Von Kindern versklavt

Thomas Pany 06.08.2006

Wie viel Opfer ist nötig?

Wenig ist derzeit mehr angesagt als Kinder, genauer Babys. Deutschland braucht sie nötig, Italien, Spanien und England auch - eigentlich halb Europa, imgrunde die ganze reichere Hälfte der Welt. Schwangere Promis und Babys auf den Titelseiten von People-Magazinen, Babys auf Vernissagen, Babys in Yoga-Kursen, verklärte Augen überall. Babys sind die letzte große romantische Liebe im Abendland der Nullerjahre und ein gnadenloser Lifestyle-Hype. Und wehe dem, der daran rüttelt.

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Wer vor einem Jahr noch den Satz: "Moderne Frauen dürfen von ihren Kindern nicht zum Sklaven gemacht werden" in einer Kolumne geschrieben hätte, hätte wahrscheinlich damit nicht viele Reaktionen geerntet. Doch die Zeiten haben sich schnell geändert.

Eine englische Schriftstellerin, Helen Kirwan-Tayler, schrieb diesen Satz und ein paar andere nachvollziehbare Erfahrungen - z.B. wie sehr sie Kindergeburtstage langweilen - in einerKolumne nieder, die Ende Juli in der Zeitung "Daily Mail" erschienen ist, und erntete heftige Reaktionen aus dem Lager der "guten Mütter", dem sich einige versprengte "gute Väter" anschlossen.

Wie zu erwarten war, wurde der Autorin von "Sorry, aber meine Kinder langweilen mich zu Tode", von der überwältigenden Mehrheit der Leser der Vorwurf gemacht, dass sie eine miserable Mutter, eine "Rabenmutter", sei und sie sich in Acht nehmen sollte, dass ihre Kinder den Artikel niemals zu lesen bekämen; nicht wenige setzten dem noch die bewährte Drohung auf: "Warten Sie mal ab, was aus Ihren Kindern wird". Für die meisten war klar, Frau Kirwan-Tayler hätte keine Kinder in die Welt setzen sollen:

Ja, sie ist selbstsüchtig.Wenn diese Frauen(!) Kinder "langweilig" finden, warum hat sie dann überhaupt welche?

Kommentar aus der "Daily Mail"

Diese Frau hat ihre Kinder gar nicht verdient und sollte sie zur Adoption freigeben für eine Familie, in der Kinder willkommen sind. Natürlich muss man als Mutter Zugeständnisse machen, aber ich habe das Leben mit meinen Kindern nie als langweilig empfunden.

Reaktion zum Artikel aus einem deutschen Forum

Diejenigen, die in dem Artikel eine erfrischende Dosis Wahrheit angesichts herrschender Dogmen sehen, bleiben deutlich in der Minderheit. Alle anderen bestätigten die Autorin in ihrer Ahnung, dass sie mit ihren Aussagen schwierigen Boden betritt:

Ich weiß, das ist eines der letzten Tabus der modernen Gesellschaft. Zuzugeben, dass eine Mutter des neuen Jahrtausends ihren Nachwuchs nicht vollkommen und immerfort faszinierend und erfreulich findet, ist ein Zustandsbefund, den sich nur wenige Frauen zu äußern erlaubt. Wir schämen uns dann und fühlen uns als Mütter ungeeignet.

Dabei zeigt sich im Laufe des Artikels freilich, dass Helen Kirwan-Tayler sich sehr wohl um die Erziehung ihre Kinder kümmert, nur eben nicht in dem Maße, wie es Auffassungen gebieten, die auch in Deutschland lebendig sind: "Child-centric", auf Kinder zentriert, nennt Kirwan-Tayler die aktuelle Form der elterlichen Fürsorge, die derzeit viele praktizieren, bei der das ständige Kümmern um das Wohl der Kinder der Vortritt gegenüber eigenen Ambitionen und Wünschen gelassen wird: Wochenlang eine Kindergeburtstagsparty planen, tagelang eine Kindergeburtstagsparty vorbereiten, stundenlang dabei sitzen, wenn die Kleinen für Erwachsene höchst langweilige Spiele spielen, während man doch in dieser Zeit, seinen Kopf für Wichtigeres nützen könnte, schließlich gebe es ja auch Menschen, denen ihre Arbeit mehr Anregung verschaffe als das dumpfe Dabeisitzen bei Kindervergnügungen.

Selbst Freunde mit intellektuellen Interessen, die früher normale Eltern werden wollten, gäben sich, so die Beobachtung der englischen Autorin, seit geraumer Zeit von einer neuen Einsicht und Praxis überzeugt: "Wo wir hingehen, gehen auch unsere Kinder hin". Egal ob zu Empfängen, Abendessen oder anderen Einladungen, die Kinder sind dabei. Der Kult um die Kinderpsychologie sei eine Wurzel, aus der diese Obsession erwachse, mutmaßt die Autorin.

Diese lächerliche "Kinder zuerst"-Kultur habe damit angefangen, als man den Eltern in den fünfziger Jahren glauben machte, dass ihre Kinder benachteiligt sein würden, wenn man nicht dauernd Zeit mit ihnen verbringen würde, zitiert sie eine Psychologin. Der gegenwärtige Kult erschwere es Müttern , die Wahrheit, dass nämlich die Zeit mit Kindern auch "langweilig und stumpfsinnig" sein könne, auszusprechen.

Das damit einhergehende Überbehüten erzieht die Kinder ihrer Ansicht nach eher zu verwöhnten, anspruchsvollen Menschen mit wenig Eigeninitiative als zu den kreativen, selbstständigen Erwachsenen, die sie doch idealerweise werden sollten. Geopfert wird der neuen Ortodoxie im Erziehungswesen demnach nicht nur die bessere Förderung der Kinder fürs spätere Leben, sondern obendrein die eigene Produktivität und Intelligenz.

Nein, die Gesellschaft kann es sich nicht leisten, 51% aller IQ-Punkte an den Herd und den Wickeltisch abzuschieben. Beruf und Familie müssen vereinbar sein, und dafür ist die Gesellschaft verantwortlich und da sollen sie mit ihren Uraltargumenten der "natürlichen" Rolle der Frau zu Hause bleiben.

Posting in einem deutschen Forum
http://www.heise.de/tp/artikel/23/23275/1.html
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