Wie man ein Perpetuum Mobile verkauft

Matthias Gräbner 31.08.2006

Ein irisches Kleinunternehmen hat ein funktionierendes Verfahren entwickelt, mehr herauszuholen als man hineinsteckt. Kein Scherz.

Als der britische Economist in seiner Ausgabe vom 19. August kurz hinter dem Inhaltsverzeichnis, also sehr prominent, eine Anzeige der Dubliner Minifirma Steorn veröffentlichte, wurde das intellektuelle Wirtschaftsblatt um eine größere Summe reicher – die Schätzungen liegen von 30000 bis zu 80000 britischen Pfund.

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Selbst wenn die Summe eher am unteren Ende der Skala liegen sollte, ist das in der traditionell eher annoncenarmen (und rabattträchtigen) Sommerzeit durchaus ein nettes Zubrot für die Anzeigenabteilung. Dass die Anzeige tatsächlich viel mehr wert war, musste den Economist nicht kümmern. Denn wann gab es das zuletzt, dass eine Nachrichtenagentur wie AFP Werbung als Aufhänger für eine Meldung benutzte?

Steorn-Chef Sean McCarthy mit einem Testgerät seines Perpetuum Mobile. Das Testgerät, erklärt er in Interviews, sei kein Prototyp, sondern eben ein Gerät zum Testen des P.M.

Was der Auftraggeber darin ganz harmlos mitteilte – nämlich zwölf Prüfer für eine Erfindung zu suchen – ist zurzeit, angestachelt durch Beiträge etwa in Wired und im Guardian Diskussionsstoff in passenden und unpassenden Internetforen. Denn es geht um nichts Geringeres als um ein Perpetuum Mobile – eine Maschine, die mehr Energie produziert, als man in sie hineinsteckt.

Nun sind, das wissen wir ja, auch unmögliche Maschinen nicht mehr das, was sie mal waren. Dafür liefert Steorn den besten Beweis ab. Früher, in den Goldenen Zeiten der Physik, war es durchaus keine Schande, nach einem solchen immerwährenden Energiespender zu suchen – beste Beispiele dafür sind Leonardo da Vinci und Lucas der Lokomotivführer. Inzwischen versteckt man als Wissenschaftler sein Interesse an der Materie besser – eine Tatsache, die der irischen Firma erst die Gelegenheit gab, ihren Coup zu starten. Denn im Economist sucht sie, ganz offenherzig, Wissenschaftler, die eine von Steorn angeblich zufällig entdeckte Technologie mit mehr als 100prozentiger Effektivität prüfen sollen.

Es geht, so viel verrät man vorab, irgendwie um Magneten, Permanentmagneten, wie man sie im Schreibwarenhandel kaufen kann. Ein beliebtes Spielzeug von Perpetuum-Mobile-Erfindern übrigens, denn die Permanentmagneten liefern auf magisch scheinende Weise Energie, die man dem System im Falle von Elektromagneten erst per Strom zuführen müsste. Dass auch hier das (in Elektronenspins "gespeicherte") magnetische Feld bei Energieentnahme an Stärke verliert, muss man dem Zuschauer ja nicht mitteilen – ist der Magnet nur groß genug, fällt das auch nicht so auf. Dass Steorn dieses Prinzip in der eigenen "Entdeckung" aufgreift, ist zwar billig, aber nicht ungeschickt: So muss man keine esoterisch scheinenden Theorien und Begriffe bemühen, die das fachkundige Publikum gleich abschrecken würden. Das hat eh genug damit zu tun, die Tatsache zu verdauen, dass nunmehr der Energieerhaltungssatz erstmalig verletzt worden sein soll (die Verdauung wird zum Glück dadurch erleichtert, dass es sich "nur" um einen Erfahrungssatz handelt).

Das besondere an der Steorn-Erfindung besteht also nicht in ihrer mehr oder weniger wissenschaftlichen Grundlage, sondern in der PR-Arbeit, mit der das Unternehmen die Öffentlichkeit anspricht. Damit konnte Steorn zweifelsohne jede Menge freier Energie schaffen. Denn selbst wenn man die Kosten für eine überraschend professionell gestaltete, in viele Sprachen übersetzte Homepage (man berücksichtige, dass Steorn kurz vor dem Platzen der Dotcom-Blase gegründet wurde, um Website-Projekte technisch zu betreuen) und die Beauftragung einer professionellen PR-Firma einberechnet – eine E-Mail-Adressdatenbank gut verdienender Wissenschaftler hat ja auch ihren Wert. Wobei das noch die harmloseste aller zurzeit im Internet kursierenden Verschwörungstheorien ist.

Das Risiko, das die Steorn-Gründer eingehen, ist jedenfalls minimal – denn selbst wenn die per Hand ausgewählten Forscher zu einem negativen Ergebnis kommen sollten, dann müssen die Iren eben einfach nur in den Flieger nach München steigen und bei "Perendev-Power" einen stets und immer laufenden 300-Kilowatt-Generator kaufen.

http://www.heise.de/tp/artikel/23/23451/1.html
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