Flugbedingter Kaufrausch

Hamburg baut das erste reine Shopping-Terminal eines deutschen Flughafens

Der Hamburger Flughafen bietet diese Tage ein chaotisches Bild. Parkhäuser entstehen und zwischen Terminal 1 und Terminal 2 klafft eine fußballfeldgroße Baulücke. Hier entsteht bis 2008 ein Vorzeigeprojekt der Hansestadt: Die "Shopping-Plaza". Mindestens 80 Millionen Euro wird der Bau des mehrgeschossigen Einkaufsparadieses kosten. Auf einer Fläche von knapp 6000 Quadratmetern sollen Reisende dann die obligaten Wartezeiten mit sinnvoller Tätigkeit ausfüllen. Die Besonderheit: Die meisten Geschäfte befinden sich hinter der Sicherheitskontrolle, also genau dort, wo jeder durch muss. Und: Zukünftig wird es für alle Hamburger Terminals nur noch diesen einen Zugang geben. Alle Passagiere müssen durch die Shopping-Schleuse und zum Teil lange Wege zu ihren Gates in Kauf nehmen.

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Da muss jeder durch: Die Shopping Plaza am Hamburger Flughafen. Bild: Maik Günther

Gerade vielfliegenden Geschäftsmänner werden nicht begeistert sein, trotzdem ist die Idee wohl begründet: Nach dem Einchecken und der Sicherheitsschleuse fällt die Stresskurve der Reisenden ab. Aber wohin mit der vielen Zeit bis zum Abflug? Lange Zeit lockten nur Duty-Free-Angebote, Print-Medien und TV ohne Ton. Flughäfen wie London Heathrow machen seit Jahren vor, wie es besser laufen kann. Europas größer Airport mit rund 68 Millionen Fluggästen 2005 setzt im Einzelhandel mehr um als die gesamte Innenstadt von Manchester.

Spontankäufe helfen bei der Auflösung von Langeweile. Aber nicht nur Zugreifer und Mitbringsel-Shopper sollen abgegriffen werden, auch der Geschäftsreisende steht im Visier. Er oder sie sollen 365 Tage im Jahr Besorgungen für den heimischen Feierabend am Flughafen tätigen können, einen neuen Business-Anzug oder auch nur ein paar frische Unterhosen kaufen. Die deutschen Flughäfen zielen auf eine Käuferschicht, die genauso konsumfreudig wie kaufkräftig ist. Man will in Konkurrenz zu den klassischen Einkaufszentren treten.

Die deutschen Flughäfen befinden sich nicht mehr nur im Wettbewerb untereinander, sondern treten auch gegen Innenstädte und Bahnhöfe an. Die Hamburger Shopping Plaza wird die Einzelhandelsflächen am Airport mehr als verdoppeln. Fluggäste sind spendabel, auch Besucher und Abholer sind für Einkäufe zu haben. Ein Umfrage am Flughafen ergab, dass schon jetzt über 35% aller Abholer etwas erwerben. Durchschnittlich kommen 50.000 Besucher täglich an den Flughafen, die langen Ladenöffnungszeiten lassen den Standort in Zukunft auch für Shopper aus der Umgebung interessant werden. Flieger, Gäste, Bringer, Abholer, Anwohner, Beschäftigte: Alle sollen amüsiert sein.

Andere Flughäfen versuchen es mit Events und angeschlossenen Hotels. München lockte jüngst mit einem Beach-Volleyballturnier, Düsseldorf mit Einkaufspaß in "Airport-Arkaden". Die Kundschaft wird zunehmend durchleuchtet: In München soll ein Fluggast im Terminal 2 im Durchschnitt über ein Nettoeinkommen von 3650 Euro verfügen. Reisende kauften 2005 Waren im Wert von 183 Millionen Euro: Dies entspricht einem Zuwachs von 182 Prozent innerhalb der letzten fünf Jahre. Hier erwirtschaftet man bereits 42 Prozent der Erlöse abseits des Flugbetriebs. Das sonst so prüde München beherbergt sogar einen Erotik-Shop im Passagierbereich. Der Geschäftsreisende braucht Ablenkung, wenn er allein im Hotelzimmer sitzt.

