Test des Raketenabwehrsystems gelungen

Florian Rötzer 02.09.2006

Offenbar auch für das Pentagon überraschend war der Test des landgestützten Raketenabwehrsystems nach vielen Fehlschlägen erfolgreich

Am Donnerstag musste der vorgesehene Test des größten Rüstungsprojekts der Bush-Regierung, des amerikanischen Raketenabwehrsystems, noch einmal verschoben werden. Das erste Mal sollte beim bislang wenig erfolgreichen landgestützten System die Abfangrakete nicht von den Marshall Islands, sondern vom Luftwaffenstützpunkt Vandenberg in Kalifornien abgeschossen werden. Die "feindliche" Rakete, die abgeschossen werden sollte, hätte in Kodiak, Alaska, starten sollen. Aber da war das Wetter zu schlecht, es gab Nebel und Gewitter.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Schlechtes Wetter sollte ein Raketenabwehrsystem eigentlich nicht hindern, könnten Gegner dies doch zu ihrem Vorteil nutzen. Die Missile Defense Agency (MDA) ließ sicherheitshalber auch verlauten, dass der fast 80 Millionen Dollar teure Test gar nicht dazu dienen soll, eine Rakete während des ballistischen Fluges außerhalb der Atmosphäre abzuschießen. Bereits Ende 2004 war damit begonnen worden, 10 Abfangraketen des landgestützten Systems (Ground-based Midcourse Defense - GMD) in Alaska und Kalifornien zu installieren. Bis Ende des Jahres sollen 16 Abfangraketen in Alaska und zwei in Kalifornien einsatzbereit sein. Die Entscheidung fiel vor der Präsidentschaftswahl, um Fakten zu schaffen, obgleich umstritten ist, ob das System überhaupt einsatzfähig ist. Das Pentagon sprach von einer begrenzten Einsatzfähigkeit, die ausreichen würde, um einzelne Langstreckenraketen aus Nordkorea oder aus dem Nahen Osten abwehren zu können. Begründet wurde dies auch damit, dass man einen evolutionären oder "spiralförmigen" Entwicklungsansatz verfolge, also man mit dem Einsatz nicht wie sonst üblich wartet, bis die Technik ausgereift ist, sondern man die bereits installierten Systeme immer weiter entwickelt und verbessert.

2005 musste zunächst die vorhergesehene Stationierung von Abfangraketen des GMD unterbrochen werden, überdies waren zwei Tests im letzten Jahr nicht erfolgreich. Ob die Tests realistisch durchgeführt werden, ist umstritten. In aller Regel ist das Wetter gut und gibt es gute Sicht, zudem sind Abschusszeit und -ort bekannt, überdies wird nicht berücksichtigt, dass Raketen mehrere Sprengköpfe und zahlreiche Attrappen enthalten können, um Erkennung mittels der Sensoren des "kill vehicle" zu erschweren und damit die Zerstörung zu verhindern. Auch wenn mehrere Raketen gleichzeitig kämen, wäre das System noch überfordert. Die dafür in Entwicklung befindlichen Multiple Kill Vehicles sollen erst 2012 erstmals getestet werden. Die Russen behaupten, mit der Interkontinentalrakete Topol-M das Raketenabwehrsystem mit lenkbaren Sprengköpfen austricksen zu können. Nur beim seegestützten System wurde erstmals letzten November mit einem Attrappensprengkopf gearbeitet, der sich von der Rakete löst und damit schwieriger zu verfolgen ist.

Das Multiple Kill Vehicles-System ist erst in Entwicklung. Bild: MDA

Nachdem 2004 und 2005 bei zwei Tests aufgrund von Fehlern die Abfangraketen nicht einmal abgeschossen wurden, meldete die MDA nun am Freitag einen erfolgreichen Test bei besserem Wetter. Der Test diene als Grundlage dafür, den Schutz gegen eine Langstreckenrakete zu verbessern, "die für einen Angriff auf eine amerikanische Stadt mit einer Massenvernichtungswaffe verwendet werden könnte". Zunächst war gesagt worden, dass der Test vor allem der Erhebung von Daten und der Überprüfung der Leistung einiger Systemteile dienen soll, allen voran des verbesserten Frühwarnradarsystems in Kalifornien, das den Sprengkopf erfassen und verfolgen soll. Zwar würde die Auswertung der Daten Wochen dauern, doch beeilte sich MDA-Chef General Henry Obering zu verkünden, dass der Test erfolgreich war – er sprach von einem "totalen Erfolg" - und sogar die angreifende Rakete getroffen wurde.

Das lässt den Eindruck entstehen, als hätte man in der MDA nach den vielen Fehlschlägen auch dieses Mal nicht wirklich an einen Erfolg geglaubt, schließlich wollte man auch ohne erfolgte Zerstörung des Attrappen-Sprengkopfs schon den Start der Abfangrakete bereits als Erfolg erklären. Auch jetzt antwortete Obering ausweichend auf die Frage, ob denn eine Interkontinentalrakete etwa aus Nordkorea wirklich abgewehrt werden könnte. Es gäbe eine "gute Chance", sagte er diplomatisch. Dabei handelte es sich auch dieses Mal wieder nur um einen Sprengkopf, auf die möglichen Gegnern zur Verfügung stehenden Täuschungs- und Gegenmaßnahmen hat man lieber verzichtet. Und auf wiederholte Fragen, wie realistisch denn dieser Test gewesen sei, versicherte er zwar, dass es fast ein "end to end"-Test gewesen sei. Angeblich wären die Daten, die zum Abfangen des Sprengkopfs während des Tests zur Verfügung standen, sehr begrenzt gewesen:

For this particular test, they would know roughly what the target time would be. They would know that -- the target launch would be. But in terms of the details in terms of exactly where the target's going to be, that's all done with the computer-driven fire control system.

General Oberon

Als Partner für das umstrittene Raketenabwehrsystem hat das Pentagon bislang nur Japan gewinnen können, mit dem zusammen im Juni auch bereits ein Test des seegestützten Systems ausgeführt wurde (US-Raketenabwehrschild einsatzbereit?). Das war zu der Zeit, als Nordkorea angeblich eine Langstreckenrakete testen wollte. Das Pentagon aktivierte damals das Raketenabwehrsystem, auch wenn Zweifel herrschte, ob es denn tatsächlich bereits einen Schutz auch nur gegen eine Rakete gewährleisten kann. In Dänemark und Großbritannien werden Radarsysteme ausgebaut, das Pentagon sucht noch nach einem Stützpunkt auf dem Festland. Im Gespräch dafür sind Polen oder die Tschechische Republik (Danaer-Geschenk?).

http://www.heise.de/tp/artikel/23/23468/1.html
Kommentare lesen (61 Beiträge) mehr...
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS