Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte - manchmal

Matthias Gräbner 25.08.2006

Begreifen Schüler durch multimediale Erklärungen wirklich besser als durch Lehrbuchstudium?

Eines muss ich meinem Erdkundelehrer ja lassen: Ich werde mein Leben lang nicht vergessen, in welchen schwedischen Orten Eisenerz abgebaut wird. Oder zumindest wurde, als ich noch das Gymnasium besuchte. Dass mir dieses Wissen heutzutage nicht mal mehr beim Lösen von Kreuzworträtseln hilft (schon gar nicht bei Sudoku-Knobeleien, die das gute alte Kreuzworträtsel längst verdrängt haben), dafür kann ja der Geografie-Pauker nichts. Nicht mal für die Methode kann er etwas, mit der er seinen Anbefohlenen die Welt und ihre Bergbau-Paradiese nahegebracht hat. Von "Computer in die Klassenzimmer" war nämlich zu dieser Zeit nicht die Rede. Was womöglich kein Verlust war, wenn man den absoluten Kritikern jeglicher Computer-Verseuchung glauben will.

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Doch auch differenzierter forschende Wissenschaftler sehen den Einfluss von Rechnern auf das Lernen eher kritisch: Computer im Klassenzimmer förderten die Leistungen von Schülern nur, wenn sie nicht mehr als einmal pro Woche angeschaltet würden, postulierten vor einem Jahr die Bildungsexperten Ludger Wößmann und Thomas Fuchs vom Institut für Wirtschaftsforschung (Ifo) in München. Im Kinderzimmer sei die Rolle des PCs sogar fast durchgängig die des listigen Verführers, nicht aber des verständnisvollen Lehrers.

Kann man also, wie Wößmann und Fuchs folgerten, aus Büchern besser lernen als mit dem Computer? Die Proponenten des amerikanischen TELS-Programms ("Technology Enhanced Learning in Science") meinen, das Gegenteil belegen zu können. Ihre Erkenntnisse breiten sie in einem Artikel in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Science aus (doi: 10.1126/science.1131408).

Im TELS-Programm werden (unterstützt durch die National Science Foundation der USA) interaktive Lernmodule für die Naturwissenschaften programmiert, die vor allem das Prozessverständnis der Schüler fördern sollen. Bei der Beurteilung der mit multimedialer Unterstützung erzielten Lernerfolge spiele vor allem die Fragestellung eine Rolle, so die These der Forscher um Marcia Linn von der University of California in Berkeley. Zunächst die schlechte Nachricht: prüft man das Wissen der Schüler im Multiple-Choice-Verfahren, ließen sich keine signifikanten Verbesserungen zur mit normalen Lehrbüchern "behandelten" Kontrollgruppe registrieren (Bemerkung am Rande: es ist bemerkenswert, wie die an einigen Tausend Schülern durchgeführte TELS-Studie die Einstufung in "kluge" und "dumme" Schüler vermeidet – stattdessen spricht sie von Eleven mit hoher und solchen mit niedriger "Wissensaufnahmefähigkeit"). Zudem waren die Tests kaum geeignet um herauszufinden, ob der Schüler das Gelernte auch verstanden (und nicht nur auswendig gebüffelt) hatte.

Ließ man allerdings die Schüler Vorgänge erklären, kehrte sich das Ergebnis um: nun war mit 98-prozentiger Sicherheit erkennbar, ob und wie gut der betreffende Schüler das Stück Wissen in seinen Erfahrungsschatz integriert hatte. Gleichzeitig schnitten die Schüler im Durchschnitt um ein Viertel besser ab. Die Tests zeigten aber überraschenderweise auch, dass gerade bei multimedialer Begleitung der Einfluss des Lehrers zunimmt. Insbesondere die Erfahrung der Lehrer mit Technologie und ihre Fähigkeit, Fragen zu stellen, beeinflusste das durchschnittliche Ergebnis ihrer Klassen. Die Studienautoren im Marcia Linn schließen daraus, was auch für völlig computerfreie Klassenzimmer wichtig sein sollte: Es kommt bei der Wissensvermittlung darauf an, den Schülern Gelegenheit zu geben, Ideen miteinander zu verbinden, und sie gleichzeitig anzuleiten, Argumente zu formulieren und mit ihren Kameraden auszutauschen. Eine Idee, der der oben erwähnte Erdkundelehrer durchaus auch schon anhing – indem er mich zur Nachhilfe für einen Mitschüler mit niedrigerer Wissensaufnahmefähigkeit verurteilte, verpflichtete er mich dazu, diesem das geforderte Wissen mit eigenen Worten und Argumenten darzulegen.

http://www.heise.de/tp/artikel/23/23399/1.html
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