Pimp my Text!

28.08.2006

Das Zeitalter der Neuen Medien hat die akademische Textproduktion verändert - jetzt laden "Plagiat-Jäger" scharf durch. Eine Qualitätssicherung ist auf diesem Weg jedoch schwer zu haben

Das von den Gegnern aller neuen Medienanwendungen gern geschmähte "Copy&Paste" steht am Anfang akademischer Gelehrsamkeit. Als Kopisten heiliger Texte waren die Mönche des Mittelalters bewusstlose Agenten einer Textmaschine, später dann Opfer der ersten historischen Mechanisierung eines Handwerks. Der Buchdruck brachte nicht nur einen gewaltigen Produktionsschub an gelehrten Texten mit sich, sondern vor allem eins: einen gemeinsamen und eindeutigen Bezugsrahmen für jede weitere Gelehrsamkeit.

Diese erschließt sich nicht so sehr in hehrer Suche nach Wahrheit, sondern im Ziel der Veröffentlichung und damit in der Anwendung einer ganz bestimmten Kulturtechnik: der Verschriftung. Deskription ist das Ideal aller Wissenschaft; vor allem in den Geisteswissenschaften existiert von der Welt genau soviel, wie von ihr lesbar gemacht wurde. Nur was in einem kanonisierten Prozedere entsprechend verschriftet ist, kann zitiert und damit legitim reproduziert werden.

Parasiten überall

Kein Autor beginnt dabei jeweils bei Null, sondern setzt die einmal durch fachliche Autoritäten begonnene Tradition mehr oder weniger kompetent fort. Das führt zu teils skurrilen Ritualen der Zitation. Nicht die Wahrheit des Textes, im Sinne der Kritik, sondern ein engmaschiges Netz aus Verpflichtungen, Gefälligkeiten und Rücksichtnahmen bildet hier das Kriterium. Von den meisten akademischen Publikation möchte man wohl kaum behaupten, dass man sie gern auf eine einsamen Insel mitnehmen würde - zu offensichtlich tritt mit ihrer sprichwörtlichen Trockenheit der Bezugsrahmen hervor, innerhalb dessen sie funktionieren müssen.

Unsere Welt ist voll von Kopisten und Nachahmern, man überhäuft sie mit Reichtum und Ruhm. Interpretieren lohnt sich mehr denn komponieren, eine Meinung zu einem fertigen Werk zu haben lohnt sich mehr als ein eigenes Werk zu schaffen. Das Übel der Zeit ist die Überschwemmung des Neuen durch die Duplikate, der Untergang der Intelligenz im Behagen am Immergleichen. Produktion ist ohne Zweifel etwas Seltenes, sie zieht Parasiten an, die sie auch sogleich banalisieren.

Michel Serres: Der Parasit, 1980

Spezialgebiete ebenso wie ganze Fachdiskurse leben vom Ausschlachten einiger weniger kanonischer Texte. Dass wissenschaftliches Arbeiten auch eine Schule des verständigen Remixens ebensolcher Texte ist, wird in jedem Seminar für wissenschaftliches Arbeiten gelehrt: Nach der Harvard-Methode zitiert, bedeutet schon halb gewonnen für die Semesterarbeit. Ob noch ein intelligenter oder gar origineller Gedanke in ihr steckt, ist Nebensache. Das provoziert dazu, in der Textproduktion Abwege und Abkürzungen zu nehmen.

Gut geklaut ist halb gewonnen

Das direkte wie das indirekte Zitat sind inhärente Bestandteile des Remixens. Eine winzige Verschiebung im Gefüge des kulturtechnisch Akzeptierten - und schon wird aus dem Zitat ein Plagiat. Doch der wirkliche Fauxpas in diesen ritualisierten Tätigkeiten ist eigentlich nicht das Plagiat, sondern dessen Aufdeckung. Sie zeigt nicht nur ein fragloses Fehlverhalten auf, sondern einen Systemfehler. In der Wissenschaft wird nicht immer nur eindeutig zitiert - hier ist übrigens ein ganzes Repertoire an Formen möglich -, sondern wie selbstverständlich auch geklaut. Den Professor, der es nötig hat, seine Studenten zu plagiieren, möchte ich zwar erst noch kennen lernen. Man hört aber immer wieder von Fällen, in denen etwa Fachgutachter die Ideen von Fachkollegen aus Forschungsanträgen oder Lektoren von ihren Autoren plagiiert haben. Das findet alles in einer Grauzone wissenschaftlichen Arbeitens statt, wo der Nachweis schwierig ist. Hier gibt es eben den feinen Unterschied zwischen "Professionals" und den "Newcomern".

Letztere kennen die Strategien des "larvatus prodeo" (= maskiertes Vorgehen, nach Descartes) noch nicht gut genug, also jene Taktik des Spurenverwischens, die zwischen unerlässlichem Zitieren und bewusstem Plagiieren besteht. "Professionals" plagiieren keine Textstellen, sondern usurpieren gleich Themen und ganze Diskurse, außerdem sind sie geübt in der Kunst der Paraphrase (sinngemäße Wiedergabe von Textstellen). Das akademische System forciert geradezu jene Parasiten, die ohne den Luxus eigener Gedanken als graue "Vertreter" ihrer Fachrichtung existieren, als Funktionäre des Wissenschaftsbetriebs. "Publish or perish", so lautet auch für sie der gnadenlose Imperativ - veröffentlichen oder untergehen. Also lieber publizieren, auch wenn einem partout nichts einfällt für den nächsten Sammelband (der sich dann entsprechend liest). Um nochmal Michel Serres zu zitieren: "In der Kette der Parasiten sucht der letzte sich stets an die Stelle des vorletzten zu setzen." Die Regel dazu ist einfach, denn gutes Plagiieren bleibt unbemerkt und wird belohnt, schlechtes hingegen wird entdeckt und bestraft.

Kulturtechnik des Remix

Angehende Kultur- und Medienwissenschaftler haben es hier besonders schwer. Sie werden nach den Regeln einer Verschriftungskultur in ihre akademische Tätigkeit initiiert - Regeln, die in ihrem Forschungsfeld nicht mehr unhinterfragt gelten. Hier, in der digitalen Medienlandschaft, gilt die Tugend des "Remix" als Verschärfung des Imperativs zum "Publish". Viele Stars, Künstler und Autoren leben geradezu davon, dass ein unbedarftes junges Publikum ihre Zitate nicht mehr als solche erkennt (während das fortgeschrittene Publikum sich dann u.a. mit Umberto Eco an der sogenannten Ironie des Zitats erbauen darf). Ebenso wie die Agenten der Kulturindustrie die neuestens Beats, so müssen die Akademiker den gerade angesagten "Diskurs" draufhaben, wenn sie im Geschäft bleiben wollen. Wer in dieser Kultur des permanenten Remixens aufwächst, wird vom Wert eines kritischen Quellenstudiums schwer zu überzeugen sein. Philologie ist längst zum Fremdwort geworden.

Sodann stellt sich das Problem des technisch jedem ermöglichten "Copy&Paste" auch ganz pragmatisch. Als moderne Kulturtechnik geht dies auf Douglas Engelbart zurück, der 1968 einem staunenden Fachpublikum vorführte, wie sich (mit der von ihm erfundenen Maus) am Computerbildschirm eine Textstelle markieren und an anderer Stelle wieder einfügen lässt. Allgemeine Anwendung fand das Prinzip erst Ende der 1980er-Jahre, als die ersten CD-ROMs mit Klassikertexten erschienen. So mancher Gelehrte sah den akademischen Super-GAU eingetreten, da nun ein jeder dahergelaufene Student eine passende Textstelle etwa von der Nietzsche-CD kopieren und - ganz ohne Abtippen! - in seine Seminararbeit einfügen konnte. Das Internet, mit der wachsenden Zahl verfügbarer Texte, hat dieses Problem natürlich erst wirklich virulent gemacht.

