Der Irak-Krieg kostet in der Woche zwei Milliarden Dollar

29.09.2006

Nach aktuellen Umfragen billigt die Mehrheit der Iraker Angriffe auf US-Truppen und wünscht deren Abzug, al-Qaida und Bin Laden werden von der überwältigenden Mehrheit der Iraker abgelehnt

Der Krieg im Irak wird immer teurer. Gerade erst hat der Kongress wieder 70 Milliarden Dollar zusätzlich für die Kriegskosten in der ersten Hälfte des Haushaltsjahres sowie 23 Milliarden für Reparaturen und Neubeschaffung von Ausrüstung bewilligt. Nach einem Bericht des parteiunabhängigen Informationsdienstes des Kongresses hat der "Globale Krieg gegen den Terror", also Einsätze im Irak, in Afghanistan und anderswo, aber auch damit zusammenhängende Ausgaben zur Sicherung von Truppenstützpunkten und Botschaften, Auslandshilfen, Wiederaufbau etc., allein im Haushaltsjahr 2006 437 Milliarden Dollar Steuergelder verschlungen. Über 90 Prozent kommen direkt dem Pentagon zu. Während Afghanistan gerade zum nächsten Irak zu werden droht, ist die Situation im Irak selbst verfahren. Die Mehrzahl der Iraker sieht Angriffe auf US-Soldaten gerechtfertigt, die Meisten wollen, dass die US-Truppen aus ihrem Land abgezogen werden.

Soldat der U.S. Army hält während einer Razzia in der Nähe von Tafaria am 4.9. Wache.Foto:Pentagon

Jede Woche, so der Bericht des Congressional Research Service, kostet der Einsatz im Irak zwei Milliarden Dollar, der in Afghanistan 370 Millionen. Gegenüber 2005 sind die Ausgaben hier um 20 Prozent gestiegen. Der Anstieg der Kosten wird auf den höheren Verschleiß, vor allem aber auch auf die häufiger werdenden Kämpfe und den Ausbau von permanenten Stützpunkten in beiden Ländern zurückgeführt. Die Zahlen sind aber zum Teil nur Schätzungen, da das Penaton dem CRS nicht alle Informationen gegeben hat.

Eine Anfang September vom Program on International Policy Attitudes (PIPA) der University of Maryland im Irak durchgeführte Umfrage gibt zudem ein düsteres Bild vom befreiten Land, das im nur teilweise vom Weißen Haus veröffentlichten Geheimdienstbericht nach dem Einmarsch der US-Truppen als 'cause celebre' und als Brutstätte des Terrorismus bezeichnet wurde. 71% wünschen, dass die Truppen spätestens in einem Jahr abgezogen werden, die Hälfte davon würde as lieber in einem halben Jahr sehen. Nur die Kurden haben es nicht so eilig, die die Präsenz der US-Truppen auch mehrheitlich mit 56% als Stabilisierungsfaktor sehen. 97 % der Sunniten und 82% der Schiiten waren hingegen der Meinung, dass sie eher Konflikte provozieren als verhindern. Andererseits sagen immer noch 46%, dass das Land die Hilfe ausländischer Truppen benötigt, im Januar waren es 59%. Das Vertrauen in das eigene Militär als Sicherheitsfaktor scheint also zu wachsen.

Die Frage, ob die Iraker Angriffe auf US-Truppen gutheißen, ist wohl am aussagekräftigsten für die Lage. Über die Hälfte, 61%, billigen oder unterstützen jetzt Angriffe, im Januar waren es noch 47%. Auch hier fallen die Kurden aus dem Rahmen. Bei den Sunniten sind mit 92% fast alle den Amerikanern feindlich gegenüber eingestellt, bei den Schiiten mit 62% auch noch die Mehrheit. Aber al-Qaida, auf die die Bush-Regierung gerne alle Schuld schiebt und die auch im letzten Geheimdienstbericht als größte Gefahr dargestellt werden, ist im Irak nicht angesehen. 94% lehnen die Terrorgruppe ab, davon 82% stark. Selbst bei den Sunniten ist al-Qaida nicht willkommen. 77% lehnen sie ab, auch Bin Laden hat im Irak nach der Umfrage auch bei den Sunniten keine Popularität. 71% lehnen ihn ab, in der Gesamtbevölkerung sind es 93%. Das von der Bush-Regierung gestrickte Feindbild scheint also weit daneben zu gehen.

