzung des Ministerrates vor der Sommerpause am 30. Juli hat die spanische Regierung das Gesetz nun beschlossen. Allerdings, als Resultat der Debatten, mit verändertem Titel, unter Verzicht des umstrittenen "Erinnerungs"-Begriffs. Es heißt nun: "Gesetz zur Anerkennung und Ausweitung der Rechte der Opfer des Bürgerkriegs und der Diktatur" - eigentlich noch deutlicher. Das Gesetz sieht die Rehabilitierung der Gewaltopfer auf beiden Seiten vor - wobei jedem, Kritikern wie Verteidigern, klar ist, dass es sich dabei im Wesentlichen um Opfer unter den Republikanern handelt. Pensionszahlungen und Entschädigungen werden erhöht, und die Gräberöffnungen werden von der Regierung unterstützt, auch finanziell. Künftig dürfen auch die zuständigen Verwaltungen der Suche keine Steine mehr in den Weg legen. Alle verfügbaren Archive, die zur Aufklärung der Vergangenheit dienen, sollen zugänglich gemacht werden.

Im "Tal der Gefallenen" sind überdies jene für Spanien so peinlichen politische Veranstaltungen der letzten offiziellen Franco-Anhänger in Zukunft verboten. An öffentlichen Orten müssen allerdings alle politischen Symbole, Inschriften und Denkmäler, die nur einer der beiden Bürgerkriegsparteien gedenken, entfernt werden - in der Praxis bedeutet dies zwar die Beseitigung aller franquistischen Symbole an staatlichen Gebäuden, derer es peinlicherweise noch viele gibt, es ist damit aber auch eine Konzentration auf die Opfer unter den Verteidigern der Republik künftig schwerer, werden Faschisten und Republikaner zumindest formal gleichrangig behandelt. Ein typisch spanischer, symptomatischer Kompromiss, der es keinem künftig recht macht.

Doch das Vergessen lässt sich auch in Zukunft nicht verordnen. Auch das neue Gesetz ist noch nicht das abschließende Wort über Spaniens Vergangenheit. Es ist eindeutig: Nach 70 Jahren muss sich auch Spanien jetzt allen unangenehmen Wahrheiten stellen.

Literatur:

Antony Beevor: "Der Spanische Bürgerkrieg"; C. Bertelsmann Verlag, München 2006. 653 S., 26.- Euro

Walther L. Bernecker/Sören Brinkmann: "Kampf der Erinnerungen. Der Spanische Bürgerkrieg in Politik und Gesellschaft 1936-2006". Verlag Graswurzelrevolution, Nettersheim 2006. 377 S., 20.50 Euro

Walter Haubrich: "Spaniens schwieriger Weg in die Freiheit. Von der Diktatur zur Demokratie" (mit einem Vorwort von Jorge Semprún), bisher 4 Bände, ein fünfter Band erscheint Ende 2006, weitere sollen folgen, Verlag Walter Frey, Berlin 1995-2006, 20,50-28 Euro

Carlos Collado Seidel: "Der Spanische Bürgerkrieg. Geschichte eines europäischen Konflikts". C.H. Beck, München 2006. 218 Seiten, 12,90 Euro.

Reiner Tosstorff: "POUM in der spanischen Revolution. Die Rolle der Partido Obrero de Unificación Marxista in der Revolution und im Bürgerkrieg in Spanien 1936-1939"; Neuer ISP-Verlag, Karlsruhe 2006, 160 Seiten, 16 Euro.

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