"Digitale Fotografie hat den Fotojournalismus mehr als jemals zuvor verwandelt"

09.08.2006

Schon wieder wurden manipulierte und inszenierte Fotos aus dem Libanon bei Nachrichtenagenturen entdeckt

Gerade erst hat die Nachrichtenagentur Reuters die Zusammenarbeit mit dem Fotografen Adnan Hajj beendet, der Fotos aus dem Libanon manipuliert hatte (Die Wahrheit der digitalen Bilder). Pro-israelische Blogger hatten die schlecht gemacht Manipulation eines Fotos zuerst entdeckt, das die Folgen einer Bombardierung von Beirut zeigte. Dabei ist auch wieder das Misstrauen in die Bilder von der Bombardierung in Kana verstärkt worden (Israelische Bomben auf Kana: Massaker oder Hisbollywood?), besonders nachdem immer wieder ein libanesischer Rettungsmitarbeiter mit einem grünen Helm auftauchte (der in einem späteren Bild nun einen weißen Helm trägt). Nun haben andere Blogger wieder manipulierte Fotos aus dem Libanon gefunden, die von den Nachrichtenagenturen AP und Reuters stammen, und wollen damit demonstrieren, dass die Medien angeblich gegenüber Israel voreingenommen sind und die pro-arabische Seite Bilder systematisch fälscht (Hizbollywood).

Die AP-Fotografie vom 5. August

Der Autor des Blogs Drinking from Home ist über zwei Fotografien gestolpert, in denen ganz offensichtlich dieselbe Frau die Zerstörung ihres Hauses beklagt. Am 22. Juli beklagt eine libanesische Frau auf einem Foto von REUTERS/Issam Kobeisi die Zerstörung ihres Hauses im südlichen Beirut, am 5. August sieht man auf einem Foto von AP Photo/Hussein Malla höchstwahrscheinlich dieselbe Frau, die nun die Zerstörung ihres Hauses in einem Vorort Beiruts beklagt. Möglicherweise gibt es noch ein weiteres Foto dieser Frau – zynisch die "unglücklichste Hausbesitzerin Beiruts" genannt -, in dem dieselbe Frau noch einmal am 1. August auftritt. Ein weiterer Blogger versucht den Verdacht zu belegen, dass Issam Kobeisi, von dem Reuters weiterhin Fotos verbreitet, identisch mit dem entlassenen Adnan Hajj sein könnte. Zumindest wurde dieselbe Fotografie von Reuters unter den beiden Namen veröffentlicht, zudem findet man auf diesen Fotos womöglich auch wieder dieselbe Frau, die sich am 23. Juli nach einer israelischen Bombardierung beklagt:

A Lebanese woman cries as she carries belongings from her home which was hit by an Israeli air strike in south Beirut July 23, 2006. REUTERS/Adnan Hajj

A Lebanese woman cries as she carries belongings she founded in the wreckage of her home that was targeted by the Israeli air strikes, in southern Beirut July 23, 2006. REUTERS/Issam Kobeisi

Die Reuters-Fotografie vom 22. Juli

"Entweder ist diese Frau die unglücklichste Mehrhausbesitzerin in Beirut oder es stimmt etwas nicht", kommentiert der Blogger. Zur Geltung kommt, wie immer man es auch politisch interpretieren kann, dadurch erneut, dass Fotos als Belege für Fakten dienen sollen, die Medien auf Bilder angewiesen sind und die meist freiberuflichen Fotografen möglichst eindrucksvolle liefern müssen, um die Gier der Medien zu bedienen und Einkommen zu erzielen. Dazu kommt, dass Fotografen eine Botschaft vermitteln wollen, die aber durchaus einseitig sein kann. In den beiden Fällen handelt es sich um arabische Fotografen, bei denen eine Parteilichkeit nahe liegen könnte, ohne dass man gleich verschwörungstheoretisch von der systematischen Manipulation eines Systems (Hizbollawood) ausgehen müsste.

In Konflikten wie im Nahen Osten, die weltpolitisch hoch aufgeladen sind, liegt die Versuchung nahe, dass alle Beteiligten von den Fotografen bis hin zu den Redakteuren aus unterschiedlichen (kommerziellen, aufmerksamkeitsökonomischen, ästhetischen, moralischen, ideologischen oder politischen) Gründen nicht nur eine fragwürdige Bildauswahl treffen, sondern auch Vorfälle (nach)inszenieren. Manchmal zahlen bekanntlich Reporter Menschen dafür, dass sie Szenen nachspielen oder drastischer aufführen. Sie unterminieren damit die Glaubwürdigkeit der Bilder und ihres Berufsstandes, aber auch insgesamt die der Medien. Insofern ist es ein großes Verdienst der selbst allerdings einseitigen Blogger, die Manipulationen und Praktiken in den Medien aufzudecken, auch wenn dies gelegentlich unappetitlich und mindestens ebenso zynisch im Umgang mit dem Leid anderer wird.

Foto Nr. 2 aus dem Fotoessay der New York Times von Tyler Hicks mit dem Helfer

Auch die New York Times hat es nun wegen inszenierten Fotografien erwischt. In einem Fotoessay "Attack in Tyre" von Tyler Hicks/New York Times (27. Juli) liegt, wie es im Blog Gatewaypundit nahegelegt wird, vermutlich eine Inszenierung vor. In Bild 2 ist ein junger Mann mit einer Mütze und nacktem Oberkörper zu sehen, der während der Bergungsarbeiten in den Trümmern mit seinem Finger auf etwas zeigt. In Bild 6 ist mit großer Wahrscheinlichkeit derselbe junge Mann zu sehen, der von einem Helfer aus den Trümmern geborgen wird und tot wirkt.

Foto Nr. 6 von Tyler Hicks mit der Bildunterschrift: "The mayor of Tyre said that in the worst hit areas, bodies were still buried under the rubble, and he appealed to the Israelis to allow government authorities time to pull them out. (Photo Tyler Hicks The New York Times)"

Dem Blogger war aufgefallen, dass der Körper des jungen Mannes unverletzt und nicht von Staub bedeckt ist, wie man dies erwarten würde, wenn eine Person aus Trümmern geborgen wird. Zudem scheint er auch noch die Kappe in seinem Arm zu halten. Seine Haltung wirkt tatsächlich sehr drapiert.

Inzwischen hat die New York Times die Bildunterschrift korrigiert, was aber auch zeigt, dass die Kritik berechtigt war.

"A picture caption with an audio slide show on July 27 about an Israeli attack on a building in Tyre, Lebanon, imprecisely described the situation in the picture. The man pictured, who had been seen in previous images appearing to assist with the rescue effort, was injured during that rescue effort, not during the initial attack, and was not killed. The correct description was this one, which appeared with that picture in the printed edition of The Times: After an Israeli airstrike destroyed a building in Tyre, Lebanon, yesterday, one man helped another who had fallen and was hurt."

Unsinnig sind freilich die hier wie anderen Orts über die Nachweise von Manipulationen und Inszenierungen hinausgehenden Unterstellungen der meist pro-israelischen Blogger, die damit die Massivität der Angriffe und vor allem die Zahl der Opfer sowie die Schwere der Schäden herunterspielen wollen. Sie haben kein wirkliches Interesse an Aufklärung, sondern betreiben Gegenpropaganda, verkleidet als Aufklärung.

Natürlich werden die Manipulationen und Inszenierungen, aber auch die schiefe Selektion von Bildern in Medien in einem Konflikt auch wiederum von den Medien aufgenommen, die ihrerseits Politik mit der Einseitigkeit machen wollen, während die im Medienkrieg benachteiligte Seite sich eher darüber ausschweigt. Wie Reuters versichert, sei die Veränderung von Fotografien absolut verpönt, allerdings würden digitale Fotografien mit Photoshop durchaus überarbeitet, etwa um den Kontrast zu verstärken oder Staub zu entfernen. Aber die Versuchung liegt bei den technischen Möglichkeiten stets nahe, die Fotografien auch mehr zu überarbeiten:

The tools we use in Photoshop are levels, curves and saturation for changing contrasts; and, color balance to bring the image back to the way the natural eye would see the color….Photoshop is a highly sophisticated image manipulation program. We use only a tiny part of its potential capability to format our pictures, crop and size them and balance the tone and colour. For us it is a presentational tool. The rules are – no additions or deletions, no misleading the viewer by manipulation of the tonal and color balance to disguise elements of an image or to change the context.

Photoshop is a powerful image processing program with many more tools to help photographers produce the best quality image they can for the type of photography they do. There is not a Photoshop program for use by news photographers and another for advertising, where image-changing is tolerated. What we in the news photo community need to regulate is what tools are used for photojournalism and what are not.

Gary Hershorn, a photo editor for Reuters

Auch BBC hat in einer Stellungnahme auf die Bildmanipulationen reagiert und die Frage nach der Vertrauenswürdigkeit von Fotos in Medien erhoben. Der Bildredakteur Phil Coomes meint, dass BBC mit einer Reihe von großen Nachrichtenagenturen zusammenarbeite, auf die man sich verlassen könne, weil sie sich auch auf festangestellte Fotografen stützen, die mit den freien zusammenarbeiten und deren Fotos an die Agenturen schicken. Das aber scheint, wie der Fall Reuters gezeigt hat, offenbar nicht wirklich zu funktionieren. BBC würde jeden Tag etwa 5.000 Fotografien erhalten. Vor der Veröffentlichung würden sie darauf untersucht, ob sie bearbeitet worden sind. Das hat aber auch nicht gegriffen, auch wenn BBC davon nicht tangiert war. Zudem würden heute vor allem in Konfliktzonen wie jetzt im Nahen Osten viele Ereignisse nicht nur von einem Fotografen, sondern von mehreren dokumentiert. Aus dem Vergleich könne man gute Schlüsse über die Wahrhaftigkeit der Bilder ziehen, die allerdings von den Fotografen nicht nur gemacht, sondern auch bearbeitet, untertitelt und verschickt werden. Coomes macht aber auch deutlich, dass die Grenzen der Bildbearbeitung im Zeitalter der digitalen Fotografie schwammig sind:

Digital photography has altered the landscape of photojournalism like nothing before it, placing the photographers in total control of their output. All the news agencies have photo ethics policies, many of which are rooted in the days of film. The standard line is that photographers are allowed to use photo manipulation to reproduce that which they could do in the darkroom with conventional film. This usually means, colour balance, 'dodging and burning', cropping, touching up any marks from dust on the sensor and perhaps a little sharpening. If we are honest though, an accomplished darkroom technician could do almost anything and there are many historical examples of people being airbrushed from pictures.

Nach der Stellungnahme kam allerdings der Fall der AP-Fotos auf, eines davon war auch auf der BBC-Website veröffentlicht worden. Man könne nicht sagen, ob die unterschiedlichen Fotografien am selben Ort und zur selben Zeit aufgenommen worden seien. Nachdem man einige Emails diesbezüglich von Lesern erhalten habe, habe man die Fotografie ausgewechselt. Das wäre in früheren Zeiten vermutlich stillschweigend geschehen. Nun aber kursierte bereits ein Screenshot. Allerdings wurde der Vorfall von BBC nur im Update der Stellungnahme erwähnt, nicht aber an der Stelle, an der das Bild ausgetauscht wurde.

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