"O Superman. O judge. O Mom and Dad"

Peter V. Brinkemper 17.08.2006

Der größte der kleinen braven Jungen: "Superman returns"

Mit "Superman returns" ist X-Men-Kult-Regisseur Bryan Singer ein fast zu perfektes digitales Remake gelungen. Es schließt vor allem an den ersten (der bisher vier) Supermann-Film "Superman. The Movie" unter der Leitung von Richard Donner (1978) an. Der national-religiöse Kinder- und Jugendmythos unter den Comic-Figuren wurde, im Gedenken an den 2004 verstorbenen Altdarsteller Christopher Reeve, fein säuberlich "ausgeschnitten" und liebevoll restauriert. Die Schauspieler sind ausgewechselt, die Charaktere um fünf Jahre, also nur leicht gealtert, die alten Abenteuer und Kämpfe finden auf einem völlig neuen tricktechnischen Niveau statt, was den Film zu einer elektronischen halben Wagner-Oper (Filmlänge rund 154 Minuten) mit einigen Längen macht. Doch wie aktuell ist die kaum veränderte Geschichte des irdischen Musterknaben und himmlischen Pfadfinders aus den 1930er Jahren nach dem Einstieg in das 21. Jahrhundert?

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"Superman returns" ist eine durchweg unterhaltsame Neuauflage der in den späten Siebzigern auf die Kinoleinwand gebrachten Comic-Figur. Um 260 Mio. Dollar hat der neue Film verschlungen, schon jetzt der teuerste, aber wohl nicht erfolgreichste Streifen aller Zeiten. Bereits für die ersten beiden Kinofolgen wurde ein hoher Aufwand betrieben, oft ohne entsprechenden Output.

Die älteren Filme zwischen Luxus und Trash

Ideen kamen und wurden wieder verworfen, Luxus und Trash lagen nah beieinander, der zum kompletten Niedergang der Verfilmungen III und IV führte. Ein Comic- und Serienheld wie Superman ist nur auf dem zweidimensionalen Papier ein homogener Charakter, in der filmischen "Realität" allzu schnell ein überfrachtetes, zusammengestückeltes Wesen, in dem sich die unsichtbaren Fäden eines immer weiter ausgreifenden Mythos durchkreuzen. Supermann ist eine episodische Figur, mit zahllosen Wiederholungen und Varianten. Geschichtlicher Fortschritt ist nicht seine Sache. Veränderungen prallen an ihm zunächst ab wie Pistolenkugeln.

Die bisherigen Filme stellten nur die Quintessenz seiner allzu bekannten Sendung dar, vor allem, wenn es sich um comicverwöhnten Zuschauer handelt. Als Leser drehten sie ihre inneren Filme oft mit weitaus reichhaltigerer Phantasie. Kein Wunder, dass die Produzenten Hollywoods nervös wurden, Regisseure und weiteres Personal verschlissen (auf Donner folgte Lester, aber wie geht das bei einer Simultanproduktion von gleich zwei Folgen?) Was am Zeichentisch so rasant aussieht, musste im Film mühsam zusammengebastelt werden. Das mentale filmische Mosaik der Einzelbilder, der Flugposen und der einschlagenden Dynamik ("Woosh", "Bang") sollte ein halbwegs überzeugendes Äquivalent auf der Leinwand finden.

In Sachen Charakter und Psychologie setzte man auf gehobene Bestseller-Autorität: Mario Puzo, der Übervater des "Paten", zeichnete in beiden gleichzeitig abgedrehten Teilen I und II als Hauptdrehbuchautor. Das voller Ironie und Parodie strotzende Manuskript wurde allerdings wieder kräftig eingestampft, entalbert und auf die flache "Wahrhaftigkeit" (bloß welche?) oder "Wahrscheinlichkeit" der ursprünglichen Comic-Figur durch den bewährten Ghostwriter Tom Mankiewicz gebracht.

Nun versuchte man Charaktertiefe durch klotzige Starbesetzung zu erreichen: Marlon Brando unterzeichnete für eine "Skandal-Gage" von mehr als drei Millionen Dollar den Vertrag als Superman-Vater Jor-El. Übrigens ist er im ersten Film, gegenüber anders lautenden Quellen, länger als fünf Minuten zu sehen. Außerdem klingt er nicht so, als ob er angeblich eingeforderte Teleprompter oder Textplakate nötig gehabt hätte. Brutto hält er ganze 20 Minuten in der Krypton-Sequenz durch, als rebellischer, faustischer Wissenschaftler, geknebelt vom katastrophenblinden Rat der Weisen, gar nicht so weit weg von der Position General Zods und seiner Spießgesellen, die in die Phantomzone verbannt werden.

Hinzu kommt Brandos spätere, zum Teil gekürzte Erscheinung auf der Erde als Erinnerungsbild und Mahnung des Vaters in der kristallinen "Festung der Einsamkeit", um seinem erwachsen gewordenen Sprößling endlich den Sinn der irdisch-überirdischen Mission zu erklären. Gene Hackmann, auf der Welle seines Filmruhms als harter Bursche, setzte sich über anfängliche eigene Bedenken hinweg,und gab den irdischen Schurken und supereitlen Snob Lex Luthor. John Williams komponierte die Musik für "Superman. The Movie" (Teil 1), wobei Titelhymne, Krypton-Fanfare und Liebes-Melodie auch in den späteren Streifen und im neusten Film zu vernehmen sind.

Das Talent Christopher Reeve

Der entscheidende Faktor des alten Teams um Richard Donner (Kamera: Geoffrey Unsworth, "2001") war die Verzahnung der damaligen visuellen Möglichkeiten mit den realen Schauspielern, vor allem aber mit der Hauptfigur. Ein Unbekannter, Christopher Reeve, qualifizierte sich nach längerem Casting in seiner markenprägenden Mischung als rasender Athlet, Aerodynamiker (mit Segelflugschein) und durchschnittlicher Schauspieler. Er changierte hin und her, zwischen dem überpräsenten, stimmfesten (deutsche Synchronstimme zu kopflastig) und dabei Gentleman-haften Superhelden, der im An- und Abflug winkte oder "Guten Abend" sagte, und dem schüchtern-täppischen Clark Kent als Reporter des Daily Planet in Metropolis (einem Art-Deco-Verschnitt des älteren Manhattan Midtown, das aber auch Flüge südwärts das World Trade Center nicht vermied). Im Vergleich zu anderen vom Gerüst herabhängenden männlichen Kartoffelsäcken und hässlich austrainierten Bodybuildern hatte Reeve eine Adonis-Statur mit beträchtlicher Bewegungseleganz (inklusive dem im Flugwind fächelnden Cape) vorzuweisen, wenn er sein Luftballett vollführte, über dem Studio-Wolkennebel und vor der Rückprojektion, getragen wie eine Schwebebahn von Gurten und Drähten, die am Fahrgestell in dem im Off aufgebauten Transportschienen eingeklinkt waren.

Reeve war ein Meister der Punktlandung, die Drähte blieben meistens straff und konnten als vertikale Streifen leichter aus dem Filmmaterial entfernt werden. 1995 zog sich der Filmstar bei einem Reitunfall einen Halswirbelbruch zu und war seitdem vom Nacken bis zur Fußspitze gelähmt. Reeve kämpfte gegen die Krankheit an. Gemeinsam mit seiner Frau Donna Reeve setzte er sich im Rahmen einer von ihm gegründeten Paralyse-Stiftung für neue Forschungsmethoden (u.a. an Stammzellen) und für die Erprobung möglicher Heilpraktiken für gelähmte Patienten ein.

Held im Abseits

Die Popularität des 1938, in der Ära der Weltwirtschaftskrise, Depression und des Faschismus "geborenen" Superman-Helden war Ende der 1970er Jahre umstritten. Superman war seine eigene Parodie geworden, eine Art stotternder Roboter, der nicht mehr genau wusste, was oder wozu er dies oder jenes tat. Wusste Superman jemals, was er tat? Wie sieht das Bewusstsein von Superman aus, dessen blödsinniger Name eine Erfindung von Lois Lane, die Bezeichnung einer bloßen Wunschprojektion der Geschlechter ist? War er nicht immer ein zu groß geratener Superboy, ohne erwachsenen Sinn und Verstand?

In den 70ern war er Teil einer saturierten, weltweit verbreiteten amerikanischen Fastfood-Kultur, seit über einem Jahrzehnt ein Stück affirmativer Pop-Art (Roy Lichtenstein). Anfang der 80er Jahre wurde er ein bedrohlicher Kalter Krieger wie in dem genialen Independent-Song von Laurie Anderson: "O Superman. O judge. O Mom and Dad" ("Big Science"). Allzu prophetische Zeilen behandelte die geniale Künstlerin in Terrorzeiten mit größter Vorsicht:

Here come the planes
They're American planes
Made in America
Smoking or non-smoking?

Hi Mom!
So hold me, Mom, in your long arms
So hold me, Mom, in your long arms
In your automatic arms
Your electronic arms
In your arms
So hold me, Mom, in your long arms
Your petrochemical arms
Your military arms
In your electronic arms

Götterdämmerung

Schon 1993 schlug die Götterdämmerung, Superman starb im Kampf gegen das kryptonische Mutantenmonster Doomsday in einer mit acht Mio. Exemplaren höchst erfolgreichen, allerdings nur vorläufigen Schlussepisode. Sogar Hillary und Bill Clinton gaben dem Helden als gezeichnete Figuren die letzte Ehre. Eine schwerwiegende Zäsur für alle Fans weltweit. Ein düsterer Streit um den toten Leichnam schloss sich an, Nachfahren sowie spiritistische oder geklonte Nachfolger meldeten Ansprüche an, in der kristallinen "Festung der Einsamkeit", dem kryptonischen Ort auf Erden, an dem anscheinend alles möglich ist, spekulierte man über Supermanns Regeneration.

Der Tod und die anschließenden Szenarien der energetischen Transformation des vormals langweiligen Winners in einen richtig menschlichen Auch-mal-Looser der Marke Clinton Anfang des neuen Jahrtausends sprachen nicht gegen, sondern für die anscheinende globale Stärke des amerikanischen Kommerz-Imperiums, das auf den Bushismus größerer kriegerischer Auseinandersetzungen und entsprechender Helden vorerst verzichten konnte.

Der ideologische Kern: Dummdreiste Vorprogrammierung auf Weltführung

Das ursprüngliche Konzept des vom Planeten Krypton stammenden Findlings, der von seinem faustischen Vater und seiner Helena-gleichen Gattin, rechtzeitig vor dem eigenen tragischen Untergang, wie ein Homunculus fürsorglich in einer Kristallkapsel auf die Erde gesendet wird, um dort zu überleben und die Menschheit, vor allem die Bürger der USA, im Krisenfall durch spektakuläre Rettungsaktionen, aber auch im Kampf gegen die Nazis zu unterstützen, hatte nicht nur mit positiven Werten zu tun. Nichts gegen eine Roadmap zum Frieden, zur Vernunft und zur ausgleichenden Gerechtigkeit.

Hinter der systemkonformen Good-Boy-Orientierung traten dunkle Seiten hervor: die dummdreiste Vorprogrammierung einer stahlharten, wieselflinken und lederzähen Jugend. Etwas von präfaschistischer Hörigkeit, olympischem Körperkult (zwischen Johnny Weismüller, Jesse Owens und Robert Mapplethorpe), christlichem Fundamentalismus, alttestamentarischem Opferwahn, Hohlwelttheorie, Untertassenglauben, Epidemie-Phobie und Kriegsalarmismus. In Superman verdichtete sich der noch verdruckste Weltführungs-Anspruch der jungen Nation, eine hochgepeitschte Einsatzbereitsschaft, wie sie auch im Stil der Wochenschauen der Kriegs- (und Nachkriegs-) Jahre zum Ausdruck kamen, bevor GIs, Big-Mäcs und Lenkwaffen in die Welt ausschwärmten und für Daily New Order sorgten.

"Superman" 2006-Herodizee statt Cross-Over

Der neue Superman kommt keineswegs ungelegen. Wie ein digitaler Fächer fängt er die Verunsicherungen und Erschütterungen der früheren Jahrzehnte ein und verwandelt sie in ein nur schwach modifiziertes Ressentiment-Bild des alten, allen anderen überlegenen Superman, der allerdings mehr Mitleid und demokratisches Investment in sein angeschlagenes Unternehmen "Rettet die Erde" verlangt. Die Rechtfertigung Gottes und des Superhelden im Angesicht des Übels in der Welt, die Theo- und Herodizee funktioniert besser denn je. Es ist wieder an der Zeit, für ein neues nationales und globales Krisenmanagement und für eine entsprechende Vorbildfigur.

Die Weltmacht USA steht derzeit, durch ihre politischen Alleingänge im Nahen und Mittleren Osten, lässig und nachlässig in der Krise, während Russland um ein Comeback als Major Player kämpft und das boomende China immer stärker lockt und droht. Doch ist so viel Multilateralismus mit einer alten, allzu eindeutigen Figur verträglich, einem patriotischen Landei von einem kaputten Stern und aus einer Farm (mit Eva-Marie Saint als Mount-Rushmore-gesichtige-Mutter) im mittleren Westen? Verlangen die Erdenbürger nicht lieber nach einem offensiven Cross-Over, von Batman, dem intelligenteren, hintertriebenen Städter der 80er Jahre, dem durchgeknallten South-Park-Team-America, den diskriminierten Mutanten Spiderman, Hulk und Hellboy, den phantastischen Vier und den X-Men zu einer diffusen symbiotischen Welt?

Als hätte er X-Men nicht gedreht, lässt Bryan Singer in der Post-9/11-Welt Supermanns zwei uralte Schulmädchen-Fragen stellen: "Warum die Welt keinen Superman braucht?", formuliert am Anfang des Films die begabteste News-Reporterin der Welt, Pulitzerpreis-Kandidatin Lois Lane (gespielt von der schmollenden, mädchenhaften Kate Bosworth, die wie die zukünftige Mutter Supergirls wirkt und damit eine völlig andere Richtung einschlägt als die komisch-hysterische Single-Skandalnudel Margot Kidder in den alten Filmen). Am Ende schreibt sie das Gegenteil: "Warum die Welt Superman braucht", aber das klingt dann auch nicht unbedingt überzeugender als eine PR-Zeile nach 153 Minuten Action und ein bisschen Herz-Schmerz.

Ein Held wird erst richtig wertvoll angesichts starker innerer Bedrohungen und großer Gegner. Bryan Singer und seine Drehbuchautoren Michael Dougherty und Dan Harris haben ein Stück weit Supermans innere Instabilität aufgrund seiner fragilen kryptonischen Herkunft dargestellt. Im Gene-Hackman-Vergleich ganz ordentlich gelingt der Auftritt Kevin Spaceys als neuer bedrohlicher Lex Luthor, wenn dieser alle Machtmittel zusammenrafft, um ganze Kontinente zu erobern, zu beherrschen und auszubeuten. Singer erzählt ohne große Abweichungen, Verfransungen, konzentriert, aber geschmeidig von seinen Heroen und Schurken. Vor allem aber fesselt er mit der konsequenten Arbeit an der digitalen Umsetzung der Superman-Bildwelten.

Das Flug-, Kampf- und Rettungsdrama des Helden wird zur globalen zirzensischen Show gesteigert, etwa wenn er Amerika im "Mehrfachpack" eines Einsatzes gleich eine neue Raumfähre (siehe das Challenger-Unglück) und ihr Trägerflugzeug, einen Passagierjet, vor dem Absturz bewahrt, allerdings dabei die Flügel des Jets eigenhändig abreißt und den Rumpf zu einem sanften Touch-Down unter dem Applaus des Publikums im Baseballstadion führt. Umgekehrt wächst Lex Luthor langsam aus den Schuhen eines Erbschleichers und Großgauners heraus, um zu einem globalen Schurken zu werden, der kryptonisches Material nicht nur zur Lähmung des Superhelden und zum Ausfall der weltweiten Daten- und Energienetze missbraucht, sondern ansetzt zur Züchtung eines neuen gefräßigen Landstrichs im Atlantik "New Krypton", um die bisherigen Kontinente einfach von der Landkarte zu tilgen und den Platz auf der Erde neu zu verteilen. Der ultimative ökologische und geologische Terrorismus!

Digitales Up-Date und frommes Orakel

Schon im Vorspann wird ein digitales Up-Date der früheren Sternenflüge geliefert: Titanische Bilder, Wunder des Alls, dem Hubble Teleskop abgeschaut, Sternennebel, Milchstraßenarme, Kometen und Asteroiden umwirbeln den Zuschauer in der Grazie des ikarusgleichen Himmelsflugs, einer detailreichen, plastischen Tour de Force. Im Vergleich dazu hatten die alten Sequenzen in Teil I etwas von den schmuddeligen Scheibchen in Galileis Linsenteleskop. Dann zur Erinnerung die Explosion eines kryptonischen Planeten - ein fast zeitlos-zyklisches Pulsieren wie in der Retina, bis der Himmelskörper in abertausende Stücke zerspringt. Dazu dringt aus dem Munde Jor-Els das Orakel vom ewigen Mythos: "wie der Vater zum Sohn, und der Sohn zum Vater" werde. Eine Formel, die in Brandos Rollenskript ausführlicher und psychologischer kommentiert wird:

Listen carefully, my son, for we shall never speak again. If you hear me now, then you have made use of the only means left to you - the crystal source through which our communication was begun. The circle is now complete. You have made a dreadful mistake, Kal-El. You have abandoned the world for the sake of private ambition. You did this of your own free will, and in spite of all I could say to dissuade you. Now you have returned here to me for one last chance to redeem yourself. This too - finally - I have anticipated, my son. (pause) Look at me, Kal-El... Once before, when you were small, I died while giving you a chance for life. And now, even though it will exhaust the final energy left within me... Look at me, Kal-El!... The Kryptonian prophecy will be at last fulfilled. The son becomes the father - the father becomes the son. Goodbye forever, Kal-El. Remember me, my son...

Es scheint so, als hätte auch X-Men-Regisseur Brian Singer diese Ermahnung vernommen und fast sklavisch umgesetzt. Der Film arbeitet gehorsam mit dem kompletten Anspielungssystem aus den Comics, Vorgängerfilmen und TV-Serien, mit Parallelmythen und Wiederholungen aus Hollywoods besten Zeiten. Er präsentiert einen Stilmix aus Flachbildschirmen, Handys und Art Deco Chic in einem WTC-freien Manhattan ebenso mühelos wie das in Australien wiederauferstandene ländliche Smallville.

Antimutant und Geschichtslosigkeit

Alles darf fließen und sich wandeln, oder auch auch so bleiben, wie es ist, die Welt als Ganzes um Superman herum. Aber Superman darf sich nur ein kleines bisschen, oder eigentlich gar nicht ändern, er ist der größte der kleinen braven Jungen; sogar, wenn er mittlerweile das Freiheitsbewußtsein einer gewissen Statue entwickelt hat und die Folgen seiner Existenz erblickt: vaterlos zu sein, im Himmel, und mittlerweile auch auf Erden, obwohl er doch unter der Hand mittlerweile (kraft seiner Lenden?) Vater geworden ist (Wie geht das? Wie schläft es sich mit einem Superman, einem Erzengel, der mit Hitzestrahl- und Röntgenblick ausgerüstet ist, schließt man da die Augen, oder wartet man einen schwachen Moment der Menschwerdung ab? Oder war es eine jungfräuliche Zeugung? Oder doch Onkel Joseph?).

Es gibt eine Geheimfamilie, auf deren Existenz er, der Beschützer aller Menschen, wie auf einen Fremdkörper, einen kryptonischen Asteroiden stößt: Die Patchwork-Familie der Starreporterin Lois Lane (Kate Bosworth) mit ihrem fünfjährigen Sohn Jason (Tristan Lake Leabu) und ihrem Ersatzlebensgefährten Richard White (James Marsden), dem Neffen des Daily-Planet-Chefredakteurs Perry White (Frank Langella).

Superman ist der konsequente Antimutant, so viel auch immer in ihm gärt und brodelt. Er ist abstrakte Identität pur. Die geschichtliche Entwicklung zieht an ihm vorbei. Dies ist im neuen Film nicht nur in der allzu behutsamen Wiederaufnahme der Story begründet, sondern auch in den Zwängen der digitalen Technik. Brandon Routh ist ein neues, relativ unbekanntes Double für den alten Superman-Darsteller Christopher Reeve und hält sich dabei ganz passabel. Reeve hatte 25 Superman-Suits, die je nach Situation andere Körperpartien durchscheinen ließen. In einem seiner eng anliegenden Hightechanzüge wurden Routh die frisch antrainierten Muskeln flach gedrückt. Routh wurde daraufhin eine Art Ganzkörper-Push-Up verpasst, um die Körperkonturen wieder stärker, sexy hervortreten zu lassen, in Form von künstlichen Muskelerektionen...

Kinderzimmer voller Eisenbahnkurven

Doch ausgerechnet in der digitalen Bilderfassung wird der neue Supermann vergleichsweise statisch: Im Flug rutschten Vorder- und Hintergrund an der Figur wie an einem anorganischen Körper ab. Nicht selten wirkt Superman wie eine unbewegliche Skulptur, die von allen Seiten optisch zugänglich ist, ohne selbst von der Stelle zu rücken. Nicht nur im Orbit ist er ein kristalliner Fixpunkt, ein erster "unbewegter Beweger" (Aristoteles), um den das All und die menschliche Welt sich drehen. Supermans objektives Losstarten, Beschleunigen und seine Bahnen-Ziehen werden immer wieder durch subjektive Nahaufnahmen und Kamerazooms ersetzt.

Die Welt erscheint als Kinderzimmer voller Eisenbahnkurven, wie sie Lex Luther benutzt, um seinen ersten Kristallangriff auszuprobieren. Auch im gigantischen Endkampf um die Geburt von New-Krypton herrscht die monomanische Perspektive einer One-Man-Show vor, die Superman schließlich in die fast tödliche Ermattung reißt. Ist er durch die Liebe seiner Familie und seiner Freunde zu retten, wenn schon die Fans in der hilflos aufgeblähten Familiensoap die Stirne runzeln? O Brian, O Laurie! "So hold me, Mom, in your long arms/ Your petrochemical arms / Your military arms / In your electronic arms".

http://www.heise.de/tp/artikel/23/23352/1.html
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