Studiengebühren als Stolperstein

29.09.2006

Neue Hürden für einkommensschwache Gruppen an Universitäten erhöhen die Ungleichheit der Bildungschancen

Das Jahr 2007 wird das Jahr der Einführung von Studiengebühren (Paragraphen mit doppelten Böden). Bei geplanten Gebühren von bis zu 500 Euro pro Semester betonen die verantwortlichen Politiker die "Sozialverträglichkeit" dieser bildungspolitischen Maßnahmen, niemand solle durch die Studiengebühren von einem Hochschulstudium abgehalten werden. Doch die bisherigen Sozialdaten weisen auf die Möglichkeit erheblicher "Kollateralschäden" hin, wodurch das klassen- und schichtengeprägte deutsche Hochschulsystem noch weiter von "bildungsfernen" Bevölkerungsgruppen wie Arbeiter und Ausländer abgeschottet wird.

Und was ist mit Studierwilligen, bei denen das Einkommen der Eltern nicht für ein Studium ausreicht und die Bafög bekommen? Für diese gibt es in Bayern ein Darlehen, das ohne Bonitätsprüfung gewährt wird und in langen Raten (bis zu 25 Jahre) zurückgezahlt werden kann. Diese Rückzahlung wird nach Beendigung des Studiums bei geringem Einkommen, Krankheit oder Arbeitslosigkeit ausgesetzt - dies gilt auch für die Zinsen. Bei Bafög-Empfängern gibt es eine Verschuldungsobergrenze von 15.000 Euro, was an Darlehen für Studiengebühren darüber liegt, kann auf Antrag erlassen werden. Zehn Prozent der Gebühren sollen in einen Sicherungsfonds fließen, aus dem dies wie auch die Stundung der Rückzahlung bezahlt werden soll. Ist damit der Sozialverträglichkeit der Studiengebühren Rechnung getragen? Mitnichten, betrachtet man diese bildungspolitische Maßnahme im Kontext der bestehenden ungleichen Bildungschancen.

Zumindest seit den entsprechenden PISA-Studien ist klar, dass das deutsche Bildungssystem ein System der sozialen Auslese ist, bei dem die soziale Herkunft eine wesentliche Rolle spielt. Trotz aller Chancengleichheiten auf dem Papier wie dem kostenfreien Schulbesuch ist die Bildungsrealität durch massive Ungleichheit der Bildungschancen gekennzeichnet. Der Datenreport 2006 konstatierte wie gehabt "die eklatante Schlechterstellung von Migranten und Immigranten sowie von deutschen Kindern nach sozialer Herkunft bei der Bildungsbeteiligung und beim Erwerb von Bildungszertifikaten" (Mehr Arme, weniger Geld und Zweifel an der Demokratie). So lag der Anteil der Arbeiterkinder an den Universitäten jahrzehntelang bei rund 12 Prozent, mit einem Bevölkerungsanteil von über 40 Prozent war und ist diese Gruppe weit unterrepräsentiert. Erst im Wintersemester 2003/2004 stieg der Anteil der Arbeiterkinder unter den Studienanfängern an den Universitäten auf 15 Prozent. Doch bleibt das Studium generell eine Angelegenheit der Kinder von Besserverdienenden: Im besagten Wintersemester entstammten knapp zwei Drittel aller Studienanfänger einer hohen oder gehobenen sozialen Schicht. Lediglich jeder Sechste kommt aus einer niedrigen sozialen Schicht.

Und für diese könnten Studiengebühren eine verheerende Wirkung entfalten. "Wir befürchten Schlimmes, der Anteil von Studierenden aus Arbeiter- und Migrantenfamilien wird sinken", so jedenfalls die Einschätzung von Olaf Götze vom ASTA der Universität in Münster. Der 27-jährige Student ist Referent im "Referat finanziell und kulturell benachteiligter Studierender" und kümmert sich um die Anliegen von Studierenden aus Arbeiterfamilien - ein bislang einzigartiges Referat an deutschen Unis, das mittlerweile sogar an der Wiener Universität nachgeahmt wird. Das Referat betreibt Minderheitenpolitik und setzt sich für die Integration von Studierenden aus unterprivilegierten Schichten ein - eine Politik, die in den USA längst gang und gäbe ist und sich zum Beispiel in Hochschulorganisationen wie "Akademiker mit Arbeiterhintergrund" äußert.

Abschreckende Wirkung

Studiengebühren, das bedeute, so Götze, dass die Ängste vor Verschuldung größer würden und für Arbeiter- und Emigrantenkinder eine abschreckende Wirkung entfalten: "Man muss ganz klar sagen, Studiengebühren führen nicht zu mehr Chancengleichheit, sondern bewirken das Gegenteil". Gestützt werden derartige Einschätzungen durch Untersuchungen über die Motive von Studienabbrechern. So bezeichnen 17 Prozent der Studienabbrecher finanzielle Probleme als die ausschlaggebende Ursache und dahinter verbergen sich nicht nur finanzielle Engpässe, sondern ebenso die Unmöglichkeit, ausgedehnte Erwerbstätigkeit zur Studienfinanzierung mit den Studienverpflichtungen zu vereinbaren. Es wundert nicht, dass von dieser Abbruchgefahr aus finanziellen Gründen vor allem Studierende aus "bildungsfernen und einkommensschwächeren Herkunftsschichten" betroffen sind, so die Studienabbruchsstudie des Hochschulinformationssystems von 2002.

Studiengebühren sollen direkt der Hochschule zugute kommen und die Studienbedingungen verbessern - dies ist die wesentliche Begründung für die Einführung von Studiengebühren ("Die Studienbeiträge müssen von den Hochschulen für die Verbesserung der Studienbedingungen verwendet werden", so das Bayerische Wissenschaftsministerium). Gegenüber finanziellen Problemen aber werden problematische Studienbedingungen immer weniger als Grund für einen Abbruch des Studiums genannt: "Sie sind ...letztlich kaum als große Stolpersteine auf dem Weg zum Examen zu betrachten", so das Fazit der Abbrecherstudie.

Wer aus einer Arbeiterfamilie kommt oder mit einem Migrationshintergrund aufgewachsen ist und den langen, mit Schichtbarrieren versehenen Weg zur Hochschulreife erfolgreich hinter sich gebracht hat, stolpert auf seinem Weg zum Examen an der Universität also gerade nicht über die mangelnde Ausstattung der Bibliothek, sondern über mangelnde finanzielle Ressourcen. Und für diese Gruppe sind Studiengebühren mit ihrer psychologisch abschreckenden Wirkung nichts anderes als eine weitere Verschärfung einer ohnehin bereits international gerügten mangelnden Chancengleichheit des deutschen Bildungssystems.

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