Die Sonne der Integration im Jahr 2030
Alles wird gut: Wie sich Religionswissenschaftler die Zukunft des Islam in Deutschland vorstellen
Neulich war hier zu lesen (vgl. Das fast völlige Fehlen des Elements "Zukünftigkeit"), dass es in der islamischen Welt kaum Science Fiction gibt, weil schon der Gedanke an die Zukunft innerhalb des islamischen Paradigmas Probleme macht. Aber wenn es um ein wenig Science Fiction zur Zukunft des Islam in Deutschland geht, lassen sich die Religionswissenschaftler an der Universität Tübingen nicht lange bitten.
Gleich vorneweg: Alles wird gut. Das ist die knappste Zusammenfassung, zu der man den Bericht vom Gedankenexperiment des Dr. Michael Blume und seiner Studenten zusammenschnurren lassen kann. Blume ist Dozent am "Seminar für Indologie und vergleichende Religionswissenschaft" (Fakultät für Kulturwissenschaften) an der Universität Tübingen, und er hat sich in einem Seminar zusammen mit dreißig Studenten die Frage gestellt, wie der Islam in Deutschland um 2030 herum aussehen wird.
Blume betont, dass die teilnehmenden Studenten verschiedenen Konfessionen angehörten, nicht nur das Christentum und der Islam waren vertreten, sondern auch das Judentum, der Buddhismus sowie "die Konfessionslosigkeit." Er hat viel Lobendes über seine Studenten zu sagen, sie waren offenbar nicht nur passive Konsumenten einer Bildungsveranstaltung, sondern legten sich tüchtig ins Zeug, manchmal sogar über Nacht, wenn zusätzliche Fragestellungen zu recherchieren waren. Der Seminarbericht kam demokratisch zustande.
Verschiedene diskursiv erarbeitete Zukunftsszenarien wurden am Ende einer "freien und geheimen" Abstimmung unterzogen, die zu einem "überraschend breiten Konsens" führte. Die Darstellung dieses Konsensszenarios macht den Hauptteil des Berichts aus, und Dr. Blume ist mit dem Ergebnis der Abstimmung so zufrieden, dass man meinen könnte, es sei allein auf seinem Mist gewachsen.
Deutscher Islam als Teil eines neuen europäischen Islam
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Worin sind die Tübinger Religionswissenschaftler übereingekommen? Sie sagen nicht nur voraus, dass alles gut werden wird, es wird auch von allem mehr geben. Mehr Muslime (ca. 7 Millionen), mehr interreligiösen Dialog, mehr Integration, Diskussion, mehr deutschsprachige islamische Medien, ein bisschen mehr Gewalt durch Rechtsradikale und Islamisten, mehr Religionsunterricht (nämlich deutschsprachig islamischen), mehr muslimische Politiker in den deutschen Parlamenten, einige davon sogar Fundamentalisten.
Alles kein Problem, denn die Sonne der Integration überstrahlt im Jahr 2030 den ganzen deutschen Islam. Der ist Teil eines neuen europäischen Islam geworden, der sich von seinem arabischen und nordafrikanischen Gegenstück vor allem dadurch unterscheidet, dass er sich eben weitgehend in die Demokratie integriert hat.
Die marktwirtschaftliche Demokratie liegt Blume und seinen Studenten am Herzen; ob sie es mehr mit der Wirtschaft oder mehr mit der Demokratie halten, weiß man nicht, aber eins ist für die Religionswissenschaftler klar: Wer sich als selbstbewusster Muslim deutsch-europäischer Färbung einen Status als vollwertiger Bürger erkämpft hat, wird zum schärfsten Gegner islamistischer Strömungen werden, die leider auch am deutschen Wesen nicht genesen konnten und ihre Aktivisten hauptsächlich bei den marginalisierten Jugendlichen der Vorstädte rekrutieren.
"Islamische Bildungsaufsteiger"
Ein bisschen mehr Gewalt, wie gesagt, aber viel, viel mehr Konsens, Übereinkunft und Integration wird 2030 im deutschen Islam sein. Die in einer marktwirtschaftlichen Demokratie naturnotwendig vorkommende Armut bringt Islamisten hervor, die Integration gemäßigte Bürger mit Sinn für den Konsens, letztere aber in größerer Anzahl. Die Rechnung wird laut Blume und seinen Studenten mehr als ausgeglichen sein.
