Wie gefährlich ist die Mikrowellenwaffe ADS?

14.09.2006

Eigentlich hätte die Strahlenwaffe im Irak bereits eingesetzt werden sollen, bekannt gewordene Testergebnisse lassen jedoch Zweifel an der Ungefährlichkeit entstehen und beim Pentagon rät man, die ersten Einsätze lieber in den USA zu machen, um ein mögliches mediales Fiasko zu vermeiden

Die nichttödliche Mikrowellenwaffe Active Denial System (ADS) wurde von der US-Luftwaffe und dem Joint NonLethal Weapons Directorate in über einem Jahrzehnt für mehr als 50 Millionen Dollar entwickelt. Seit 2000 wird die Waffe getestet, die eigentlich 2006 ihren ersten Einsatz im Irak haben sollte. Die von der Waffe erzeugten Mikrowellen mit einer Frequenz von 95 Gigahertz werden mit einer Antenne punktgenau und mit Lichtgeschwindigkeit auf ein menschliches Ziel bis zu einer Entfernung von mehr als 500 Metern gelenkt. Die maximale Reichweite ist nicht bekannt, vermutet wird, dass sie bis zu 2.000 Metern reichen könnte. Die elektromagnetische Energie dringt oberflächlich in die Haut ein (0,4 mm) und erzeugt eine äußerst schmerzhafte Hitze, so dass der Angegriffene schnell und angeblich unverletzt aus dem Mikrowellenstrahl flieht.

Das Active Denial System für den militärischen Einsatz. Foto: AFRL

Bislang wurde der neue Waffentyp aber ebenso wenig wie die vom Office of Naval Research entwickelte nichttödliche Laserwaffe (pulsed-energy projectile) weder im Irak noch irgendwo anders eingesetzt. 9 Millionen wurden für Tests ausgegeben, um sicherzustellen, dass die Waffe tatsächlich nichttödlich ist und keine schweren Gesundheitsschäden bewirkt. Über die Tests ist wenig bekannt geworden. Die von den Mikrowellen ausgelöste Hitze soll die Haut angeblich nicht verbrennen, da sie nur kurzzeitig unter diese eindringen und die Angestrahlten reflexartig dem heftigen Schmerz entweichen wollen. Aktiviert werden durch die angeblich subtraumatische Erhitzung der Haut Wärme leitende Proteine, die wiederum Nozizeptoren stimulieren. Gerade in Massen, in denen die Menschen manchmal an der freien Bewegung gehindert werden oder beispielsweise in Panik verfallen, kann man davon aber nicht ausgehen, dass die angezielten Menschen auch dem Strahl schnell genug entfliehen können. Zudem wäre ADS nicht nur als Abstandswaffe zu verwenden, um den Einsatz von Schusswaffen zu vermeiden, sondern auch als Foltermittel. Ob sie überhaupt geeignet wäre, größere Menschenmengen aufzulösen, ist fraglich, da jeweils nur eine Person angezielt werden kann. Natürlich könnten man sich auch gegen die Waffe wappnen, wenn man dicke Kleidung anzieht und reflektierende Gegenstände mit sich führt.

Vor dem Einsatz der Mikrowellen-Schmerzwaffe muss diese aber an Tieren und Menschen getestet worden sein, damit die neuartige nichttödliche Waffe, falls es doch zu Verletzungen oder Schlimmerem kommt, dem Image des US-Militärs nicht schadet und von der amerikanischen Öffentlichkeit akzeptiert wird. Die Testergebnisse werden der Öffentlichkeit aber in der Regel nicht bekannt gegeben, auch nicht technische Details oder die tatsächliche Reichweite. Einige Testergebnisse wurden allerdings im letzten Jahr dank einer Eingabe nach dem Informationsfreiheitsgesetz bekannt. Getestet wurde die Schmerztoleranzgrenze an Menschen, in einem Experiment zur Bewertung der militärischen Anwendung spielten Freiwillige die Rolle von Aufrührigen, die mit ADS zurückgedrängt werden sollten. Dabei wurde das Tragen von Brillen und Kontaktlinsen verboten, um mögliche Schädigungen der Augen zu vermeiden, in anderen Experimenten sollten die Testpersonen keine metallischen Objekte wie Münzen oder Schlüssel mit sich führen, die offenbar zur größeren Erhitzung der Haut führen könnten. Auch Reißverschlüsse und Knöpfe an der Kleidung wurden zuvor überprüft.

