Die Hisbollah

24.08.2006

Zwischen Dschihad und Mandat. Teil I: Verwurzelung und Entstehung

Die Bush-Administration begreift sie als "A-Team des Terrorismus", die EU positionierte sich bislang offiziell anders , wenngleich auch in der deutschen Berichterstattung zum Julikrieg 2006 immer häufiger das Adjektiv"terroristisch" Verwendung fand.

Daher scheint ein differenzierter Blick auf die Organisation angebracht, die über ihren militärischen Arm hinaus vor allem eine politisch und sozial tätige Partei des Libanon ist. Im folgenden sollen die vielen Gesichter der Hisbollah zumindest ansatzweise beleuchtet werden: Erstens, ihre Verwurzelung in der schiitischen Bevölkerung, zweitens, ihre religiöse Ideologie, drittens, ihre Einbettung in die politische Gesellschaft und viertens, ihre Position im Kontext von Widerstand und Terror.

Libanons Schia

Insgesamt 18 Konfessionen hat der Libanon. Auf ihren ethnisch-konfessionellen, klientelistischen und familiären Identifikationsmustern - und nicht etwa auf einer nationalen integrativen Politik - basiert sein staatliches System. Die exakte Aufgliederung der Ämter wurde 1943, kurz vor Beendigung der französischen Mandatszeit, in einem ungeschriebenen Nationalen Pakt zwischen den maronitischen Christen und den sunnitischen Muslimen beschlossen. Den Maroniten fiel das Präsidenten-, den Sunniten das Premierministeramt zu. Die Schiiten mussten sich mit der wenig einflussreichen Position des Parlamentssprechers begnügen.

Alle anderen Parlamentsposten wurden in einem 6:5-Verhältnis zwischen Maroniten und Sunniten aufgeteilt, basierend auf der Volkszählung von 1932, der ersten und letzten, die im Libanon bis dato erfolgte. Somit blieben demographische Veränderungen, wie sie vor allem die schiitische Bevölkerungsgruppe betrafen, unberücksichtigt. Die Konsequenz: Die Schiiten waren von den Geldern, die die Regierung an Wohlfahrtseinrichtungen, Schulen und Krankenhäuser auf ethnisch-konfessioneller Basis austeilte, weitgehend ausgegrenzt. Im libanesischen Hinterland isoliert verarmten sie zusehends.

Dass palästinensische Flüchtlingswellen in den Sechzigern verstärkt auf den Südlibanon zurollten und der Landesteil immer tiefer in den großen Regionalkonflikt hineingezogen wurde, band viele Schiiten an die palästinensische Sache - teilweise auch an die palästinensischen Guerillas. Zugleich kennzeichnete das Jahrzehnt eine Abwanderungsbewegung Richtung Hauptstadt.

Im Zuge der Urbanisierung errichteten die Schiiten einen regelrechten Armutsgürtel um Beirut, von wo aus sie ihre Unterprivilegiertheit gegenüber Sunniten und Christen aus nächster Nähe erleben konnten. Doch gerade ihre landesweite Verteilung und die dabei erfahrene kollektive Benachteiligung schweißte ihre Gemeinschaft noch enger zusammen: vom Südlibanon über die Bekaa-Ebene bis in die Beiruter Vororte entstand ein mächtiger Wahlkreis, der meist linken und säkularen Parteien zugewandt war. Viel zur Verbesserung der Situation konnten die indes nicht tun.

Entsprechend hellhörig wurden die Schiiten, als in den Sechzigern aus dem Irak die Stimmen von Klerikern laut wurden, die eine Erweckungsbewegung bzw. eine grundlegende Transformation der schiitischen Gesellschaften im Irak, Iran, dem Persischen Golf und im Libanon propagierten.

Das Zentrum dieser Ulama-Zirkel lag in Najjaf im Irak, unter Leitung Ayatollahs Muhammad Baqir al-Sadr. Dessen Vetter, Sayyed Musa al-Sadr, seit 1959 im Libanon, gründete 1974 - ein Jahr vor Ausbruch des Bürgerkrieges - die "Bewegung der Entrechteten", die den Schiiten zu mehr Teilhabe an der Macht verhelfen sollte. Damit stieg al-Sadr zur Gallionsfigur auf. Bereits im Folgejahr formierte sich die AMAL ("Hoffnung") als bewaffneter Flügel von al-Sadrs Bewegung, entwickelte sich aber rasch zu einer politischen Partei mit islamistischem Charakter.

Inkubationszeit der Hizbollah

Vier Ereignisse zwischen 1978 und 1982 trieben die Reislamisierung der libanesischen Schia voran.

1978 verschwand der charismatische al-Sadr während einer Libyen-Reise auf rätselhafte Weise. Mit dem Wegfall der Integrationsfigur traten die Spaltungen zwischen der gemäßigten AMAL und den radikal-revolutionären Kräften zutage, geschürt noch vom Einfall Israels in den Südlibanon im gleichen Jahr.

Während die von Nabih Berri geführte AMAL den Landesteil vor weiteren Verwüstungen schützen wollte und daher für ein nationales Bündnis - sprich, für eine Zusammenarbeit mit der pro-israelischen maronitischen Staatsführung plädierte - riefen die islamistischen Stimmen und die Palästinenser zum Kampf gegen Israel auf, dessen"Operation Litani" hohe zivile Opferzahlen, zerstörte Infrastrukturen und eine Flüchtlingswelle hinterließ.

