Sinkt das volle Schiff doch nicht?

Wolf-Dieter Roth 30.09.2006

Die ungehemmte Vermehrung der Menschheit scheint nachzulassen

Nur etwa 2 Milliarden Menschen können auf der Erde leben, ohne ihre Ressourcen zu überfordern, so die Schätzung von Wissenschaftlern. Dieser Punkt war schon 1930 erreicht und es sah danach aus, als ob der Homo sapiens zur neuen Heuschrecken- oder Karnickelplage des Planeten ("Die Rache Gaias": Liegt der Planet bereits im Fieber?) würde. Doch Paul Ehrlich, der 1968 davor warnte, dass wir uns zu Tode vermehren, sieht nun – unbevölkertes – Land in Sicht.

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Neben den "Grenzen des Wachstums" des Club of Rome ist die "Bevölkerungsbombe" von Paul R. Ehrlich ein Klassiker, der vor den Grenzen des weiteren Vermehrung des Menschen warnte, die zu Hungersnöten, Kriegen, katastrophaler Umweltverschmutzung und dem Raubbau an den Ressourcen der Erde führen musste. Das Umdenken seitdem hat den Ressourcenverbrauch und vor allen Dingen die Umweltverschmutzung gegenüber den ursprünglichen Voraussagen durchaus deutlich abgemildert, wenn auch das Problem noch lange nicht beseitigt. Und auch die ungehemmte Vermehrung der Menschheit hat nachgelassen, ohne Zweifel auch durch die Einführung neuer Methoden der Geburtenkontrolle.

Dabei ist es offensichtlich der Wille vieler Menschen, nur noch eine begrenzte Anzahl von Kindern in die Welt zu setzen, denn zumindest in Europa wird der Ein-Kind-Haushalt üblicherweise nicht propagiert, im Land mit der höchsten Bevölkerungszahl, China, dagegen schon. In Deutschland werden Kinder nach wie vor finanziell gefördert, auch wenn dies niemals die tatsächlichen Kosten abdecken kann, aber die Entscheidung für oder gegen Kinder wird zumindest nicht an erster Stelle durchs Geld getroffen. In Frankreich bekommen Frauen einen Extra-Steuerbonus von etwa 500 Euro im Monat, wenn sie ein drittes Kind aufziehen, in Polen gibt es etwa 120 Euro Auszahlung pro Kind und in Singapur sind über 4000 Euro Steuerersparnis angesagt, wenn das erste Kind geboren ist, bevor die Eltern 28 sind. In Australien gibt es neben etwa 600 Euro Babybonus nun auch den patriotischen Slogan, dass junge Frauen "ein Kind für sich, eins für ihren Ehemann und eins für Australien" haben sollten. Zumindest ist dies nicht so gemeint, wie es früher in Europa gedacht war: das Kind "für Australien" ist nicht als Kanonenfutter fürs Militär vorgesehen.

Trotzdem befürchten mittlerweile viele, dass die Deutschen aussterben oder durch andere Völker überrannt werden. Doch so extrem sind die Zahlen gar nicht mehr: von den industrialisierten Ländern liegt die typische Kinderzahl pro Familie inzwischen nur in den USA mit 2,1 auf dem Wert, der bei geringer Kindersterblichkeit erforderlich ist, um die Bevölkerung konstant zu halten. In diesem Fall ist der Wert sogar im Lauf der letzten 20 Jahre gestiegen, 1980 lag er noch bei 1,8. Durch die hohe Zuwanderung heute wird die Bevölkerung der USA bis zum Jahr 2050 um 42% steigen.

In allen anderen industrialisierten Staaten ist die Kinderzahl pro Familie dagegen kontinuierlich gesunken: in der EU von 2,6 im Jahr 1970 auf 1,6 heute, in den OECD-Ländern von 2,4 auf 1,6 im selben Zeitraum und in den skandinavischen Ländern von 2,2 auf 1,8. In Japan ist die Geburtenrate sogar von 1,8 im Jahr 1980 auf heute 1,4 gesunken. Konkret liegt der Wert bei 1,28 in Italien und Spanien und in Polen sogar nur bei 1,25 – der Reichtum eines Landes und die Stärke der Industrialisierung hat also keinen direkten Einfluss. In Japan liegt die durchschnittliche Kinderzahl bei 1,27, in Südkorea bei 1,25 und auch im für mögliches Bevölkerungswachstum durchaus ausreichend dünn besiedelten Australien und Kanada bei nur 1,76 und 1,61. Und auch in Russland, wo schlechte Ernährung, Alkoholismus und Umweltverschmutzung dazu führen, dass die Kindersterblichkeit dreimal so hoch ist wie in Westeuropa, liegt die Geburtenrate nur bei 1,28, was zu einem Bevölkerungsrückgang zwischen 20 und 35% bis zum Jahr 2050 führen wird. Verstärkt wird dies durch eine geringe Lebenserwartung von nur 59 Jahren – 20 Jahre weniger als in Westeuropa. Momentan sinkt die Bevölkerung Russlands jedes Jahr um 700.000.

Gut für die Natur, schwierig für die Menschen

So erfreulich der Bevölkerungsrückgang für die Erde insgesamt ist, stellt er doch ein Problem dar in den Staaten, die nun mit einer veränderten Altersstruktur ihrer Bevölkerung zu kämpfen haben: Sind die Eltern auf Unterstützung durch die Kinder angewiesen, wie in ärmeren Ländern, oder findet dies wie in den reicheren Staaten über das Rentensystem statt, das als Generationenvertrag das Geld der Rentner von der nächsten Generation borgt, nur etwas anonymer als mit den eigenen Kindern, so kann eine Veränderung der Altersstruktur zu deutlichen Problemen führen. Daraus resultierenden Belastungen für Wirtschaft, Sozial- und Gesundheitssysteme. Der Teil der Bevölkerung über 60 Jahren wird sich global von heute 600 Millionen auf 1,9 Milliarden mehr als verdreifachen und damit über 20% der Weltbevölkerung sowie in manchen Ländern 30 bis 40% der Bevölkerung darstellen.

Weltweit wird angenommen, dass die Bevölkerung bis 2050 noch um 2,5 Milliarden auf 9 Milliarden ansteigen wird und auch anschließend noch weiter wächst, wenn auch gebremst. Das meiste Wachstum findet sich in Ländern wie den an der Sahara grenzenden afrikanischen Staaten und einigen Staaten im nahen Osten. Dort liegt der Bevölkerungsanteil unter 15 Jahren bei 45 bis 50%.

Paul Ehrlich, der zusammen mit seiner Frau Anne einst als moderne Kassandra angesehen wurde und von bestimmten, reaktionären Kreisen für sein Buch heute noch gehasst wird – man kann es an den Kommentaren zur englischen Originalausgabe bei Amazon erkennen, in denen systematisch das Buch bzw. dessen Reprint mit der schlechtestmöglichen Bewertung versehen und Ehrlich als "grüner Nazi" und "kleiner Hitler" beschimpft wird sowie stattdessen immer wieder das Buch eines anderen Autors, Julian Simon, mit entgegengesetzter Ausrichtung empfohlen wird, und zwar so massiv, das dies auch bereits einigen anderen Kommentatoren unangenehm aufgefallen ist. Eine ziemlich sinnlose Aktion bei einem Buch, das mittlerweile bald 40 Jahre alt ist und dessen Autor nur zu froh ist, wenn seine Voraussagen nicht eintreffen.

Pessimismus weicht vorsichtigem Optimimus

Im aktuellen New Scientist wurde Paul Ehrlich nun zu seiner heutigen Meinung zum Problem des Bevölkerungswachstums befragt. Er sieht mittlerweile deutliche Chancen, soziale Unruhen mit der nachlassenden Geburtenrate sogar zu verringern, da weniger Schulen gebraucht und weniger Verbrechen von arbeitslosen oder gelangweilten Jugendlichen begangen werden. Auch die typischen, mit ihrer Lage unzufriedenen und leicht von radikalen Führern verführbaren Terroristen und Selbstmordattentäter lägen durchweg in der Altersgruppe von 15 bis 30 Jahren, so Ehrlich.

Ehrlich rät, in Ländern mit Altersstrukturproblemen nicht die Geburtenrate wieder anzuheben, sondern die Rentensysteme zu ändern: die heutigen Rentner sind oft weniger auf Unterstützung angewiesen als die Kinder und auch gesünder als noch vor einer Generation. Das Rentenalter von 65 stellt er ebenfalls in Frage, zumal eben viele Rentner gar nicht damit glücklich sind, nun keine sie erfüllende Arbeit mehr ausüben zu dürfen. Doch dürfte es schwierig werden, das Rentenalter plötzlich zu erhöhen und damit eine Generation zu längerer Arbeit zu verdonnern, die vielleicht dachte, die Plackerei mit massenhaft Überstunden nun gerade hinter sich zu haben. Doch ist es natürlich fragwürdig, wenn junge Menschen am Anfang ihres Arbeitslebens, falls sie überhaupt einen Job finden, sofort hohe Steuern zahlen müssen, um Rentner zu unterstützen, die durchaus noch imstande wären, für sich selbst zu sorgen.

Es ist fast anzunehmen, dass Paul Ehrlichs letztes Buch noch wesentlich aggressivere Kommentare angezogen hätte als sein Klassiker, wenn es denn ebenso viel gelesen würde.

http://www.heise.de/tp/artikel/23/23657/1.html
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Vor mehr als dreißig Jahren erschien aus der Feder von drei Forschern am Massachusetts Institute of Technology "Die Grenzen des Wachstums" im Auftrag des Club of Rome - kurz vor der ersten Ölkrise 1973. Seitdem ist die Weltwirtschaft unglaublich weiter gewachsen, und Skeptiker weisen darauf hin, dass uns das Öl keineswegs ausgegangen ist. Berühmt ist auch die von der ersten Ausgabe angeregte Wette zwischen den Wissenschaftlern Julian Simon und Paul Ehrlich, ob die Preise von 5 Ressourcen zwischen 1980 und 1990 durch Knappheit steigen würden. Ehrlich durfte sich 5 Metalle aussuchen, deren Preise seiner Meinung nach steigen würden. Er verlor in allen fünf Punkten, auch wenn die Kritiker von Simon das nicht als Niederlage für Ehrlich::www.stanford.edu/group/CCB/Pubs/Ecofablesdocs/thebet.htm sehen. Nun ist nach der zweiten Ausgabe von 1992 ("Die Neuen Grenzen des Wachstums") die dritte auf englisch im Juni 2004 erschienen - mit dem Untertitel "The 30-Year Update". Reden die Autoren immer noch davon, dass die Welt bald untergehen wird? Wenn ja, warum?

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