Mittlerweile wurden 14 Tests durchgeführt, wie Edward Hammond vom Sunshine Project über Eingaben nach dem Informationsgesetz herausgefunden hat. Dabei scheinen weitere Risiken bei der Anwendung der nichttödlichen Waffe aufgetaucht zu sein. Wie sich gezeigt hat, so berichtet New Scientist, ist die Waffe für den Einsatz in Siedlungen, aber auch in der Nähe von Wasserflächen und bestimmten Böden, die Strahlen reflektieren, bedenklich. Die Flächen können die Energiedichte des Strahls verdoppeln und möglicherweise zu Verbrennungen führen. Gefährlich könnte es auch schon werden, wenn Personen schwitzen oder ein feuchtes Bekleidungsstück tragen, da dies die Wirkung verstärkt. Allerdings scheint die Waffe relativ ungefährlich zu sein. Bei 9000 Testversuchen gab es nur sechs Fälle mit Brandblasen und einen Fall einer Verbrennung zweiten Grades durch eine "zufälligerweise" zu lange Aussetzung.

Der für die US-Luftwaffe zuständige Staatssekretär Michael Wynne erklärte am Dienstag, dass neue nichttödliche Waffen wie das ADS zunächst in den USA eingesetzt werden sollten, bevor man sie im Ausland in der Kriegsführung verwendet. Das sei besser, um einen Medienskandal im Ausland zu vermeiden: "Wenn wir diese Waffen nicht hier gegen unsere eigenen Bürger einsetzen wollen, dann sollten wir sie auch nicht in kriegerischen Konflikten verwenden.. Wenn ich jemanden mit einer nichttödlichen Waffe angreife und die betroffene Person sagt, sie sei dadurch auf eine nicht beabsichtigte Weise verletzt worden, dann würde ich vermutlich in der Weltpresse verdammt werden." Die US-Luftwaffe wird keine Gelder mehr in die Entwicklung nichttödlicher Waffen investieren, bis mögliche Verletzungsprobleme von Medizinern überprüft und gelöst worden sind.

Silent Guardian. Bild: Raytheon

Silent Guardian Protection System saves lives, stops aggressors, protects assets and is proven safe.

Raytheon

Der Rüstungskonzern Raytheon, der im Auftrag des Pentagon als Leiter des Konsortiums das Active Denial System entwickelt hat, das bislang wegen seiner Größe und seinem Gewicht auf einem Fahrzeug installiert werden muss, bietet inzwischen auch kleinere Versionen auf dem Markt an – und hat dabei offenbar keine Bedenken. Beim "Non-Lethal Sheriff Active Denial System" mit einer entsprechend geringeren Reichweite, das auch auf kleineren Fahrzeugen montiert werden kann, heißt es, dass nach 12-jährigen Tests die Ungefährlichkeit der Waffe demonstriert worden sei. Besonders geeignet sei Sheriff für den räumlichen kompakten Stadtraum.

Das Silent Protection System (SPS) verwendet dieselbe Technik wie das ADS. Die Reichweite soll über 250 Meter betragen. Auch das SPS ist noch ein gewichtiger Kasten mit einer Höhe 2,4m, einer Breite von 2,10m und einer Länge von 2,4m und einem stattlichen Gewicht von 3.220 kg. Das auf einem Fahrzeug installierte System sei vielseitig und unter allen Bedingungen einsetzbar, kann von einem Mann mit einem Joystick bedient werden. Und, so die gewohnte Argumentation, die nichttödliche Waffe sei ungefährlich, weil der von ihr ausgelöste Schmerz die Menschen zur Flucht zwingt. Überdies, so heißt es auch hier wieder, hätten ausreichende Tests der Regierung die Sicherheit des Systems bestätigt und gezeigt, dass "es einen signifikanten Abstand zwischen sicheren und schädlichen Aussetzungsgraden gibt". Sollten die Informationen von den Tests zutreffen, dann würde dies aber nur für zahlreiche Einschränkungen gelten. Möglicherweise aber werden die Mikrowellenwaffen nicht zuerst vom Militär eingesetzt, bei dem die nichttödlichen Waffen bislang sowieso noch eine geringe und gering geschätzte Rolle spielen, sondern von der Polizei oder auch von privaten Sicherheitskräften.

Das von den Sandia National Laboratories entwickelte kleine ADS. Foto: SNL

Ein möglicher Einsatzbereich der Mikrowellenwaffen ist der Schutz von Nuklearanlagen in den USA. Das US-Energieministerium hat den Sandia National Laboratories den Auftrag gegeben, die ADS-Technik für diesen Zweck zu verkleinern. Man habe, so hieß es letztes Jahr, gute Fortschritte dabei erzielt und arbeit dabei mit Raytheon und dem Pentagon zusammen. Die ersten Systeme sollen 2008 installiert werden.

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