Feuersturm

Thomas Pany 18.09.2006

Muslimische Reaktionen auf die päpstlichen Äußerungen

Es war ein großer Schritt für einen Papst und ein zu kleiner für einige Muslime: Das gestern ausgedrückte Bedauern des Papstes über die Entrüstung, die Teile seiner Regensburger Rede (vgl. "Nur Schlechtes und Inhumanes") unter Muslimen ausgelöst haben, mag von manchen Experten als historisch außergewöhnlicher Schritt gewertet werden, einflussreiche geistliche Vertreter der Muslime, Politiker und Meinungsmacher der muslimischen Welt stuften die bedauernden Worte von Benedikt jedoch als halbherzig ein.

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Der bekannte islamische Rechtsgelehrte Scheich Jusuf al Karadawi, welcher schon im Karikaturenstreit zu einem "Tag des internationalen Zorns" aufgerufen hat, nutzte gestern einen Auftritt bei einer wöchentlichen Religionssendung in Al-Jazeera-TV, um einen "Tag des friedlichen Zorns" für nächsten Freitag zu lancieren.

Mit seiner Begründung steht das Oberhaupt der sogenannte Weltunion der muslimischen Ulemas allem Anschein nach nicht alleine da. Die Klarstellung des Papstes reiche nicht aus, Karadawi sieht vielmehr auch hier neue Spitzen gegen die Muslime:

Das sind keine Entschuldigungen. Das ist ein an die Muslime gerichteter Vorwurf, dass sie seine Worte nicht verstanden haben.

Ähnlich unzufriedene Positionen werden auch vom Chef des "islamischen und politischen Büros" der muslimischen Brüderschaft in Ägypten gemeldet. Auch wenn sich dort - wie in der türkischen Regierung - manche mit der Entschuldigung des Papstes zufrieden geben, so gibt es doch prominente Stimmen, die mehr verlangen. So wird der türkische Staatsminister Mehmet Aydin mit einem Vorwurf zitiert, der Ähnlichkeiten zu Karadawis Äußerungen hat: der Papst hätte sich demnach nicht für seine Regensburger Kommentare entschuldigt, sondern nur für das, was sie ausgelöst haben. Auch anderswo, wie etwa im saudischen Fernsehsender Al-Arabija sollen sich Würdenträger, die wichtige Institutionen vertreten, wie die Al-Ashar Moschee in Kairo, unzufrieden geäußert haben.

Eine Terrordrohung einer unbekannten Gruppe gegen den Vatikan, die Ermordung einer Nonne in Somalia, die Angriffe auf Kirchen in Palästinensergebieten, Proteste in der iranischen Klerikerhochburg Qom samt der Auslassung eines iranischen Geistlichen, der Papst Benedikt zusammen mit Bush auf Kreuzzug wähnt, der Abzug des marrokkanischen Vertreters im Vatikan, der Protest Saudi-Arabiens, der iranischen Führung, Pakistans, sowie Demonstrationen in der vergangenen Woche gegen die Äußerungen des Papstes: In der Summe wird dies von amerikanischen Medien als "Firestorm" etikettiert, der manche Beobachter der arabischen Öffentlichkeit besorgt.

Der Karikaturenstreit war eine langsam gärende Affäre gegen den Aufruhr, den die Regensburger Zitate des Papstes in der islamischen Welt verursacht haben, meint Marc Lynch, der in seinem Blog Reaktionen arabischer Medien reflektiert. Dieses Mal wolle keiner zu spät kommen und den Zug verpassen, so seine Beobachtung.

Es seien nicht nur die üblichen Stimmen, die gegen die Bemerkungen von Papst Benedikt laut antrommeln würden. Nicht nur einschlägige Zeitungen, verschiedene Islamisten oder auch al-Jazeera. Die Kampagne sei sofort von den Saudis und ihren Medien aufgenommen worden. Diese Strategie, welche sich auch in der Reaktion des Gulf Cooperation Councils, das eine volle Entschuldigung des Papstes verlangt, deutlich zeige, bestehe darin, den rechten Rand vor einem rhetorischen Angriff der Islamisten zu bewahren. Al Qaida, der alles zupass kommt, was sich in den ideologischen Rahmen des Kampfes zwischen einem aggressiven Westen fügt, der sich auf einen Kreuzzug gegen die Muslimen befindet, könne zurückgelehnt, das politische Kapital aus diesem Aufruhr in ihre "metaphorischen Koffer" packen.

In a message to his Vatican counterpart, Foreign Minister Prince Saud Al-Faisal denounced the pope´s allegation that the Prophet spread Islam with sword and his move to justify Crusade wars launched against Muslims.

Der Schlüssel zur Strategie der Qaida findet sich nach Auffassung von Lynch im Versuch, den Kulturkampf zwischen Muslimen und dem Westen zu propagieren. Das Ziel von al-Qaida ist demnach, dass Muslime den Islam als Kern ihrer Identität ergreifen und davon überzeugt sind, dass der Islam sich mitten in einem tödlichen Kampf zwischen dem aggressiven, feindlichen Westen befindet. Alles, was dieses zentrale Erzählmoment der Qaida stärke, bedient diese Strategie. Al Qaida braucht mithin keine Unterstützung für ihre eigene Bewegung, damit diese Strategie aufgeht. Alles, was sie braucht, ist den politischen Kontext für ihr "Clash"- Narrativ herzustellen.

Orientalisten und andere Experten für die arabischen Region, die sich im Fachblog "Aqoul" äußern, beklagen sich über die "ärmliche", allzu voraussehbare Reaktion der arabischen Medien, die einmal mehr auf den Zug der Entrüstung aufgesprungen sind und nehmen ein Verdachtsmotiv auf, das augenscheinlich in manchen arabischen Publikationen geäußert wird: Die Rede des Papstes könne man als eine Art Testlauf begreifen, um Reaktionen auszuloten: "Testing the waters". Dem zugrunde liegt die Auffassung, die durch einen Artikel ausführlicher begründet wird (und offensichtlich im Web ziemlich kursiert), der zufolge der Papst den Muslimen weitaus weniger gut gesonnen ist als sein Vorgänger Johannes Paul II. Der Artikel, welcher auf einer englischen Website erschienen ist, die sich selbst als "One of the Web's Leading and Original Resources for Traditional Islam since 1996" beschreibt, erkennt im Resüme des ersten Amtsjahres von Josef Ratzinger beunruhigende Aspekte einer neuen Tendenz im Christentum, die ihre Einstellung gegenüber den Muslimen härter konturiert. Gleichwohl mahnt der Artikel im Schlusssatz zur Vorsicht gegenüber "emotionalen Reaktionen". Und: Vielleicht habe Benedikt XVI nicht die Absicht, aber in der Summe, werde seine Politik wahrscheinlich gut für den Islam sein. Veröffentlicht wurde der Artikel vor der Regensburger Rede.

http://www.heise.de/tp/artikel/23/23569/1.html
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