Innenansicht der Shopping Plaza. Bild: A.M. Gärtner und O.A. Christ

Neue Quellen

Den größten deutschen Flughafen in Frankfurt am Main frequentieren täglich 135.000 Fluggäste, einige Zehntausend Besucher und über 70.000 Mitarbeiter. Nur sind hier die alten Terminals sehr eng, diverse Einzelprojekte sollen den Standort attraktiver machen. 14.000 Quadratmeter stehen schon jetzt zur Verfügung, bis 2011 wird die Retail-Fläche verdoppelt, 800 Millionen Euro gehen in den Umbau. Terminal 2 erfährt schon im nächsten Jahr einen Ausbau, auch dort wird vor allem luftseitig die Zahl der Geschäfte erhöht.

"Gerade die dort abfliegenden Asiaten lassen sich das Shoppen einiges kosten", bemerkte Fraport-Managerin Ute Pohl jüngst gegenüber dem Fachmagazin FVW. Alle Passagiere müssen durch einen zentralen Teil des Terminals, was das Passagieraufkommen und die Passagierdurchdringung maximiert. Glaubt man den Untersuchungen, kaufen Russen sechsmal, Asiaten viermal und US-Staatsbürger doppelt soviel wie Europäer.

Die Hinwendung zur Einkaufszentrums-Atmosphäre folgt den geänderten Rahmenbedingungen. Die Einnahmen aus den Start- und Landegebühren sind in den letzten Jahren immer weiter gesunken. Billigflieger drücken die Preise und spielen die Flughäfen gegeneinander aus: Wer viel Verkehr haben möchte, musste viel Nachlaß gewähren. Die großen Fluggesellschaften zogen nach, die Lufthansa setzte vergangenes Jahr in Frankfurt eine Preissenkungen von rund 40 Millionen Euro durch. Daher steht nun der "Non-aviation" -Bereich im Mittelpunkt: jene Umsätze, die nicht mit dem eigentlichen Flugbetrieb, sondern mit Einzelhandel, Parkgebühren, Werbung und Restaurants erzielt werden. Die Unternehmensberatung Boston Consulting nimmt an, dass in fünf Jahren die Flugumsätze unter denen des Non-aviation liegen werden.

Architekt des Hamburger Flughafens ist seit über 18 Jahren das Büro von Meinhard von Gerkan. Er steht für bauliche Kontinuität und schien nicht ganz zufrieden mit dem neuen Projekt. "Eine Shopping Plaza entspricht nicht ganz meinen funktionalen Vorstellungen von einem Flughafen. Aber ich habe lernen müssen, dass es den Wünschen der Passagieren entspricht." Der "konzeptionellen Bruch" und die "längeren Wege" werden durch das "Raumerlebnis der Architektur" ausgeglichen, hoffte Gerkan während seiner Rede zur Grundsteinlegung.

Die langen Wege sind Teil eines Konzepts, das den Fluggast als konsumierenden Flaneur sieht. Die Läden werden zukünftig möglichst offen gestaltet, so dass man wie zufällig durch sie läuft. In den Terminal 4 von Madrid-Barajas ist ein Beauty-Spa integriert, die Wege zu den Gates sind bewußt lang gehalten, an strategischen Stellen hängen Displays mit den Minutenangaben vom jeweiligen Standort bis zu den Gates. Selbst der Flughafen auf Mallorca verlegte vor dem Sommeransturm 2006 seine Sicherheitskontrollen vor die Shopping-Area. Die Zukunft am Flughafen heißt auch hier: "Shop till you drop."

http://www.heise.de/tp/artikel/23/23448/1.html
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