Kreative Kriegsroboter in Schwärmen

19.09.2006

Die meist unter der Erde befindlichen iranischen Nuklearanlagen würden, falls es dazu kommen sollte, noch aus der Luft mit bunkerbrechenden Raketen angegriffen werden, aber die US-Luftwaffe setzt langfristig auf autonome Roboter

Schon länger sieht das Pentagon zunehmend das Problem, dass Waffen und Kommandozentralen so tief und gut geschützt in Bunker unter der Erde verlagert werden, dass sie sich mit herkömmlichen Bomben nicht mehr zerstören lassen. Aus diesem Grunde werden neue bunkerbrechende Raketen entwickelt und denkt man auch an taktische Atomraketen, die die Bunker und die in ihnen beispielsweise lagernden Massenvernichtungsmittel zerstören sollen (Der militärisch-industrielle Bunker-Komplex). Die US-Luftwaffe denkt aber bereits weiter und würde gerne autonome Roboterschwärme aussenden, die bis zu den unterirdischen Anlagen vordringen, um dieses Ziel erreichen.

Wenn die amerikanische und/oder die israelische Regierung tatsächlich vorhaben sollten, den Iran wegen der vermuteten nuklearen Aufrüstung anzugreifen, dann dürfte es sich, soviel aus Plänen bekannt geworden ist, wohl um einen Luftschlag handeln, der mit den vorhandenen bunkerbrechenden Bomben versucht, die unterirdischen Anlagen zu zerstören. Da diese aber weit im Iran verbreitet und erheblich gesichert sind, wäre ein Erfolg fraglich, zumal bei einer massiven Bombardierung auch größere Verluste in der Zivilbevölkerung entstehen würden. Auch wenn die USA, wie sie es nach ihrer Doktrin durchaus vorgesehen wäre (CONPLAN 8022) selbst keine Atombomben bzw. Mini-Nukes einsetzen würde, könnten die Bombardierung der Nuklearanlagen – manche befinden sich nahe an Städten, manche auch in Teheran - natürlich gleichwohl zu einer, in ihrem Ausmaß kaum vorhersehbaren Katastrophe im Land und in der Region führen (Szenarien für Angriffe und Gegenschläge). In der Time wird gerade wieder einmal ausgeführt, wie die Ausschaltung der iranischen Nuklearanlagen erfolgen und welche Konsequenzen dies haben könnte:

Pentagon official says that among the known sites there are 1,500 different "aim points," which means the campaign could well require the involvement of almost every type of aircraft in the U.S. arsenal: Stealth bombers and fighters, B-1s and B-2s, as well as F-15s and F-16s operating from land and F-18s from aircraft carriers... An operation of that size would hardly be surgical. Many sites are in highly populated areas, so civilian casualties would be a certainty...

U.S. officials believe that a campaign of several days, involving hundreds or even thousands of sorties, could set back Iran's nuclear program by two to three years... But it is also likely that the U.S. could carry out a massive attack and still leave Iran with some part of its nuclear program intact. It's possible that U.S. warplanes could destroy every known nuclear site — while Tehran's nuclear wizards, operating at other, undiscovered sites even deeper underground, continued their work. "We don't know where it all is," said a White House official, "so we can't get it all...."

Das nach Science Fiction klingende Vorhaben der US-Luftwaffe, anstatt Bomben oder Präzisionsraketen Roboterschwärme loszuschicken, die gezielt, effektiv und ohne erheblichen "Kollateralschaden" unterirdische Anlagen mitsamt den in ihnen befindlichen Menschen, Geräten und Waffen zerstören können. In dem Text für das 2003 bewilligte Vorhaben heißt es:

Neue militärische Bestrebungen haben die Schwierigkeit verdeutlicht, mit konventionellen Waffen tiefgelegene Ziele zu finden und zu zerstören, die abgeschlossen, bewacht, mobile oder sogar vergraben sind. Beispiele dafür sind verstärkte Bunker unter der Erde, Höhlen/Tunnel-Systeme und mobile SCUD-Abschussrampen. Mini-Roboter könnten solche Ziele finden, Daten sammeln, verfolgen und sogar zerstören, aber die Roboter müssen gut koordiniert sein und über Intelligenz verfügen, um kreative Lösungen für die Erreichung des Ziels zu finden. Es wird eine Systemarchitektur verteilter Roboter vorgeschlagen, mit dem es möglich wird, einen Schwarm unterschiedlicher Roboter in ein Suchgebiet abzuwerfen, um dort Aufklärungsmissionen bei tief gelegenen Zielen auszuführen.

Ein Roboter mit sechs Füßen lernt gehen. Foto: Imagination Engines

Während Architecture Technology Corporation die Hardware solcher Roboter entwickeln soll, erhielt Imagination Engines den Auftrag, auf der Grundlage des "Creativity Machine Paradigm" eine Software für die "wirklich autonomen" Roboterschwärme zu entwickeln. Sie sollen mit den bereits vorhandenen "revolutionären" neuronalen Netzen und genetischen Algorithmen einzeln und gemeinsam lernen, neue Muster generieren, sich weiter entwickeln und ihre Umwelt je nach Ziel umformen können. Die militärische Anwendung ist für das Unternehmen nur eine von vielen.

