Zunahme der Armen in den USA

Florian Rötzer 31.08.2006

Seit 2000 ist nach der Statistikbehörde der Anteil der ganz Armen um 20 Prozent gestiegen, Wissenschaftler warnen vor der wachsenden Zahl der Menschen ohne Krankenversicherung

Für die Bush-Regierung dürften die neuen Zahlen der US-Statistikbehörde nicht erfreulich sein. Zwischen 2000 und 2004 sind die Amerikaner ärmer geworden, besonders stark angestiegen ist die Zahl der sehr Armen. Zur gleichen Zeit ist die Zahl der Menschen in den höheren Einkommensklassen gesunken. 2005 ist zwar das reale mediane Einkommen das erste Mal seit 1999 wieder leicht gestiegen und sich der Anteil der Armen auf dem Niveau von 2004 stabilisiert. Wissenschaftler warnen dennoch vor bedenklichen Auswirkungen der Armut auf die Gesellschaft und insbesondere den Gesundheitszustand, zumal die Zahl der nicht krankenversicherten Personen weiter zugenommen hat.

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37 Millionen amerikanische Bürger – 12,6% oder jeder achte - leben nach den Zahlen der US-Statistikbehörde in Armut. Als arm gilt ein Haushalt mit vier Personen mit einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von 19.970 Dollar und weniger, bei einem Single liegt die Grenze bei 9.973 Dollar oder 7.700 Euro (in Deutschland lag nach dem Armutsbericht 2005 die Zahl der Armen 2003 bei 13,5%, als arm gilt, wer weniger als 938 Euro, d.h. 60 % des Durchschnittseinkommens bezieht). Auffällig in den USA ist, dass die Zahl der sehr Armen, die weniger als die Hälfte des für die Armutsgrenze festgelegten Einkommens erhalten, zwischen 2000 und 2004 stark angestiegen ist, nämlich um 20% oder 3,6 Millionen Menschen.

Wie auch in anderen Ländern betrifft die Armut am stärksten die Kinder. Über 17% der unter 18-Jährigen gelten als arm. 2004 war einer von drei Amerikanern mit einem Einkommen von weniger als der Hälfte der Armutsgrenze ein Kind. Bei den Latinos und den Schwarzen leben sogar 45% der Kinder in großer Armut. Insgesamt ist die Einkommenskluft weiter gestiegen. Nur das Einkommen des reichsten Fünftels (jährlich über 91.000 Dollar) hat zugenommen. Das Durchschnittseinkommen lag 2005 bei 25.000 Dollar, das der Weißen, die keine Latinos sind, bei fast 29.000. Bei diesen ist die Armutsrate auch leicht gesunken. Die höchsten Einkommen erzielten die asiatischen Haushalte.

Die Trends, so Steven H. Woolf vom Department of Family Medicine an der Virginia Commonwealth University, einer der Autoren des auf den Zahlen der Statistikbehörde beruhenden Berichts "The Rising Prevalence of Severe Poverty in America: A Growing Threat to Public Health", der in der Oktober-Ausgabe der Zeitschrift American Journal of Preventive Medicine erscheint, haben "beunruhigende Implikationen für die Gesellschaft und die Gesundheit." Sie gehen davon aus, dass die Zahl der chronischen Erkrankungen zunimmt, es häufiger zu schwereren Komplikationen bei Krankheiten kommt und die Nachfrage nach, aber auch die Kosten für die Gesundheitsversorgung steigen. Das betreffe nicht nur die Armen, warnt Wolf. Es sei nämlich zu beobachten, dass Familien und Einzelpersonen aus der mittleren und oberen Schichten vermehrt in die unteren Einkommensschichten abzusteigen scheinen und so die Armut weiter zunimmt. Zwischen 2000 und 2004 ist das Durchschnittseinkommen – inflationskorrigiert - um 3,6% gesunken. Die Autoren fordern – darin gleich die Situation in den USA der etwa in Deutschland - ein Überdenken der Politik, die in den letzten Jahren ausgeführt wurde, um das Wirtschaftswachstum zu fördern.

So ist 2005 die Zahl derjenigen Menschen, die keine Krankheitsversicherung haben, gegenüber 2004 weiter auf 46,6 Millionen angestiegen. Waren 2000 14,2% der Menschen ohne Krankenversicherung, so sind es jetzt 15,9%. Dazu gehören 8,9 Millionen Kinder, von denen 19% nicht versichert sind. Bei den Latinos ist die Zahl der Unversicherten am höchsten. Experten erklären den Anstieg der Unversicherten u.a. dadurch, dass weniger Arbeitnehmer bereit seien, eine Krankenversicherung zu übernehmen, da die Zahl der Arbeitslosen zurück gegangen ist. Die mangelnde Gesundheitsversorgung der Armen wird dafür verantwortlich gemacht, dass deren Lebenserwartung in den USA unter das Niveau von Bangladesh gesunken ist.

http://www.heise.de/tp/artikel/23/23443/1.html
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