"Jesus ist der Meister der Liebe, Mohammed der Meister des Hasses"

Florian Rötzer 03.10.2006

In Frankreich hat ein polemischer Kommentar gegen den Islam die Gemüter ebenso erhitzt wie kurz zuvor die Absetzung der Mozart-Oper in Deutschland

Auch in Frankreich gibt es eine erregte Debatte über den Islam in Europa, nachdem Robert Redeker, ein Philosophielehrer an einem Lycée in der Nähe von Toulouse und einer der Herausgeber von "Les Temps modernes", nach Todesdrohungen unter Polizeischutz gestellt wurde. Redeker – von der FAZ gar zu "einem der wichtigen zeitgenössischen Philosophen" erhoben - hatte am 19. September in der konservativen Tageszeitung Figaro einen Artikel mit dem Titel Was soll die freie Welt angesichts der islamistischen Bedrohungen tun? veröffentlicht, in dem er aufgrund der Kritik an der Rede von Papst Benedikt in Regensburg davor warnt, dass der Islam versuche, "Europa seine Gesetze aufzuzwingen". Der Islam sei im Unterschied zur christlichen und jüdischen Religion ein Glaube sei, der auf "Hass und Gewalt" basiert. Anders aber als im Fall der von der Deutschen Oper abgesetzten Mozart-Inszenierung, wo es nur um ein mögliches, von den Sicherheitskräften beschworenes Risiko gab (Billige Suche nach einem Sündenbock), ist der Lehrer tatsächlich bedroht worden.

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Die Rückbezug auf Jesus ist ein Rückbezug gegen den Exzess der kirchlichen Institution. Der Rückbezug auf Mohammed verstärkt hingegen den Hass und die Gewalt. Jesus ist ein Meister der Liebe, Mohammed ein Meister des Hasses.

Ähnlich schwarz-weiß schreibt Redeker weiter, der es mit dieser Weißwaschung des Christentums und der Verurteilung des Islam ganz offensichtlich auf eine entsprechende Reaktion der Muslime angelegt hat, die sich empören sollten: Mohammed sei, so bohrt er weiter, "Anführer eines unbarmherzigen Krieges, ein Plünderer, ein Massenmörder der Juden und ein Poligamist". So würde er sich im Koran offenbaren. Der Islam übe überdies derzeit eine "ideologische Überwachung" aus, um Kritik zu unterdrücken.

Wie zu erwarten war, erhielt Redeker, der drei Kinder hat, nach Veröffentlichung des Artikels Emails mit Drohungen, und er wurde, wie das Innenministerium mitteilte, zum Gegenstand von Diskussionen auf Webseiten, die al-Qaida nahe stehen sollen. Seit dem 19.September ist der Lehrer nicht mehr in seine Schule gegangen und wechselt zusammen mit seiner Frau ständig seinen Aufenthaltsort. Eine Woche später wurde er, aber auch seine Schule unter Polizeischutz gestellt. Tunesien und Ägypten verboten die Auslieferung der Figaro-Ausgabe. Redeker bezeichnet nun seine Situation als "katastrophal". Drohungen seien mit Hinweisen gekommen, wie man zu seiner Wohnung kommt, mit einem Foto von ihm und seinen Telefonnummern. Er habe lediglich ein von der Verfassung garantiertes Recht ausgeübt und werde jetzt "auf dem Boden der Republik selbst bestraft". Europe1 sagte er: "Man fühlt sich nie mehr sicher auf der Erde. 1,3 Milliarden Muslims sind bereit, einen zu töten."

Der Bildungsminister Gille de Robien erklärte sich solidarisch mit dem Philosophielehrer, kritisiert aber auch, dass ein Staatsangestellter sich "unter allen Umständen vorsichtig und zurückhaltend" äußern sollte. Das ist Redekes Artikel nun tatsächlich nicht, anders als gezielte Provokation lässt er sich nicht verstehen. Aber um die Hintergründe, was Redeker zu dieser in manchen Kreisen mittlerweile auch kultivierten Provokation treibt, die sich dem Hass nähert, der dem Islam unterstellt wird, geht es nicht. Reporter ohne Grenzen sagen beispielsweise, die Reaktionen auf den Artikel würden Redeker leider Recht geben, "wenn er auf das Risiko einer ‚ideologischen Überwachung’ hinweist, der man widerstehen müsse". Man könnte sich allerdings auch fragen, wie vernünftig diese kalkulierte Selbstbestätigung ist, die zwar die Radikalen hervorlockt, aber den Gemäßigten unter den Muslims keine große Chance der Artikulation mehr lässt. Gleichwohl muss man natürlich zustimmen, wenn Reporter ohne Grenzen erklären, dass "der immer häufiger vorkommende Rückgriff auf die Drohung, die Zensur, die Kontroverse und die Diskussion nicht zu tolerieren ist".

Fragt sich nur, wie hier diskutiert werden soll, zumal von den Islamhassern, der teilweise richtige Kritik übers Ziel hinausschießt, systematisch ausgeblendet wird, was im Ausland und im politischen Kontext zumindest auch hinter der Empfindlichkeit liegt. Die Liga der Menschenrechte versucht den in der Hitze des ausgerufenen Kriegs der Kulturen kaum mehr möglichen Spagat, wenn sie seine Ausführungen einerseits als Ausguss seiner "geringen intellektuellen Strenge" und seines "Hasses auf den Islam und die Muslims" bezeichnet und dem Figaro vorwirft, wieder einmal dem Hassdiskurs eine Plattform geboten zu haben, aber andererseits Bedrohungen entschieden zurückweist und ganz richtig sagt, dass man die Ideen von Redeker nicht bekämpfen könne, wenn man ihn zum Opfer macht. Das aber ist geschehen.

Benutzt werden die Provokation und die Reaktion seitens extremer Muslime nun von 20 Intellektuellen und Philosophen, die sich auf den Gegner einschießen. In einem Artikel in der Tageszeitung Le Monde haben gestern Elisabeth Badinter, Alain Finkielkraut, André Glucksmann, Claude Lanzmann, Bernard-Henri Lévy und andere ein Manifest veröffentlicht, in dem sie Redeker fälschlich mit Salman Rushdie und richtig mit dem ermordeten Filmemacher Theo van Gogh gleichstellen. Natürlich wird dabei wieder auf die Papst-Rede und die Absetzung der Mozart-Oper in Berlin verwiesen. Gegeißelt wird die Position, dass man "Provokationen" vermeiden solle, da sie lediglich aus der Angst heraus eingenommen werde.

Die Zeiten in Europa werden hart. Es ist nicht die Stunde der Feigheit.

Appelliert wird an die Regierung, den Schutz von Robert Redeker weiter zu garantieren und seinen Job und sein Einkommen sichern. Besonders die Muslime werden aufgerufen, sich ebenfalls für seinen Schutz einzusetzen. Das ist auch ganz in Ordnung. Die Unterzeichner des Manifest sagen aber auch, dass es sich unabhängig vom Inhalt des Artikels "um einen extrem gewalttätigen Angriff auf die nationale Souveränität handelt. Eine Todesdrohung wird in unserem Land mit völliger Straflosigkeit geäußert – und das ist absolut unzulässig." Würden die französischen Intellektuellen einen ernsthaften Diskurs führen wollen, dann hätten sie zumindest auch auf den Inhalt des Artikels eingehen müssen und auch die Übertreibung vermeiden sollen, dass es sich um einen Angriff auf die nationale Souveränität handelt. Aber weil dies ebenso wenig geschehen ist wie im Fall von Neuenfels Mozart-Inszenierung, ist die bedingungslose und sich aufplusternde Verteidigung der westlichen Werte ein Popanz. Im Fall der Idomeneo-Inszenierung hat Matthias Matussek von der Verteidigung des Rechts auf Verblödung gesprochen. Man muss die Freiheit der Kunst, die Meinungs- und Pressefreiheit verteidigen und man muss Drohungen verurteilen sowie gegen ihre Urheber vorgehen, aber man sollte sich deshalb nicht in dem falschen Weltbild, das von den Extremen auf beiden Seiten gezimmert wird, in dem es nur ein "für oder gegen uns", Freund oder Feind, gut oder böse gibt, fangen lassen und ebenso einseitige wie gezielte Provokationen als Kern unserer westlichen Kultur feiern. Das sollte man eigentlich bei Philosophen voraussetzen …

http://www.heise.de/tp/artikel/23/23677/1.html
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