Ars Electronica – Eine kleine Reise in die Zukunft
Von Tonskulpturen, Cyberwelten, visualisierten Klangwolken und Simplizität
Neue technische Entwicklungen sollen unser Leben erleichtern bzw. vereinfachen. Doch oft genug ist das Gegenteil der Fall – die zunehmende Komplexität der technologischen Welt lässt uns eher mit dem Gefühl der "Überforderung" als der Erleichterung zurück. Mit genau dieser Thematik befasste sich die diesjährige Ars Electronica im oberösterreichischen Linz, ein Festival für Kunst, Technologie und Gesellschaft. Symposien, Konferenzen und Ausstellungen rund um dieses seit 1979 etablierte Event thematisierten die Spannung zwischen einer zunehmend komplexeren und durch fortschreitende Technologisierung bestimmten Welt und dem menschlichen Verlangen bzw. Bedürfnis nach Verständnis und Einfachheit.
Simplicity stellt aber nicht das Gegenteil von Komplexität dar, sondern ist der komplementäre Schlüssel, um uns das neue Wissen und die neuen Entwicklungen in allen Bereichen unseres Lebens nutzbar zu machen. "Technologie ist keine Naturgewalt, sondern wird von Menschen gemacht – also sollte es doch möglich sein, sie für Menschen zu machen", so der künstlerische Leiter und Geschäftsführer der Ars Electronica Gerfried Stocker.
Die Einfachheit komplexer Tonskulpturen
Der Trend nach Simplizität spiegelt sich nicht nur in der Kommunikations- und Informationstechnologie wieder, immer stärker tritt der Wunsch des Menschen nach Ruhe und Langsamkeit in unserer schnelllebigen Gesellschaft in den Vordergrund. Schlagworte wie "Cocooning" – die zunehmenden Individuation bzw. der Rückzug in sich selbst oder "Slobbies", ein Begriff für gestresste 70-Stunden/Woche-Manager, die jetzt die Langsamkeit und das Privatleben neu für sich entdecken, geistern durch die Presse.
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| Hilke Färmann und Jürgen Schneider entlocken ihrem Instrument ausdrucksvolle Klänge (Bild: Petra Vitolini-Naldini) |
Die Konzentration auf das Wesentliche spiegelte sich auch eindrucksvoll im barocken Marmorsaal des Augustiner Chorherrenstift in St. Florian wieder, wo neben sphärischen Klängen der Bruckner Orgel in Kombination mit einem PC, auch Klanginstallationen, wie zum Beispiel die machtvolle Akustik der Klangskulptur Scarpha von Hilke Färmann und Jürgen Schneider zu hören waren. Mit diesem zehn Meter langen Instrument werden durch 14 Saiten orchestral anmutende Klangschichten erzeugt, die dem Menschen die Klangkomplexität in kraftvoller Einfachheit präsentiert.
Musikalische Erlebnisse
Mit Tonskulpturen nicht mit Tönen arbeitet auch die diesjährige Golden Nica-Gewinnerin Eliane Radigue, die mit ihrer synthetisch erzeugten Klang-Sonate "I`le re-sonante", was soviel bedeutet wie "den Klang erwidernde Insel", nicht nur die Jury sondern auch das Publikum überzeugen konnte. In den tiefen Tönen spiegelt sich die Tiefe des Wassers wieder, während die hohen Töne die darauf schwebende Insel reflektieren. Die Französin komponierte schon in den frühen 50er Jahren elektro-akustische Musik, und gehört neben Pierre Schaeffer und Pierre Henry zu den Pionieren dieser Musikgattung.
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| The Sancho Plan: Die Echtzeit-Interaktion zwischen Musik und Video und deren Potential im Hinblick auf Erzählweise und Entwicklung einer Geschichte machen einen wesentlichen Teil der Installation aus. (Bild: Petra Vitolini-Naldini) |
Ein musikalisches Abenteuer ist das Projekt "The Sancho Plan": Eine Kombination aus Animation, Musik und Technik lässt drei interaktive Welten entstehen, in denen animierte Musikfiguren durch elektronische Drum-Pads, die man selbst spielt, aktiviert werden.
Das Internet im Dienste der Menschen
Beeindrucken konnte auch der diesjährige Golden Nica-Gewinner in der Kategorie Digital Communities. Canal*Accessible, vertreten durch seinen Initiator Antoni Aba, setzt das Medium Internet ein, um die Lebenswelt "behinderter" Menschen zu verbessern. Die Unzulänglichkeiten des alltäglichen Lebens beispielsweise für gehbehinderte Menschen werden von 40 Personen, die selbst behindert sind, dokumentiert und ins Internet gestellt. Über einen abrufbaren Stadtplan im Internet werden somit architektonische Barrieren und Stolpersteine in Barcelona dokumentiert.
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| Das Projekt "Waves" von Daniel Palacios Jiménez ist eine interaktive Skulptur, die die Grenzen zwischen dem, was man sieht, und dem, was man hört, zu durchbrechen versucht. Durch die Schwingungen werden Töne erzeugt, damit stellt sie den Klang eines Bildes und das Bild eines Klanges dar. (Bild: Petra Vitolini-Naldini) |
Mit Cyberela sollen benachteiligte Frauen in Brasilien Zugang zu den neuen Informations- und Kommunikationstechnologien erhalten. Neben der Hard- und Software wird ein Breitband-Internetanschluss zur Verfügung gestellt, um Frauen nicht nur im Umgang mit PC, Software und Internet zu schulen, sondern auch Informationszugang und -Austausch zu fördern.
Das Projekt "Codecheck" von Roman Bleichenbacher setzt das Internet als Informationsmedium im wahrsten Sinne des Wortes ein. Es hilft Konsumenten, den Zifferncode auf Konsumgütern zu entziffern. Per PC-Eingabe sendet man den Zifferncode an www.codecheck.ch und erhält umgehend alle relevanten Fachinformationen über die Inhaltstoffe. In Zukunft soll das System um eine mobile Variante (der Kunde erhält die Informationen auf das Handy) weiterentwickelt werden.
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| Eigener Test auf der Innovasion Wall in Linz (Bild: Petra Vitolini-Naldini) |
Die "Innovasion Wall" von Horst Hörtner, eine Art "schwarzes Brett" ermöglicht es, eine individuelle Botschaft mit selbst gestaltetem Bild versehen, auf digitalen "Pin-Wänden" zu präsentieren - nicht nur in Linz sondern auch in Tokio und New York.
Ein Spaziergang durch virtuelle Welten
Angeregt durch die preisgekrönte Naturdokumentation "Mikrokosmos" präsentierten Jan Bitzer, Ilija Brunck und Tom Weber von der Filmakademie Baden-Württemberg ihre mit der Goldenen Nica ausgezeichneten Computeranimation "458nm". Auf einer virtuellen mondbeschienenen Lichtung bewegen sich langsam zwei mechanische Schnecken aufeinander zu, die sich im Liebesspiel vereinen, und in zunehmender Ekstase leuchten, bevor kurz vor dem Höhepunkt ein dunkler Schatten auf sie fällt – die Komplexität der Liebe in der "mechanischen" Einfachheit eines virtuellen Kurzfilms dargestellt.
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An den faszinierenden Science-Fiction Thriller "Minority Report" von Steven Spielberg erinnert das Projekt "LibroVision". Der Betrachter kann mit einer bloßen Handbewegung – ohne den direkten Kontakt mit dem Computer oder Bildschirm, zum Beispiel die Seiten des Buches umschlagen, oder bestimmte Zeilen bzw. Bilder vergrößern. Die Bewegungen werden über eine Videokamera aufgenommen und in Echtzeit interpretiert und an die Anwendung, in diesem Fall das virtuelle Buch auf der Großleinwand, weitergegeben.
Einen realen Einstieg in die virtuellen Welten der Bits und Bytes ermöglicht der "Cave" im Musem of the Future. Ähnlich dem "Holodeck" in Raumschiff Enterprise – The next Generation taucht der Mensch in eine computergenerierte Welt ein, die nach eigenen Vorstellungen und Phantasien gestaltet werden kann. Die Grenzen zwischen realer und virtueller Welt scheinen zu verschwimmen. Man wandelt, je nach Vorliebe und Auswahl, zum Beispiel durch die historische Altstadt von Florenz, läuft die Treppen der Santa Maria del Fiore bis zur Kuppel hinauf, um sich dann, wie ein Vogel gleich, vom Renaissance-Dom wieder hinab zu schwingen.
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| LibroVision – Liveinteraktion mittels Handbewegung (Bild: Petra Vitolini-Naldini) |
Dahinter steckt eine komplexe Technik: der Cave ist eine Art grüne Box von 3 x 3 x 3 Metern, die an einer Seite offen ist. Oberhalb befindet sich eine magnetische Spule, die ein Magnetfeld abstrahlt. Für die Steuerung des räumlichen Systems genügt eine Brille mit Flüssigkristalldisplay, sowie eine Wand, die mit einem Magnetfeldsensor ausgestattet ist, der die Position des virtuellen Besuchers und seine Blickrichtung erfasst. Dank der Hochleistungsrechner entsteht beim Betrachter immer eine richtige perspektivische Darstellung der Computergrafik. Diese wird 96mal pro Sekunde abwechselnd auf das linke und das rechte Auge projiziert. Die mit Infrarotempfänger ausgestattete Brille wird über ein Infrarotsignal vom PC im Takt der Grafik synchronisiert. Die Steuerung durch die virtuelle Welt erfolgt mittel eines handlichen Steuerinstruments mit Joystick.
1996 wurde das Ars Electronica Futurelab als Forschungs- und Entwicklungslabor gegründet. Zusammen mit dem Electronic Visualization Labaratory entstand damit zum ersten Mal außerhalb der USA dieser Cave genannte virtuelle Raum. Dieser findet immer mehr Anwendung in der Industrie, Forschung und Entwicklung.
Das Gesetz der Einfachheit
Reduzieren Sie, was Sie können, und verbergen Sie alles andere, ohne das Gefühl für den eigenen Wert zu verlieren. Design, Technik und kaufmännisches Denken können konzentriert die Entscheidung erleichtern, wie viel Reduktion in einem Produkt tolerierbar ist und wie viel Qualität es trotz seiner Reduziertheit verkörpern wird. Klein ist besser, wenn es den Gesetzen der Reduktion – des Verbergens – und des Verkörperns entspricht
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| So viel Einfachheit ermüdet… (Bild: Petra Vitolini-Naldini) |
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