"Social Media"-Angst der Elite-Eltern

29.08.2006

Internetauftritte ihrer Sprößlinge machen manche amerikanische Politiker und Geschäftsmänner nervös

Vom Zoff Heranwachsender mit ihren Eltern, insbesondere den Vätern, war schon länger nicht mehr die Rede. Eher schon vom Gegenteil, dem besten Einvernehmen zwischen Eltern und Kinder, das in vielen Tischgesprächen und manchen Feuilletonartikel beinahe schon als kennzeichnendes Phänomen der jüngeren Generation herausgestellt wird.

Mit Blogs, MySpace, Facebook und ähnlichen "social media"-Foren, die von Jüngeren gerne genutzt werden, hat die jetztige Generation von Teenagern und Twens neue Möglichkeiten, ihre Meinungen, Lebensanschaungen, ihre Kultur und ihren Lebenstil nach außen darzustellen und die eigenen Positionen klar zu machen.

Möglich, dass auch die medienkompetente Jugend der Illusion unterliegt, derzufolge das, was man von seinem privaten Zimmer und Gefühls-und Gedankenraum ins Web schickt, irgendwie doch auch privat bliebe. Das wäre eine Erklärung für ein Phänomen, das jüngst in amerikanischen und englischen Zeitungen zum Thema wurde. Oder es gibt ihn allen Unkenrufen - "Generation von Anpassern!", kennt man ja den Spruch - zum Trotz doch, den rebellischen Nachwuchs. Das wäre die andere Erklärung für Online-Äußerungen und - Selbstdarstellungen von Töchtern und Söhnen, die ihre Eltern in peinliche Situationen bringen und einigen Ärger bereiten.

Unter Titeln wie "Washington hit by curse of the kid bloggers" ("Washington vom Fluch der Kinder-Blogger getroffen") und "Kids Say the Darndest Things in Their Blogs" ("Kinder sagen die verflixtesten Dinge in ihren Blogs") berichteten die englische Zeitung Times und die amerikanische Washington Post in letzter Zeit von einer Reihe von anekdotischen Geschichtchen, die auf einen unerwarteten Aspekt der neuen Öffentlichkeitsforen aufmerksam machen: dem der politischen Gefahr aus dem eigenen Haus.

Da wären zum Beispiel die Söhne eines rechtschaffenen Republikaners, der seiner Partei im amerikanischen Senat vorsteht und als möglicher Kandidat für die nächsten Präsidentschaftswahlen gehandelt wird, Jonathan und Bryan: Jonathan wurde im Internet mit sechs Dosen Bier an seinem Gürtel gesichtet. Sein bestimmt witzig gemeinter Facebook-Eintrag, in dem er sich als Mitglied der Gruppe "Jonathan F. appreciation for `Waking Up White People´ Group" outete, freute vor allem Klatschreporter in Washington.

Sein Bruder Bryan soll in einer Online-Selbstdarstellung dokumentiert haben, dass die "erstaunliche Gnade Gottes", die es ihm gewährte, als Amerikaner geboren zu werden, zu sublimen politischen Kernsätzen führt: "Let's bomb some people."

Ans Licht gebracht werden solche Eskapaden der Elitesprößlinge u.a. von bloggenden Kommentatoren der Washingtoner Politik-Szene wie Wonkette. Freilich könnte man solche Nanoskandälchen, die die standesbewußten Eltern der Oberklasse meist durch die nicht so ganz neuen Schock-Methoden des Entblößens bestimmter Körperteile oder anderer partyähnlicher Sinnesfreuden brüskieren, als peinliches Nebengeräusch abtun, wenn die Angst vor der Öffentlichkeit des sagenhaften Mediums Internet nicht so groß wäre.

Die Sünden der Söhne - diejenigen der Töchter mal beiseite gelassen - machen die Titane von Washington und der Wall Street nervös, weil das Internet Türen für die Öffentlichkeit zu Räumen öffnet, die früher dem "private family business" vorbehalten waren.

Die englische Times sieht das so, vielleicht etwas übertrieben und manche mögen in der übertriebenen Nervosität die Kehrseite der hyperaktiv geschürten Aufmerksamkeit für das Web2.0, social media, Blogs etc. erkennen, aber die Online-Publikationen der Kronprinzen/prinzessinnen begnügen sich nicht mit Schabernakiaden und Gala-Auftritte; manche machen Ernst mit der öffentlichen Äußerung abweichlerischen Gedankenguts.

So wie etwa der Sohn eines "Senior Vice President" des bekannten amerikanischen Großunternehmens AT&T, der sich laut Washington Post in seinem Blog deutlich über die Arbeitsbedingungen und Kundenbetreuung ("abusive to the customer") in der Firma seines Vaters beklagt. Der 21Jährige arbeitet bei einem Tochterunternehmen von AT&T und macht angeblich öffentlich, worüber er sich mit seinem Vater, was die Firmenpolitik und besonders einen bevorstehenden "Merger" angeht, uneins ist. Der Vater soll dagegen bei den Verhandlungen über einen Zusammenschluss mit BellSouth Corp. die Qualität der Kundenbetreuung bei AT&T in möglichst bestem Licht präsentieren.

Nach Recherchen der Washington Post waren die häretischen Aussagen von Watts Junior recht einfach zu ergoogeln: Nach Eingabe von "Wayne Watts AT&T" soll ein Top-Link zu einem Blog namens "Corporate Tool" erscheinen, dessen oberster Eintrag "Haha Wayne Watts ist mein Vater" lauten sollte, mit einem weiteren Link zum Blog des Juniors.

Nachdem der Betreiber des Corporate Tool-Blogs, der ehemalige AT&T-Vizepräsident Josh King den Link entfernt hatte, den Watts-Filius in den Kommentaren zu seinem Blog gesetzt hatte, ist der schwieriger zu finden. Dafür steht jetzt oben bei "Corporate Tool" ein Link zu einem Bloggereintrag, der über die "Blogs Of The Washington Post-Adolescents" schreibt und die ganze Sache für ziemlich übertrieben hält.

Auch Vater Watts will die Sache nicht hoch hängen und ließ durch einen AT&T-Sprecher verlauten:

Mein Sohn liegt mir sehr am Herzen. Wie viele andere Väter und Söhne auch haben wir unterschiedliche Ansichten zu vielen Themen.

Ob er zuhause auch so reagiert hat, weiß die Öffentlichkeit allerdings nicht.

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