Aufmerksamkeit

Prominenz oder die narzisstische Persönlichkeit

Florian Rötzer 12.09.2006

Nach einer Studie sind Prominente in der Unterhaltungsbranche narzisstischer als andere Menschen und haben deswegen bessere Karrierechancen in den Medien

Medien sind kollektive Aufmerksamkeitsorgane. Sie schaffen Prominenz, also in Personen, Dinge oder Themen akkumulierte kollektive Aufmerksamkeit, und benötigen selbst Aufmerksamkeit und Prominenz, um in der Konkurrenz mit anderen Medien zu reüssieren. Wer prominent sein, also auf der Bühne stehen und den Blicken der Anderen direkt oder über die Medien ausgesetzt sein will, muss sich exponieren wollen und daran Gefallen finden. Daher ist nicht verwunderlich, dass sich unter den Prominenten gerade in der Unterhaltungsbranche eine Häufung von Narzissten findet, wie amerikanische Wissenschaftler nun auch mit empirischen Methoden nachgewiesen haben wollen.

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Der Kommunikationswissenschaftler Mark Young von der USC Annenberg School for Communication hat zusammen mit dem Psychiater Drew Pinksy von der Keck School of Medicine erstmals 200 Prominente aus dem Unterhaltungssektor einem psychologischen Test unterzogen, der Merkmale für eine narzisstische Persönlichkeitsstörung misst (NPI - (Narcissistic Personality Inventory). Die Wissenschaftler sagen, es sei die erste Studie, die systematisch und empirisch der Frage nachgeht, wie die Persönlichkeit von Prominenten beschaffen ist. Das Bild in der Öffentlichkeit sei bisher geprägt von anekdotischen Einsichten, beispielsweise von Interviews mit Prominenten. Natürlich hat auch jeder durch die Wahrnehmung von Prominenten eigene Urteile gebildet. Nun aber soll das Wissen systematisch und verlässlich sein. Inwiefern die an der Studie teilnehmenden "Prominenten" allerdings repräsentativ für die ganze Gruppe sind, ist äußerst fraglich. Sie wurden zufällig ausgewählt aus der in Kalifornien produzierten, aber landesweit zu hörenden Radiosendung "Loveline", in der sie aufgetreten sind.

Den Narzissmus als Charakterzug haben die Wissenschaftler denn auch deswegen ausgewählt, weil dieser meist den Prominenten zugesprochen wird. Narzissten gieren allgemein nach Aufmerksamkeit, so Pinsky, sie überschätzen gerne ihre Kapazitäten, während ihnen Einfühlungsvermögen fehlt und sie zu launischem Verhalten neigen: "Sie sind aber auch beliebt, besonders bei der ersten Begegnung, sie sind extrovertiert und verhalten sich gut in der Öffentlichkeit."

Narzisstische Persönlichkeitsstörung (ICD-10 F60.8)

- Tiefgreifendes Muster von Großartigkeit (in Phantasien oder Verhalten), Bedürfnis nach Bewunderung und Mangel an Empathie
- Die Betreffenden haben ein grandioses Gefühl der eigenen Wichtigkeit, glauben von sich, "besonders" und einzigartig zu sein und legen ein Anspruchsdenken an den Tag, d. h. übertriebene Erwartungen an eine besonders bevorzugte Behandlung oder automatisches Eingehen auf die eigenen Erwartungen.
- In zwischenmenschlichen Beziehungen sind die Betreffenden ausbeutend, zeigen einen Mangel an Empathie sowie arrogante, überhebliche Verhaltensweisen oder Haltungen.

Der Test misst sieben Eigenschaften von Narzissten: Überheblichkeit, Exhibitionismus, Autorität, Ausbeutung, Einzigartigkeit, Anspruchsdenken, Eitelkeit. Zumindest die "Prominenten", die am Test teilnahmen, sind statistisch signifikant narzisstischer als die Allgemeinheit und übertreffen darin auch Studenten, die gerne führende Unternehmer werden würden. Unter den Prominenten der Unterhaltungsbranche stechen offenbar besonders die Teilnehmer an Reality-TV-Produktionen heraus, die Schauspieler, Musiker oder Kabarettisten in Sachen Narzissmuss übertreffen. Das dürfte auch auf der Hand liegen, denn ihnen geht es schließlich in erster Linie um die Erzielung von Aufmerksamkeit und Prominenz, indem sie (fast) alles machen oder erleiden, was von ihnen verlangt wird. Normalerweise seien zwar Männer anfälliger für Narzissmus, bei den Prominenten würden aber die Frauen die Männer übertreffen.

Viele der Prominenten hätten auch schon vor der Zeit, als sie berühmt wurden, narzisstische Verhaltensweisen gezeigt. Das könnte bedeuten, so Young, dass die Unterhaltungsbranche besonders auf Narzissten anspringt, weil sie mit diesen "effektiver" arbeiten kann. So würden also nicht Medien oder die Unterhaltungsbranche Narzissten durch vermehrte Aufmerksamkeit erst produzieren, sondern nur Narzissten durch Selektion belohnen. Die haben aber dann wohl in aller Regel durch ihr Verhalten bereits Möglichkeiten gefunden, die Aufmerksamkeit anderer Menschen auf sich zu ziehen und im Mittelpunkt zu stehen.

Wenn aber Narzissten im Mittelpunkt der kollektiven Aufmerksamkeit stehen und die Menschen durch ihr Verhalten beeindrucken, müssten narzisstische Merkmale eigentlich besonders attraktiv sein – auch wenn viele den Exhibitionismus scheuen und sich nicht in Überheblichkeit ergehen können oder wollen, und so dem Geschehen auf der Bühne lieber entspannt aus dem Zuschauerraum folgen. Wenn (Medien)Prominenz aber nicht etwas Seltenes ist, sondern zu einer alltäglichen, oft auch nicht mit außergewöhnlichem Können oder Wissen verbundenen Karriere in der Medien- oder Aufmerksamkeitsgesellschaft wird, stehen die Menschen im Dunklen, die Fans und Zuschauer, aber zunehmend unter Druck, sich als Versager verstehen zu müssen, weil sie keine oder zu wenig Aufmerksamkeit finden und anonym bleiben. Reality-Formate mögen eine Kompensation sein, obwohl über diese Karrieren kaum einer in den Adel der Aufmerksamkeitsökonomie dauerhaft aufsteigt. Die Versager und Verzweifelten könnten daher mehr und mehr versucht sein, durch bestimmte Taten, die die mediale Aufmerksamkeit wecken, sich zumindest kurzfristig und vielleicht auch um den Preis des eigenen Lebens zu Prominenten zu machen.

http://www.heise.de/tp/artikel/23/23505/1.html
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