Ein wenig von der Ahnung, dass all das zurechtgeföhnt und feingemacht worden ist, taucht manchmal in dem Text selbst auf. Wenn zum Beispiel die Rede davon ist, dass sich die besagten islamistischen Gruppen eben beileibe nicht nur aus marginalisierten Jugendlichen zusammensetzen, die in den Ghettos am Rande der Stadt vor sich hin vegetieren, sondern auch aus "islamischen Bildungsaufsteigern".
Aber gleich darauf wird die aufblitzende Wirklichkeit wieder verkleistert, wenn als Ursache für den Hang gewisser islamischer Bildungsaufsteiger zum Bombenbau die "Erschütterung ihrer Wurzeln" ausgemacht wird. Sie sind "wie schon ihre christlichen Vorgänger aus der religiösen Welt ihrer Familien entwurzelt" worden und stehen nun "zwischen pluraler Unsicherheit und fundamentalistischer Sicherheit".
Religiöser Eiferer und braver Bürger
Blume scheint mit seinen Studenten anzunehmen, dass die feste Verwurzelung in einer familiären islamischen Welt dem Islamismus vorbeugt. Das dürfte für diejenigen, die sich mit islamischen Gewalttätern weltweit ein wenig beschäftigt haben, recht überraschend sein, ist doch in vielen Fällen die feste Verwurzelung in einer islamischen Familie die Grundvoraussetzung für eine Karriere als Bombengürtelträger.
Wenn Blume meint, "dass entgegen zeitgenössischen Vorhersagen auch vorkonziliare Katholiken, Muslime und Hindus marktwirtschaftliche Demokratien mitgestalten können", deutet sich in positiver Wendung an, dass religiöser Fanatismus kompatibel mit der bürgerlichen Demokratie sein kann. Dass aber die bürgerliche Demokratie seltsamerweise den islamischen Fundamentalismus von sich aus fördert, wenn's ihr gerade passt, taucht in dieser Rechnung natürlich nicht auf, obwohl es bestens belegt ist.
Die langjährige Unterstützung der König-Fahd-Akademie in Bonn durch die Politik und das Gekungel der CDU mit Milli Görüs seien nur als zwei Beispiele von vielen genannt.
Für Blume ist noch denkbar, dass ein religiöser Eiferer auch ein braver Bürger sein kann, ja es ist geradezu eine Selbstverständlichlkeit, denn sonst würde sein Konzept von "Integration" nicht funktionieren. Aber dass brave Bürger gleichzeitig Terroristen oder Unterstützer von Terroristen sein können, liegt jenseits seines Horizonts, ganz so, als seien solche Dinge in der deutschen Geschichte noch nie vorgekommen.
Religion als Privatsache?
Überhaupt wirkt die Idee, dass seine Deutschwerdung den Islam zähmen soll angesichts der historischen Erfolge des deutschen Islam ziemlich irre. Man muss schon komplett verdrängen, dass deutsche Ministerialbeamte im Ersten Weltkrieg den Dschihad miterfanden und dass die Nazis in palästinensischen und bosnischen Muslimen willige Helfershelfer hatten um bei dem Konzept eines deutschen Islam keine Gänsehaut zu bekommen.
Die rosarote Grundfärbung des Berichts resultiert zu einem guten Zeil aus seiner Vergesslichkeit. Geradezu absurd wird es, wenn der Bericht einerseits erhofft, dass es bis 2030 zu einer flächendeckenden Einführung deutsch-islamischen Religionsunterrichts gekommen sein wird, und andererseits projiziert, dass die überwiegende Mehrheit der deutschen Muslime im Jahr 2030 Religion für eine Privatsache halten wird. Wie die Muslime zu dieser Auffassung kommen sollen, wenn ihre eigene Religion und die Schulen ihrer Kinder sie tagtäglich vom Gegenteil überzeugen, bleibt Blumes Geheimnis. Die Hoffnung, die darin läge, endlich jede Form von Kindermission in der Schule aufzugeben, bleibt jedenfalls außen vor.
Ähnliche Ungereimtheiten äußert Blume zur mutmaßlichen Qualität des jüdisch-islamischen Verhältnisses im zukünftigen Deutschland. "Zur Überraschung vieler Beobachter wird sich das Verhältnis zwischen Juden und Muslimen in Deutschland tragfähig entwickelt haben." Vielleicht sollte sich Blume einmal die Studie des Zentrums für Antisemitsmusforschung an der TU Berlin aus dem Jahr 2002 anschauen, die eine ungebrochene, in Teilen anwachsende Popularität antisemitischer Denkweisen bei muslimischen Einwandererkindern feststellte.
Frauenrechte im deutschen Islam des Jahres 2030
Aber nein, Blume hat als Begründung für seinen blinden Optimismus anzubieten: "Theologische Probleme gibt es kaum, beide Seiten erkennen die Gottesverehrung, Abrahamstradition und die Heilsmöglichkeit auch im je anderen Glauben traditionell an." Dass sich ein Teil der Aggressivität des Islam schon immer aus genau dieser Anerkennung gespeist hat, weil er ständig den Makel ausmerzen muss, ein historisch zu spät gekommenes Konkurrenzunternehmen zu sein - für Blume und die Seinen undenkbar.
Religionswissenschaftler brauchen anscheinend keine Dialektik. Mehrfach fällt in dem Bericht der Begriff "Islamophobie", und um zu verdeutlichen, was damit gemeint ist, wird er an einer Stelle mit dem des Antisemitismus parallelisiert. Das sind auch so religionswissenschaftliche Gewichtungen. Es gibt durchaus Rassismus in Deutschland, der sich gegen Muslime richtet, aber während eine eliminatorische Islamophobie nicht in den entferntesten Ansätzen auszumachen ist, hat der eliminatorische Antisemitismus nicht nur seine Virulenz historisch bewiesen, sondern auch bis heute behalten, gerade in einem islamistischen Milieu, mit dem Rechtsradikale aller Art in einem - wenn auch brüchigen - Bündnis stehen (vgl. Aus Freund wird wieder Feind).
Und wer nach der Lektüre des Koran nicht vor Strömungen Angst hat, die diesen Text wörtlich nehmen, dem fehlt einfach ein funktionerendes Warnsystem.
Zu den Frauenrechten im deutschen Islam des Jahres 2030 äußern sich Blume und seine Studenten nur an einer einzigen Stelle des Berichts.
So werden Frauen, die ein Kopftuch tragen, immer noch oft auf den Familienbereich beschränkt, wovon konservativ-islamische Gemeinschaften durch mehr Nachwuchs und ehrenamtlich aktive Familien profitieren.
Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Nicht nur wird hier achselzuckend prophezeit, dass leider auch in Zukunft Frauen in traditionalistisch-islamischen Verhältnissen gewisse Beschränkungen zu erdulden haben werden. Man denkt auch noch den Unterdrückern die Begründungen vor, warum das bis in alle Zukunft so bleiben muss. Was wohl Seyran Ates zu solchen Weisheiten sagen würde? Die deutsch-türkische Anwältin hat sich jahrelang beruflich und in der Öffentlichkeit für muslimische Frauen eingesetzt, die Opfer von Männergewalt geworden waren. Vor kurzem hat sie aufgrund fortgesetzter Drohungen und Handgreiflichkeiten der Täter ihre Anwaltskanzlei geschlossen.
Optimistische Science-Fiction
Das Gerede deutscher Politiker, die nun Polizeischutz für sie fordern, wäre eine Spur glaubwürdiger, wenn sie selbst es nicht wären, die ein nachhaltiges Eintreten für den Laizismus scheuen wie nichts anderes. Man darf darauf gespannt sein, was den Schülern in einem flächendeckend eingeführten deutschsprachigen Islamunterricht beigebracht wird.
Gut möglich, dass die Tübinger Religionswissenschaftler schon aus Gründen der Selbsterhaltung die Religion nicht als Problem sehen können. Aber genau aus diesem Grund gerät ihr Seminarbericht zu schlechter, weil viel zu optimistischer Science Fiction. Vor allem aber gerät er zu einem Stück Leugnungsliteratur, was historische und ganz aktuelle Realitäten angeht, und das ist sein größter Schwachpunkt.
http://www.heise.de/tp/artikel/23/23509/1.html- Wie sieht es mit deinen Genen aus? (11.9.2006 0:12)
- Was soll ich hinbekommen? Dich ernstnehmen? Sorry das werde ich wohl nie (10.9.2006 23:05)
- Ob du es jemals hinbekommst? (10.9.2006 22:43)
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