Die Wahrheit der digitalen Bilder

07.08.2006

Ein Reuters-Fotograf hat ein Bild von einem Bombardement der israelischen Luftwaffe manipuliert

Viele Augen sehen mehr. Das hat sich im Falle einer Fotografen von Reuters wieder einmal erwiesen. Der libanesische Fotograf Adnan Hajj, der viele Jahre als freier Mitarbeiter für Reuters arbeitete, hat eine Aufnahme von der Bombardierung Beiruts etwas dramatisch aufgepeppt. Entdeckt hatten es Blogger vom konservativen, proisraelischen Weblog little green footballs. Mittlerweile hat Reuters den Fake eingeräumt und den Fotografen entlassen.

Zunächst wurde am Samstag im Blog darauf aufmerksam gemacht, dass es sich um eine offensichtliche Manipulation einer Fotografie handelt. Reuters habe offensichtlich Photoshop eingesetzt, um mehr Rauch, der nach einer Bombardierung von Gebäuden in Beirut aufsteigt, im Bild anzubringen. Die Bildunterschrift lautete:

Smoke billows from burning buildings destroyed during an overnight Israeli air raid on Beirut’s suburbs August 5, 2006. Many buildings were flattened during the attack. REUTERS/Adnan Hajj

Das manipulierte Foto

Wie immer in solchen Fällen haben sich dann viele Internetnutzer auf den Fall gestürzt und nach weiteren Informationen gesucht oder neue Verdachtsmomente ausgegraben. Nach den Bloggern aus der konservativen Szene, die damit im Propagandakrieg für Israel punkten wollen, sind auch israelische Medien wie die Jerusalem Post, Haaretz oder Ynetauf den Zug aufgesprungen.

Der Fotograf, der die Folgen eines Luftangriffs offenbar dramatischer machen wollte, hatte nämlich auch Fotos von den Folgen des Bombardements in Kana gemacht. Auch hier gab es unterschiedliche Darstellungen des Vorfalls, interessierte Kreise versuchten durch Interpretation von Fotos und anderen Informationen zu belegen, dass es sich dabei um keine Verfehlung des israelischen Militärs, sondern um eine Inszenierung der Hisbollah handelte. Nun hat man also einen Fotografen, der Fotos manipuliert, was dafür spricht, dass er auch die Fotos wie dieses von Kana verändert haben könnte, um im Medienkrieg Israel zu schaden (Israelische Bomben auf Kana: Massaker oder Hisbollywood?, Spiel mit Opfern).

Vermutlich werden viele digitale Fotografien "überarbeitet", um besser zu wirken. Man wird vermuten dürfen, dass Hajj kein distanzierter neutraler Beobachter ist und wahrscheinlich deshalb versucht hat, die fotografierte Szene nicht wirklich zu fälschen, aber die gegen Israels Bombardierungen gerichtete Botschaft besser rüberzubringen. Der nächtliche Luftangriff hat schließlich mitsamt den dadurch verursachten Zerstörungen stattgefunden. Schaut man sich die beiden Versionen an, so muss man sich auch fragen, warum der libanesische Fotograf wegen der kleinen Manipulationen überhaupt riskiert hat, Ansehen und Einkommen zu verlieren. Der Rauch wurde verstärkt und schwärzer gemacht, die Verwüstungen scheinen so größer, die Luftangriffe auf die Stadt bedrohlicher zu sein.

Das angeblich authentische Foto, das Reuters mit dieser BU anstelle des manipulierten veröffentlicht hat: "KILL OF THE PREVIOUS VERSION. Smoke billows from burning buildings destroyed during an overnight Israeli air raid on Beirut's suburbs August 5, 2006. Picture taken August 5, 2006. REUTERS/Adnan Hajj (LEBANON)

Hajj scheint sich damit herausreden zu wollen, dass er die angeblich schlechte Qualität des Fotos verbessern wollte und dabei Fehler mit Photoshop begangen habe. Manipulieren wollte er angeblich das Foto nicht. Reuters hat selbstverständlich am Sonntag nach Bekanntwerden der Manipulation das einzig Richtige gemacht, das Foto zurückgezogen, durch das – angeblich – "authentische" ersetzt und versichert, von dem Fotografen keine Bilder mehr zu verwenden. Reuters bestreitet allerdings, dass die Fotos von Kana inszeniert oder manipuliert worden seien.

Seltsam an diesem Skandal ist, dass die Manipulation weder der einen noch der anderen Seite wirklich hilft. Sie belegt vor allem, unter welchem Druck die Nachrichtenagenturen stehen, die zu wenig überprüfen, was sie weiterreichen, und die – vielleicht notwendig? – parteiische Menschen beschäftigen, um Geld zu sparen. Möglicherweise ging es dem Fotografen auch wirklich nur darum, nicht explizit eine parteiische Botschaft zu übermitteln, sondern nur sein Produkt besser zu machen. Der Druck, in diesem Sinne Veränderungen zu machen, ist in der Konkurrenz so groß, wie es mit den Techniken der Bildverarbeitung leicht es, dies auszuführen. Letztlich verstärkt diese Manipulation nur das Misstrauen in die Bilder, die allerdings weiterhin über Konflikte entscheiden können, während die Aufklärung deutlich macht, dass mit den Bloggern und dem Web tatsächlich eine wichtige, wenn auch oft einseitige Korrekturinstanz der Medien herangewachsen ist, so dass nun die vierte Macht durch eine vielfältige fünfte Macht kontrolliert wird. Das ist nicht nur im Krieg wichtig, wo bekanntlich das erste Opfer die Wahrheit ist.

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