Mit BILD vom Saulus zum Paulus

Horst Müller 04.10.2006

Als Dankeschön für eine Exklusivstory hat das Boulevardblatt Siemens Vorstandschef Klaus Kleinfeld innerhalb von zwei Wochen vom "gierigen Raffke-Manager" zum "tatkräftigen Helfer" befördert

Es ist wohl davon auszugehen, dass in vielen deutschen Redaktionen am Montag schlechte Stimmung herrschte. Zum Wochenbeginn veröffentlichte BILD unter dem Aufmacher Siemens-Chef verzichtet auf 30% Gehaltserhöhung exklusiv eine Geschichte, die wohl jeder Wirtschaftsredakteur gern für sich reklamiert hätte. Doch ARD-Morgenmagazin, Deutschlandfunk und SPIEGEL Online mussten sich genau wie alle anderen aktuellen Medien nebst Nachrichtenagenturen auf das Boulevardblatt berufen, ohne die Sache selbst noch einmal nachrecherchieren zu können.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Das Thema war wegen der BenQ-Pleite so "heiß", dass die Meldung einschließlich Zitate des Siemens-Vorstandsvorsitzenden Klaus Kleinfeld sofort auf "Ticker", Sender und Online-Portale musste. Glück im Unglück – diesmal handelte es sich nicht um eine der "Enten", die regelmäßig von BILDblog dokumentiert werden. Noch im Verlaufe des Montags bestätigte Siemens in einer Pressemitteilung im Wesentlichen die Angaben, die bereits am Morgen in BILD zu lesen waren.

Bleibt die Frage, warum ausgerechnet das Boulevardblatt, das noch zwei Wochen zuvor den Siemens-Chef öffentlich an den Pranger gestellt hatte, die Geschichte am Vortag der deutschen Einheit exklusiv verbreiten konnte? Es ist wohl kaum davon auszugehen, dass die Sorge um das Schicksal der rund 3.000 ehemaligen Mitarbeiter der Siemens-Handysparte den BILD-Autoren Jörg Quoos am vergangenen Wochenende so heftig umgetrieben hat, dass er in der Angelegenheit hartnäckig weiterrecherchierte und schließlich die vermeintlich sensationellen Statements von Klaus Kleinfeld als einziger Journalist der Republik exklusiv erhielt.

BILD als Sprachrohr der "Großen"

Tatsächlich wurden die Informationen von Siemens gezielt an die BILD-Redaktion weitergegeben, wie Pressesprecher Peik v. Bestenbostel gegenüber blogMEDIEN.de bestätigte:

Es ist in der Tat so, dass wir uns aus Zeitgründen dazu entschlossen hatten, die Entscheidungen des Wochenendes über einen Exklusivbericht in der Bild Zeitung bekannt zu machen. Nur auf diesem Weg erschien es uns möglich, möglichst schnell eine weite Verbreitung der Informationen sicherzustellen.

Nach "Pop-Titan" Dieter Bohlen, der BILD ohnehin regelmäßig über seine Eskapaden exklusiv auf dem Laufenden hält und Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulf, der in dem Boulevardblatt das Ende seiner Ehe "offiziell" machte, hat jetzt also auch ein großes deutsches Wirtschaftsunternehmen die BILD-Zeitung als massentaugliches Sprachrohr entdeckt. Wohl auch deswegen, weil die Siemens-Öffentlichkeitsarbeiter durch die gezielte Weitergabe von Informationen und Kleinfeld-Statements an das Springer-Blatt weitere negative Schlagzeilen verhindern wollen.

Noch im September hatte BILD mit reißerischen Aufmachern und wütenden Kommentaren die gesamte Führungsriege des Konzerns in Grund und Boden geschrieben. Die schärfsten Attacken richteten sich dabei gegen den Vorstandsvorsitzenden Klaus Kleinfeld, der unter anderem als "gieriger Raffke-Manager" tituliert und in entsprechend ungünstiger Pose samt Zigarre auf dem Titel abgebildet wurde. Die hässlichen Bilder vom gierigen Manager Kleinfeld wurden bei BILD.de längst entfernt und auch in den Kommentaren gibt’s inzwischen sogar verbale Streicheleinheiten für den kurz zuvor noch so sehr gescholtenen Topmanager: "Mit seinem Verzicht auf die saftige Gehaltserhöhung und deutlichen Worten an die Adresse des ‚Geschäftsfreundes’ aus Asien hat der Siemens-Chef reinen Tisch gemacht", lobte Bild-Autor Quoos bereits in der Ausgabe vom 2. Oktober.

Der Aufstieg vom Saulus zum Paulus könnte für Kleinfeld allerdings dann abrupt enden, wenn Siemens die BILD-Leute nicht mehr mit exklusiven Informationen versorgen sollte. "BILD lockt auch immer wieder damit, dass die Reporter sagen: Wenn du uns das erzählst, wenn du uns die Geschichte erzählst, dann machen wir die Geschichte auch über dich, die du haben willst. Und nach meinen Erfahrungen ist das immer ein Trugschluss", warnte der BILDblog-Macher Stefan Niggemeier erst kürzlich im NDR-Medienmagazin "Zapp".

http://www.heise.de/tp/artikel/23/23683/1.html
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Aktive und passive Alien-Artefakte im Sonnensystem

SETA - Spurensuche nach dem extrasolaren Monolithen - Teil 2

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS