Schlau durch TV?

Thomas Pany 10.09.2006

Kleinkinder und Fernsehen: Starke Gefühle können das "Video-Defizit" zum Verschwinden bringen

Auch Iran will einen eigenen Kinderkanal im Fernsehen auf die Beine stellen. Wie der Chef der Kindersparte des ersten Kanals im Staatsfernsehens, Mohammad Mirkiani, kürzlich mitteilte, würde eine derartige Investition auf dem Feld, auf welchem Denken und Kultur entwickelt werden, zu "dramatischen Veränderungen im technologischen Sektor" führen.

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Daran läßt sich zunächst einmal ablesen, dass "Denken und Kultur ("Thought and Culture") in Iran offensichtlich zu attraktiven Signalwörtern - "buzzwords" - taugen und die Manager in Iran ähnlich wie ihre westlichen Kollegen eine floskelhafte Sprache pflegen, die gerne zu dramatischen Überhöhungen greift. Gleich im Nachsatz, der erklärt, dass man sich darauf konzentrieren müsse, die Inhalte, anscheinend vorwiegend Animationen, möglichst selbstversorgerisch ("attain self-sufficiency") zu beschaffen, verrät sich allerdings wieder eine nationale Eigenheit, mit welcher der Westen auf einem anderen Gebiet des technologischen Sektors die allergrößten Probleme hat. Weiter lässt sich aus den Ambitionen des Fernsehdirektors schließen, dass man Fernsehen für Kinder in Iran, zumindest auf der Ebene der Programmmacher, als nützlich und förderlich für die Entwicklung des Nachwuchses begreift.

Auch darin gleichen sie ihren westlichen Kollegen. In den USA wurde im Mai dieses Jahres das erste 24-Stunden-Programm für Kinder ab sechs Monaten gestartet (vgl. Babys vor die Glotze). Im deutschen Kabelfernsehen sendet Nickelodeon seit letztem Jahr ein 24 Stunden-Programm für Kinder (und solche, die es geblieben sind); der Vormittag ist auf Vorschulkinder ausgerichtet.

Um sechs Uhr morgens – am Wochenende eine halbe Stunde später – wird dort eine Sendung ausgestrahlt, die manche besorgte Eltern beruhigen könnte, vor allem wenn der zwei- bis dreijährige Nachwuchs um diese Zeit felsenfest davon überzeugt ist, dass er jetzt wach ist und aufstehen muss, während die Eltern ganz anderer Meinung sind. Geht es nach den Preisen, die die Sendung "Blau und Schlau" (Orginal: "Blue's Clues") gewonnen hat, nach dem auf Tests gegründeten Lob, das die ehemalige Programmdirektorin von SuperRTL (wo die Sendung ursprünglich lief) vor zwei Jahren darüber veröffentlichte, und nach einer aktuellen Meldung der New York Times, können die müden Eltern noch eine halbe Stunde mit einigermaßen gutem Gewissen weiterschlafen, während ihre zwei- oder dreijährigen Kinder in der Babysitter-Glotze "Blau und Schlau" sehen - denn sie lernen ja.

Die Autorin des NYT-Artikels, der vergangene Woche erschien, zitiert eine Untersuchung der Vanderbilt University, die sich "Blue's Clues" und ähnliche Programme als Grundlage zu einem Experiment genommen hat, um herauszufinden, wie Kleinkinder mit Informationen vom Bildschirm umgehen.

Die Psychologen Georgine L. Troseth und Megan M. Saylor verglichen das Verhalten von zwei Gruppen mit 24 Monate alten Kleinkindern, die über Videoaufnahmen instruiert wurden, wo sie eine in einem Nebenzimmer versteckte Stoffpuppe finden können. Eine Gruppe bekam Anweisungen von einem Moderator, der ähnlich agierte wie der Moderator von "Blau und Schlau", die Kinder konnten zwar vor dem Schirm darauf mit Rufen, Worten, Gesten reagieren, ein Austausch fand aber nicht statt: die normale einseitige Kommunikation wie beim Fernsehen üblich. Anders bei der zweiten Gruppe, hier sahen die Kinder zwar die Anweisungen ebenfalls auf Video, konnten aber über die Kamera mit dem Moderator "interagieren". Nach dem Ende der Sendung mussten die Kinder die Stoffpuppe finden.

Der erste Teil des Ergebnisses ist auch für Laien leicht zu erraten: Die Mehrheit, 69 Prozent, der zweiten Gruppe hatte Erfolg – eine Rate, die jener sehr nahe kommt, die aus direkten Gesprächen mit den Kindern resultiert. Von der ersten Gruppe fanden nur 35% der Kinder die Puppe in der vorgegebenen Zeit. Das für Kinderprogrammmacher und für Fernsehen-als-Babysitter-nutzende- Eltern interessantere Ergebnis steckt im zweiten Teil der Auswertung: Diejenigen Kinder der ersten Gruppe, die auf das angebotene Programm lautstark und emotional ("especially responsive") reagierten, stellten genau die erfolgreiche Minderheit, welche das Spielzeug entdeckten.

Aus alledem zog nun die Studienleiterin einen generellen Schluss: "Wir haben herausgefunden, dass Kinder beweisen, dass sie das Video als sozialen Partner behandeln können; sie nutzen solche Informationen". Und eine spezifiziertere Einschätzung: "'Blau und Schlau' scheint auf dem richtigen Weg zu sein". Die Autorin des Artikels bekräftigt: "Interaktion im echten Leben ist für die Babies das Beste" Allerdings mit der Einschränkung, dass, wie die Studie beweise, das sogenannte "Video-Defizit", wonach Kleinkinder sich vom Bildschirm weniger leicht Informationen holen und merken können als aus dem echten Leben, zum Verschwinden gebracht werden kann. Wenn das, was auf dem Bildschirm gezeigt wird, die Kinder "sozial engagiert".

Bislang ist der pädagogische Wert von Fernsehen von wissenschaftlicher Seite eher skeptisch beurteilt (vgl. Nerd mit Sechs), bzw. der schädliche Effekt (vgl. Fernsehen verändert das Gehirn) herausgehoben worden.

http://www.heise.de/tp/artikel/23/23517/1.html
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