Die meisten Iraker sind auch der Überzeugung, dass das Pentagon permanente Militärbasen einrichtet, und sie glauben, dass die die Amerikaner ihre Truppen nicht zurückziehen würde, auch wenn eine irakische Regierung darum bittet. Die Milizen werden aber ebenso wenig wie die US-Truppen geschätzt, und Angriffe auf die irakischen Soldaten und Zivilisten werden praktisch von allen missbilligt. Am liebsten hätten die Iraker eine starke Regierung, andererseits ist einem Drittel die existierende Regierung schon jetzt zu stark. Das ist selbst verständliche auch durch die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen begründet. So ist für fast die Hälfte der Sunniten die Regierung bereits zu stark, d.h. sie fühlen sich zu wenig berücksichtigt. Immerhin glauben aber die meisten, dass auch in fünf Jahren der Irak noch ein Land sein und noch nicht zerfallen sein wird. Allmählich scheint auch die Zustimmung für den Sturz Husseins zu sinken. Zwar sind noch 61% der Meinung, dass die seitdem erlittenen Mühen dies wert waren, im Januar waren es noch 77%. Dass bei den Sunniten, die Hussein privilegiert hatte, die Zustimmung am geringsten ist, erstaunt nicht. Aber nun sagen selbst 75% der Schiiten dies, während vor einem halben Jahr noch 98% dieser Meinung war.

Dass die Ablehnung der amerikanischen Besatzung tatsächlich so stark wie in der PIPA-Umfrage ist, wird auch durch eine andere Umfrage belegt, die das US-Außenministerium in Auftrag gegeben, aber noch nicht veröffentlicht hat, obgleich sie schon Ende Juni, Anfang Juli durchgeführt wurde. Der Washington Post sind Umfrageergebnisse zugespielt worden. Danach sagen drei Viertel der Menschen in Bagdad, dass sie sich ohne die Anwesenheit von US-Soldaten und der übrigen Koalitionstruppen sicherer fühlen würden. 65% sind für einen sofortigen Abzug. Das sei, abgesehen von den kurdischen Gebieten, die Mehrheitsmeinung.

Reporter der Washington Post geben nach Gesprächen mit Bewohnern Bagdads die Stimmung wieder, dass die Iraker offenbar trotz aller Missgriffe und Fehler an die große Macht der Amerikaner weiter glauben. Wenn sie wollten, so die Ansicht, dann könnten sie schnell Ordnung herstellen und das Land wieder aufbauen. Dass sie es nicht tun, wird dann von Manchen als Absicht interpretiert. Das entstehende Chaos und der Bürgerkrieg dienten als Grund für die weitere Präsenz der Truppen. Allerdings sprechen sich auch Sunniten in Bagdad für die Präsenz der US-Truppen aus, weil sie Angst davor haben, ansonsten den schiitischen Milizen wehrlos ausgeliefert zu sein.

Gestern starben mindestens 23 Menschen im Irak durch Terroranschläge und wurden 40 Leichen gefunden, die Folterspuren aufwiesen. Es gab Gefechte zwischen Bewaffneten und der Polizei, bei denen mehrere Polizisten starben. Immer mehr Menschen fliehen vor den Gewalttätigkeiten und ethnischen Säuberungen. Wer kann, verlässt das Land, das ist vor allem die bürgerliche Schicht und das ist die geistige Elite, die schon lange zum Ziel von Fundamentalisten wurde. Allerdings scheint der Brain Drain nun auch schon den Terroristen Probleme zu bereiten. Der neue al-Qaida-Chef im Irak, Abu Hamza al-Muhajir, forderte in einem Tonband nicht nur dazu auf, Menschen aus dem Westen zu entführen, sondern warb auch um Wissenschaftler, um biologische oder schmutzige Bomben bauen zu können. Das könne wissenschaftlichen Interessen befriedigen und gleichzeitig könne man die unkonventionellen Waffen an den amerikanischen Stützpunkten testen.

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