Kein Ende der Eisschmelze

Dramatische arktische Sommereisabweichungen entdeckt

Fast kein Monat vergeht mehr, in der nicht irgendwelche neuen Schreckensmeldungen über eine bevorstehende Klimakatastrophe in den Medien publiziert werden. Auch die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse lassen wenig Hoffnung aufkommen, dass diese ganzen Zukunftsszenarien jeglicher Grundlage entbehren und vielleicht nur fehlerhafte Messergebnisse irgendwelcher weltfremder Wissenschaftler sind. Auch wenn man die ganzen Zahlen und Ergebnisse mit Vorsicht genießen muss, sie zeigen mit einer technisch ausgereiften Messegenauigkeit an, dass es Veränderungen gibt – mit welchen Auswirkungen auf die Zukunft, muss man erst noch sehen. Trotzdem sollte man nicht, wie vielleicht der ein oder andere Politiker auf unserer Erde es gerne tut, die Augen verschließen nach der Devise: "Nach mir die Sintflut".

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"Glänzend weiß, strahlend blau, rabenschwarz: So leuchtet das Land im Sonnenlicht, märchenhaft schön. Spitze an Spitze, Gipfel an Gipfel, zerklüftet, wild, wie kein anderes Land der Erde – so liegt es da, unbeachtet und unberührt, gefährlich und verführerisch". Dies sind die Worte des norwegischen Polarforschers Roald Amundsen nach der ersten Durchquerung der legendären Nordwest-Passage 1903-1906.

ENVISAT und EOS zeigen dramatische Eisrisse in der Arktis

Nach wie vor märchenhaft zeigt sich die Landschaft, aber nicht mehr ohne Makel und unberührt: tiefe dunkle schwarze Risse/Öffnungen machen sich breit. Der im März 2002 von der Europäischen Weltraumagentur ESA in den Orbit geschossene Umwelt-/Klima-Satellit ENVISAT hat mit seinen zwischen dem 23. und 25. August 2006 aufgenommenen Bildern enorme Risse im arktischen Eis offenbart. Diese ziehen sich über eine Länge, die die der britischen Insel übertrifft – beginnend nördlich der Inselgruppe von Svalbard im Nordpolarmeer (mit den größten Inseln Spitzbergen, Barentsinsel, Nordostland) über die russische Arktis bis hin zum Nordpol.

Das Bild hebt deutlich den nördlichen Bereich von Svalbard (Norwegen) hervor, in dem eine sehr niedrige Seeeiskonzentration zu sehen ist. Die Bildbreite zeigt ungefähr 800 Kilometer. (Bild: ESA)

Zusammen mit den Daten des amerikanischen Forschungssatelliten EOS-PM1 konnten die Wissenschaftler feststellen, dass 5-10% des beständigen Arktis-Eises durch sehr starke Spätsommerstürme in viele Teilstücke zerrissen wurde. "Diese Situation ist anders als in allen anderen Eis-Minimum-Rekord-Jahren bisher. Es ist sehr wahrscheinlich, dass ein Schiff von Spitzbergen oder Nordsibirien aus problemlos den Nordpol erreichen könnte – normalerweise ist dort jede Menge Packeis. Wenn diese Anomalie anhält, wird die Nordost-Passage zwischen Europa und Asien über längere Zeit offen sein", so Mark Drinkwater, Ozean-/Eis-Experte der ESA.

Verräterische Daten aus der Vergangenheit

Die seit über 20 Jahren gesammelten Satellitendaten zeigen auf, dass sich seit 1978 der arktische Minimal-Eisumfang (gemessen im September, da die Arktis dann die geringste Eisfläche aufweist) um 3,6 % pro Jahrzehnt (bis zum Jahre 2000) verringert hat. In den letzten Jahren haben die Satellitendaten sogar eine noch drastischere Verringerung der regionalen Eisabdeckung am Ende des Sommers angezeigt. Im September 2002 erreichte das Eis in der Arktis ein Rekord-Minimum. Drei Jahre später, im September 2005, wurde das Rekord-Minimum aber nochmals übertroffen, da betrug die Gesamteisfläche nur noch 5,35 Mio. km2 , 20% weniger, als im Durchschnitt die Jahre 1978-2000 auswiesen (Auswertung: National Snow and Ice Data Center (NSIDC).

In der ersten Reihe befinden sich die Aufnahmen aus dem Jahre 2005 (Ende August), die untere Reihe zeigt die aktuellen Bilder. Das Bild unten links von Envisat zeigt das Mosaik des arktischen Eises am 23. August 2006. Das Bild rechts unten vom EOS-Satelliten zeigt eine Aufnahme am 24. August 2006. Es zeigt starke Brüche und Öffnungen in der Meereis-Abdeckung (grau/schwarz) – die britischen Inseln sind zum Größenvergleich in grauer Linie angebildet. Pink stellt 100%iges Eis und blau das offene Wasser. Die Zwischenfarben Orange, Gelb und Grün zeigen niedrigere Eiskonzentrationen von 70%, 50% und 30% an. (Bild: ESA)

Aber nicht nur die Abnahme der Gesamteismenge beunruhigt, ein stabilisierender Faktor in der Gesamteismenge ist der Anteil an beständigem Eis (massives Ganzjahreseis). Als beständiges Eis wird nur dasjenige Eis bezeichnet, das mindestens drei Meter Stärke aufweist, im Gegensatz zu dem saisonalen Eis mit einer Dicke zwischen 30 cm und 2 Meter. Durch seine geringere Stabilität ist es im Sommer viel stärker der Schmelze ausgeliefert.

Die Satellitendaten der NASA zeigten auf, dass das beständige arktische Eis, das normalerweise die warme Sommerzeit problemlos übersteht, zwischen 2004 und 2005 unerwartet hoch um 14 % geschrumpft ist. Die gesamte Abnahme an beständig-arktischen Eis in diesem Zeitraum hatte eine Größenordnung von 726.000 km2 – eine Fläche in etwa der Größe von Texas. Auch hat sich die Verteilung von saisonalen und ganzjährigen Eismassen deutlich zum Nachteil verschoben.

Ursachenforschung geht forciert weiter: Polarjahr 2007/2008

Tausende Wissenschaftler aus über 60 Ländern werden während des internationalen polaren Jahres 2007-2008 zum ersten Mal mit allen zugänglichen alten und neuen Satellitendaten versorgt, um die polaren Regionen besser studieren zu können. Damit können die Wissenschaftler langfristige klimatische Tendenzen und Änderungen kennzeichnen und analysieren. Die ESA wird die gegenwärtigen und historischen Daten von ihren ERS-1-, ERS-2- und Envisat-Satelliten sowie die Daten, die von einer Anzahl NASA-Satelliten gesammelt wurden, zur Verfügung stellen.

Auswertungen über das See-Eis der Arktis haben eine drastische Verringerung des Umfangs an beständigen Eises offenbart. Das Bild zeigt einen Vergleich zwischen 2004 und 2005. (Bild: NASA)

Die Idee der internationalen polaren Jahre kam dem österreichischen Wissenschaftler Karl Weyprecht während einer Österreichisch-Ungarischen Polar-Expedition in den Jahren 1872-1874. Seine Erfahrungen in den polaren Regionen machten Karl Weyprecht bewusst, dass Lösungen zu den grundlegenden Problemen der Meteorologie und Geophysik an den Erdpolen zu finden sind. Eine koordinierte internationale Kommission konnte dieser Aufgabenstellung am Besten entgegentreten. So wurde 1882-1883 das erste internationale polare Jahr ausgerufen, an dem Wissenschaftler aus 12 Ländern teilnahmen. 15 Expeditionen wurden im Laufe der Jahre durchgeführt, 13 zur Arktis und 2 zur Antarktis.

Dass die polaren Ereignisse auch unser zukünftiges Klima beeinträchtigen werden, steht nicht mehr zur Debatte, in welchem Umfang wissen wir aber heute noch nicht. Vielleicht können die Auswertungen am Ende des kommenden Polarjahrs genauere Informationen liefern, ob und wie weit wir uns schon in einem klimatischen Teufelskreislauf befinden.

Aktuelles Arktis-Eisdiagramm (Bild: Institut für Umweltphysik Bremen)
http://www.heise.de/tp/artikel/23/23602/1.html
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