Grundsätzlich geht es um eine gesteigerte Verfügbarkeit von Texten, was eine an sich gute Sache ist. Die Online-Fassung von Texten (beispielsweise historische Texte und Wörterbücher bei textlog.de) befreit nicht nur von der Willkür eines ganz besonderen Menschentyps, der sich in Fachbibliotheken angesiedelt hat. Sie stellt auch die einzige praktische Innovation seit dem Taschenbuch dar, das sich - in Notzeiten schon auch auf Zeitungspapier gedruckt - als wohlfeile Fassung des "wirklichen" Buches anbietet (gebunden, teuer und meist vergriffen oder für Studierende unentlehnbar im Professorenzimmer verstaubend).

Copy&Paste-Studies

"Copy&Paste" aus Online-Texten hilft freilich nicht gegen Ideenlosigkeit. Kopierten Text zu inkorporieren, als fremde Quelle also nicht kenntlich zu machen, ist selbstverständlich ein gravierender Regelverstoß. An der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt ist genau deswegen eine Universitätsassistentin des Fachbereichs Kommunikationswissenschaft jüngst aus ihrem Arbeitsvertrag entlassen worden, ein Verfahren zur Aberkennung ihres akademischen Grades ist angängig. Sie hat in ihrer Diplomarbeit kopierte Textstellen aus dem Internet nicht deutlich genug als Zitate gekennzeichnet, wie ein selbsternannter "Plagiat-Jäger" aus demselben Fachbereich der Universität Salzburg aufgedeckt hat. Es gibt noch mehrere Fälle, und sie beginnen sich vor allem bei den "Newcomern" des Betriebs zu häufen.

Man mag sich nun fragen, was einen Akademiker dazu bewegt, seine intellektuelle Energie für eine derartige Pirsch aufzuwenden. Dem "Plagiat-Jäger" wurde postwendend eine Mehrwert-Produktion in eigener Sache unterstellt. Eine gute Frage aber ist die, was der sogleich einsetzende, skurrile Hype um den "Plagiat-Jäger" und "Skandal-Aufdecker", den die lokale Presse veranstaltet hat, eigentlich bedeutet. Die weiteren Medienberichte schürten mit kaum versteckter Häme (viele Journalisten sind Studienabbrecher) ein Ressentiment, das gegen Akademiker ohnehin besteht, wusste man doch irgendwie immer schon, dass das ganze abstrakte Gelabere an den Universitäten nichts wert ist. Da sieht man´s wieder: alles nur geklaut (vgl. Die Prinzen).

Im Fall der gefeuerten Assistentin hat zwar noch niemand nachgefragt, was da mit einem Professor los ist, der ihre Arbeit betreut, und mit einem Institut, das ein derart offensichtliches Versagen der Lehre und der Betreuung zugelassen hat. Die Universitäten versprechen indes die längst fällige Professionalisierung - nein, nicht etwa der Ausbildung zum wissenschaftlichen Schreiben oder einer Revision der Lehre, sondern der Plagiatsaufdeckung. Man beginnt nun, mit Hilfe von Programmen wie Turn-it-in systematisch vorzugehen. Wer weiß, vielleicht ist den Plagiatsjägern damit der große Coup gelungen, ein neues Forschungsfeld für sich zu besetzen und in der Kette der Parasiten eine Stelle vorzurücken - aber brauchen wir in einer digitalen Wissenschaftskultur den "Plagiat-Jäger" als Blockwart des Online-Zeitalters?

Akademische Retro-Logik

Es stellt sich der Verdacht ein, dass all die Plagiat-Jägerei am Kern der Sache vorbeigeht. Wer heute nach dem Motto "Pimp my Text" im Internet nach entsprechend würzigen Zutaten sucht, um das eigene fade Süppchen aufzupeppen, hat nicht ganz so unrecht. Nota bene: Um symbolisches Kapital zu akkumulieren, ist nicht einfach jedes Mittel recht, es muss aber erlaubt sein, die neuesten Produktionsmittel zu nutzen.