Die weitgehend ausgereiften parallelen Algorithmen werden umgesetzt für Hardware-basierte Steuerungssysteme für miniaturisierte Angriffsroboter, die darauf spezialisiert sind, in tief unter der Erdoberfläche befindliche Einrichtungen einzudringen. Die für dieses Programm entwickelte Software kann auf kommerzielle und militärische Roboter sowie auf Spielzeuge angewendet werden. Der Spin-off würde zu großen Forschritten für sich selbst konfigurierende elektronische Apparaturen, medizinische Mikroroboter und autonome Steuerungssysteme führen, aber auch für die Echtzeit-Generation von physikalisch glaubwürdigen virtuellen Umgebungen, gleich ob für die Unterhaltungs- oder taktische Simulationen.

Die von Stephen Thaler entwickelte KI soll angeblich schon "menschenähnliche Leistungen" erzielen, wie er gegenüber Wired Online sagte, und fähig sein, einen Schwarm von Roboter zu steuern, um in Bunker einbrechen, diese erkunden und lahm legen und dabei, sich gegenseitig unterstützend, unvorgesehene Hindernisse wie Schächte, Leitungen, Türen etc. überwinden zu können. Seine Creativity Machine brütet angeblich neue Ideen aus und erkundet Handlungspläne vor der Ausführung. Stattet man Roboter mit neuen Fortbewegungsmitteln oder Sensoren aus, so würden diese schnell herausfinden, wie sie diese benutzen, ohne sie zuvor eigens programmieren zu müssen. "Tabula-rasa-Lernen" nennt Thaler dies. Auf der Website des Unternehmens werden Videos ein sechsfüßiger Roboter gezeigt, der durch Experimentieren in wenigen Minuten lernt, sich fortzubewegen:

Fully capable of autonomously learning from its own mistakes and successes, our revolutionary neural network paradigms allow complex robots to learn completely from scratch. In a matter of minutes, the equivalent of 'cybernetic road kill' can learn to walk, recover from various mishaps, or accomplish some broadly defined mission. While such creative robots are strictly experimental at this stage and under development for the Air Force Research Laboratory, we can tailor similar systems for commercial and private application.

In Simulationen sollen die virtuellen Schwarmroboter bereits Beeindruckendes leisten. Sie würden kooperieren, um Widerstände zu überwinden, oder sich zusammenschließen, um sich zu verteidigen. Einmal habe sich auch ein virtueller Roboter geopfert, um eine Wache abzulenken und so in ein Gebäude eindringen zu können. In wenigen Monaten wird das Pentagon das von Thaler entwickelte Programm CSMARRT (Creative, Self-Learning, Multi-Sensory, Adaptive, Reconfigurable, Robotics Toolbox) zur Verfügung haben, um es auf unterschiedlichen Robotern laufen zu lassen. Getestet wurde es bereits mit kleinen "Schaben"-Robotern. Sollten die Versprechungen von Thaler zutreffen, dann könnten bislang dumme Roboter intelligente Schwärme bilden und selbständig Taktiken erfinden, um die Verteidigungsmaßnahmen der gegnerischen Menschen zu überwinden, wenn denn ihre körperliche Leistungskraft der angeblich vorhandenen geistigen gleichzöge. Thaler ist jedenfalls der Meinung, dass seine kreativen Roboter schon allein durch die Geschwindigkeit, mit der sie Lösungen finden, die Leistung ferngesteuerter Roboter weit übertreffen. Sie würden "fast auf menschlicher Intelligenzhöhe im Terahertz-Takt arbeiten, während unsere mit dem Joystick gesteuerten Roboter im 4 Hertz-Takt arbeiten, der charakteristisch für das Gehirn ist".

Vermutlich wird Thaler mehr oder weniger die Kapazitäten seiner Software übertreiben. Allerdings hat er sicherlich recht, wenn er sagt, dass sich im Bereich der autonomen Kampfroboter, die letztlich auch selbständig Menschen töten werden, ein neues Wettrüsten begonnen hat. Für ihn stellt sich freilich dieses Wettrüsten, auch zur Legitimation und Finanzierung der eigenen Forschungsarbeit, so dar, dass man nicht mehr zurück kann, weswegen es erst einmal darauf ankäme, schneller zu sein (was natürlich die jeweils "Guten" alle in Anspruch nehmen). Um Thaler das letzte, allerdings weniger kreative, eher schon archaische Wort zu geben:

Es gibt eine Zurückhaltung, autonomen Robotern tödliche Missionen anzuvertrauen. Aber die Bösen werden nicht dieselben Einschränkungen machen. Die Eskalation ist unvermeidlich.

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