"Mutti, Du sollst mich nicht immer in der Straßenbahn anrufen!"

Wolf-Dieter Roth 28.08.2006

Auch das noch: Handy mit Hörer und Wählscheibe

So mancher ältere und nicht mehr so gut sehende Mitmensch tut sich schwer, das Telefon von der TV-Fernbedienung zu unterscheiden oder herauszufinden, mit welchem der vielen Knöpfe er am Handy "abhebt". "Gibt es denn keine richtigen Telefone mehr – so mit Hörer und Wählscheibe?". Doch, es gibt.

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Es gibt Geräusche, da wird man auch heute noch hellwach, auch wenn man sie schon seit Jahrzehnten nicht mehr gehört hat: Heute tüdelt, piept und furzt alles – doch das klassische Klingeln des Bundespost-Modells "Mausgrau Standard", darauf ist man noch konditioniert wie ein Pawlowscher Hund. Das klassische Wählscheibentelefon hatte auch noch einen weiteren Vorteil: Man wusste genau, wo es steht und selbst wenn nicht, ließ es sich aufgrund der Klingel gut akustisch orten, was bei den heutigen synthetischen Klingeltönen schon schwieriger ist.

Ein altes Wählscheibentelefon… (Bild: Sparkfun)

Ansonsten war es eigentlich überhaupt nicht schön, denn das Wählen mit Scheibe war langwierig und sorgte mitunter für abgefräste Fingernägel, wenn irgendwo lange besetzt war und man stundenlang versuchte, anzurufen, das Kohlemikrofon sorgte für ständiges Prasseln und freute nur die Stasi, da das Klicken beim Mithören unterging. Auch die vielen Fehlverbindungen lagen oft an der Technik und nicht wie heute nur daran, dass man sich bei der Nummer vertippt oder verlesen hatte.

Doch manchen überkommt die Nostalgie. Und so machten sich ein paar Bastler aus Bolder, Colorado daran, einen Aprilscherz aus dem Jahr 2003 wahr werden zu lassen und in ein Telefon aus den 50er-Jahren einen GSM-Handychipsatz samt Antenne und Umsetzer zu verbauen, der aus den Impulsen der Wählscheibe moderne, digitale Tonwählsignale macht.

Eigentlich war es nur ein Experiment, doch da das Ganze bereits nach zwei Tagen samt Batterie funktionsfähig war – auch wenn die Tonqualität trotz Wechseln des Mikrofons von der originalen Kohlekapsel auf ein modernes Elektret-Kondensatormikrofon nicht besonders gut war, weil die ganzen Komponenten doch ziemlich wild zusammengestrickt sind. Doch das ist bei den beliebten neonbeleuchteten Effekttelefonen aus Fernost ja meist auch nicht anders. Dafür fällt garantiert jeder Besucher schlagartig vom Stuhl, wenn dieses Telefon mit echtem, historischen Läutwerk klingelt. Es kann nun in etwas professionellerem Aufbau als beim ersten Exemplar für 400 (schwarz) oder 500 (rot) US-Dollar bestellt werden und wird dann individuell in zwei bis drei Wochen zusammengebaut. Natürlich kann man sich auch nur die Elektronik besorgen und in ein eigenes, deutsches Wählscheibentelefon bauen, was ohnehin sinnvoller ist – oder, wenn man das Talent dazu hat, auch alles selberbauen: Die Schaltpläne und der Aufbau sind ja vollständig dokumentiert.

Es ist übrigens ein echtes Handy, man kann es für Spaziergänge mitnehmen und die Batterie hält mehrere Tage, bevor man das Gerät öffnen muss, um sie wieder aufzuladen. Und man fühlt sich an den Witzbold erinnert, der sich in den 70er-Jahren in München öfters einmal mit einem Kinder-Spielzeugtelefon in die Straßenbahn setzte, es klingeln ließ und dann für alle vernehmlich lautstark in den Hörer schimpfte "Also Mutti, Du sollst mich doch nicht immer in der Straßenbahn anrufen!!!".

…mit funkendem Innenleben! (Bild: Sparkfun)

Wer es jetzt für völlig plem-plem hält, ein leichtes Mobiltelefon auf diese Art in einen schweren Klops, der ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel hat, zu verwandeln, der sollte nicht zu früh lästern: für den Tarif Vodafone zuhause (Die Telekommunikationsnetze wachsen zusammen) wird ebenfalls ein – wenn auch moderneres – Telefon angeboten, das optisch einem heutigen Festnetz-Bürotelefon entspricht und im Gegensatz zu einem echten Festnetztelefon auch noch einen Stromanschluss benötigt. Mancher braucht so etwas, auch wenn es wirklich bequemere Möglichkeiten gibt, zu telefonieren.

http://www.heise.de/tp/artikel/23/23404/1.html
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