Das Problem dabei ist, dass der Buchdruck in unserer Kultur mythologisiert wird (vgl. die Studie von Michael Giesecke) und folglich wissenschaftliches Arbeiten einem "typographical bias" unterliegt, einem Zerrfaktor also, der im Zwang zur Verschriftung besteht. Deren Ideal der Deskription - die Produktion von Beschreibungsdaten - ist ebenfalls ein zentraler wissenschaftlicher Mythos der Verfügbarmachung. Wer schon einmal versucht hat, in einer akademischen Arbeit Bildern oder Sounds gerecht zu werden, weiß um diese Problematik Bescheid. Umgekehrt wird an den Universitäten nicht wirklich gelehrt, wie mit dem Korsett der typographischen Vernunft zurechtzukommen sei. Anstelle von Kursen für wissenschaftliches Schreiben hört man immer nur die Klage, dass heutzutage kaum mehr gelesen werde. Kein Wunder, wenn man sich die geläufige Wissenschaftsprosa zu Gemüte führt.

Doch die romantische Retro-Logik einer auf rechtschaffene Lektüre verpflichteten Gelehrsamkeit - Buch aufschlagen statt Computer hochfahren - zieht längst nicht mehr. Vor allem nicht, wenn es um eine daraus folgende Strategie der Qualitätssicherung in der akademischen Wissenskultur geht. Weder sind Verbot und Kontrolle Mittel solcher Qualitätssicherung, noch sollte man studentisches Arbeiten unter den Generalverdacht des Plagiierens stellen. Was im akademischen Kontext Not tut, ist keine Plagiat-Jägerei, sondern

  1. eine stärkere Einbindung neuer Medien in die Lehre - und damit meine ich nicht, stupides Folienauflegen durch ebenso stupide Power-Point-Präsentationen zu ersetzen. Vielmehr gehört die Kluft zwischen aktueller Medienpraxis (multimedial) und akademisch tradiertem Ideal (monomedial) grundsätzlich neu überdacht, wenn - wie derzeit überall - neue Curricula implementiert werden.
  2. Zudem muss die kommunikative Struktur radikal hinterfragt werden, die in den meisten universitären Settings besteht. Sie läuft fast nurmehr über eingereichte (oder in einem Plenum vorgelesene) Texte. Ein sauberer Text mit korrekter Zitation zählt mehr als ein gutes Argument und eine fundierte, reflektierte Meinung. Vielleicht würde es ja helfen, wenn akademische Lehrer mit den Studierenden mehr diskutieren und debattieren würden, als auf sturer Textproduktion zu beharren.

Schon vor recht langer Zeit hielt der deutsche Soziologe Max Weber den Vortrag Wissenschaft als Beruf. Auch wenn dies 1922 war, so hat eine Bemerkung daraus bis heute ihre Berechtigung nicht verloren:

Der Einfall eines Dilettanten kann wissenschaftlich genau die gleiche oder größere Tragweite haben wie der des Fachmanns.

Nur die feste Sicherheit der Arbeitsmethode unterscheide die Leistung des Fachmanns von der des Dilettanten, da es - nach dem Motto "Der Einfall ersetzt nicht die Arbeit" - in der Wissenschaft immer um die Möglichkeit der Nachkontrolle gehe. Eine tragfähige Antwort auf die Frage nach dem Sinn der Wissenschaft als Beruf freilich gebe es nicht, auch Weber beruft sich dabei auf eingespielte Mittel der Wissenschaft, auf evidente rationale Voraussetzungen von Logik und Methodik. Doch welche Evidenz ist das, wenn nicht die eines Pragmatismus, der stets nur jene Mittel auslobt, die eben auch kulturtechnisch auf Wissenschaftlichkeit verpflichten?

In anderen Worten: Mit der Verpflichtung auf typographische Wissensproduktion bleibt das korrekte Zitat zwar Basis jeder wissenschaftlich seriösen Argumentation, doch die Vermeidung diesbezüglicher Verfehlungen bedeutet umgekehrt keinerlei Garantie für wissenschaftliche Qualität - eine freilich platte Einsicht, die aber Plagiat-Jägern bislang noch entgangen sein dürfte.

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