Die AMAL, in den Verdacht der indirekten Kollaboration mit Israel geraten, verlor das Tauziehen auch in den eigenen Reihen: Zahlreiche Führungskader und Anhänger wechselten zu fundamentalistischeren Gruppierungen über. Zu den Verlierern zählten auch die linken Parteien, sie hatten die Schiiten nicht beschützen können.

Ein Jahr später brach im Iran die Islamische Revolution aus, die eine Alternative zu dem kapitalistisch orientierten und ob seiner sozialen Ungerechtigkeiten verhassten Shah-Regime aufscheinen ließ. Zudem erschütterte sie die vielfache Überzeugung, dass alle, die sich auf den Islam beriefen, automatisch hilflos und rückständig seien.

1982 das vierte Ereignis: Nach wochenlangen Bombardements unter dem Etikett "Frieden für Galilea" marschierte die israelische Armee in Beirut ein. Die grausamen Massaker, die in den palästinensischen Flüchtlingslagern von Sabra und Schatila verübt wurden, gruben sich in das kollektive Gedächtnis aller Libanesen ebenso ein, wie der Umstand, dass der Befehlsgeber, Ariel Sharon, dafür international nie zur Rechenschaft gezogen wurde. Schließlich der Tod von zehntausenden Zivilisten, eine halbe Million Flüchtlinge und eine zusehende Verarmung, vor allem unter den Schiiten: Israelische Agrarprodukte überschwemmten den Süden zu Dumpingpreisen, die Schiiten verloren die Absatzmärkte für ihre eigenen Produkte.

Gründung der Hisbollah

Im selben Jahr stationierte der Iran 1500 Revolutionswächter in der Bekaa-Ebene. Sie verbreiteten die Lehren Ayatollah Khomeinis, bildeten Kampfverbände aus und unterstanden dem iranischen Botschafter in Damaskus, Ali Akbar Mohtaschami, der als einer der Hauptinitiatoren der Hisbollah gilt. Die hohen Summen, die Teheran an die neu gegründeten islamischen Verbände überwies, erlaubten es diesen und allen voran der sich am stärksten heraus kristallisierenden Hisbollah, ihr Überleben abzusichern und einen Parallelhandel aufzubauen.

Im Gegensatz zu terroristischen Warlord-Gangs verzichtete die Hisbollah auf illegale Steuern, Schutzgelder, die Aneignung des Grundes von Vertriebenen, Casinogeschäfte oder Drogenhandel (siehe hierzu die sehr interessante Studie von Erik Mohns). Ein für ihre Legitimation und Popularität entscheidender Faktor. Zugleich etablierte der Iran ein Netzwerk karitativer und infrastruktureller Maßnahmen, die Basis für die soziale Tätigkeit der Hisbollah.

Unter ihrem Dachverband bieten heute zahlreiche Wohlfahrtsverbände humanitäre und soziale Dienste an, die von der Essens- und Obdachlosenversorgung bis zur Arbeits- und Stipendienvermittlung reichen - in den Hochburgen der vom libanesischen Protegé-System Ausgegrenzten von immenser Bedeutung. Neben Waisenhäusern betreiben sie Krankenhäuser zu Niedrigstpreisen bei bestmöglicher Versorgung, die Patienten aller Konfessionen offen stehen. Schließlich Schulen, darunter eine für Kinder mit Down-Syndrom. Die von der Hizbollah 1991 gegründete Frauenorganisation führt unter anderem Alphabetisierungskurse durch und hält die Frauen zur Selbsthilfe an (etwa durch den Verkauf eigener Handarbeiten).

Infolge der verheerenden Vernichtung der Infrastruktur durch die israelischen Operationen errichtete die Hisbollah Mitte der Achtziger eine Rekonstruktionshilfe mit hoch ausgebildetem Personal, das unter anderem für Brunnengrabungen, Straßen- und Brückenbauten, Stromgeneratoren, die Trinkwasserversorgung, die Errichtung öffentlicher Toilettenhäuser und die tägliche Müllabfuhr sorgt.

Die Finanzierung all dessen erfolgt vermutlich nach wie vor großteils durch den Iran, aber auch durch Hisbollah-eigene Investitionen in die libanesische Wirtschaft. Als weitere Einnahmequelle fungieren die religiös vorgeschriebenen Abgaben der Schiiten - Zakat (Almosen) und Khums (ein Fünftel von der Höhe des jährlichen Einkommens, das nicht für den eigenen Lebensunterhalt konsumiert wurde). Über diese Gelder arbeitet die Hizbollah jenseits der wegen ihres Korruptionssumpfes verschrienen libanesischen Regierung.

Ein zusätzlicher "moralischer Pluspunkt", den sie - selbstredend - für ihre politischen Ziele instrumentalisiert. Dabei sind die Fakten, vor denen sich all dies abspielt, nicht auszublenden: Seit Ende des Bürgerkrieges, 1990, sollte das staatliche Rekonstruktions- und Wiederaufbauprogramm ("Hariri-Projekt") den Lebensstandard anheben. Herausgekommen sind lediglich eine immense Landesverschuldung, eine galoppierende Inflation, eine schier uferlose Vetternwirtschaft und eine Arbeitslosenquote von mindestens 30%, die - einmal mehr - vor allem Libanons Schia trifft.

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