Börsenastrologie - Seriöse Analysemethode oder Unfug?

16.10.2006

Steht die Zukunft von Aktienkursen in den Sternen? Börsenastrologen behaupten dies, doch der Beweis dafür steht bisher noch aus.

Selbst mit mathematischen Formeln und wirtschaftlichem Know-how ist das Auf und Ab an der Börse nur schwer in den Griff zu bekommen. Wenn Fundamentaldatenanalyse und technische Analyse nicht so recht funktionieren, kann nach Ansicht mancher Aktionäre ein Horoskop kaum schlechter sein.

In den USA ist die Börsenastrologie besonders populär und kann dort eine lange Tradition vorweisen. Schon der legendäre Unternehmer und Bankier J. P. Morgan (1837-1913) konsultierte regelmäßig eine Astrologin und prägte den Spruch "Millionäre engagieren keine Astrologen, Milliardäre tun es." Auch heute noch lassen sich einige Börsianer in den USA von Sterndeutern beraten, die sich auf den Finanzsektor spezialisiert haben. Der größte Star dieses Gewerbes ist der seit über 20 Jahren aktive Börsenastrologe Arch Crawford. Der "bekannteste Astrologe der Wall Street" (Barron's Magazine) ist nicht nur ein viel beschäftigter Interview-Partner, sondern auch Herausgeber des Börsenbriefs "Crawford Perspectives", der für 250 Dollar pro Jahr einmal monatlich die neuesten börsenastrologischen Erkenntnisse verrät[1]. Zusätzlich betreibt Crawford für seine Anhänger eine kostenpflichtige Hotline. "Astrologie ist kein Wundermittel, um Börsengeschäfte zu kontrollieren", wird Crawford vom Handelsblatt zitiert, "aber es erhöht die Trefferquoten um ein Vielfaches."

Folgen Börsenkurse den Gesetzen des Tierkreises? Zweifel sind angebracht.

Im deutschsprachigen Raum ist die Börsenastrologie erst Ende der neunziger Jahre in den Blickpunkt gerückt, als zunächst die Deutsche Telekom und später die Technologiebörse Neuer Markt für einen Börsenboom sorgten. Dieser machte nicht nur immer mehr Menschen zu Kleinaktionären, sondern sorgte auch für eine steigende Nachfrage nach unkonventionellen Instrumenten zur Finanzanalyse.

Logische Verrenkungen sind unvermeidlich

Einige Probleme, mit denen es jeder Börsenastrologe zu tun hat, sind offensichtlich. So haben Unternehmen bekanntlich keinen Geburtstag, von einer noch genauer festgelegten Geburtszeit ganz zu schweigen. Doch die Finanzpropheten wissen sich zu helfen: Einige leiten das Firmen-Sternzeichen vom Eintrag in das Handelsregister ab, während andere lieber die Erstnotierung oder den ersten Handel an der Börse verwenden. Die letzteren beiden Optionen haben den Vorteil, dass sie sich auf die Minute genau festlegen lassen. Noch komplizierter wird die Sache, wenn man Fonds und Aktienindizes betrachtet. Interessant ist etwa die Frage, wie der DAX (Erstveröffentlichung am 1. Juli 1988) ein anderes Horoskop haben kann als die zahlreichen Aktienfonds, die ihn nachbilden. Und wie sich das Horoskop des HDAX, der den DAX, den MDAX und den TecDAX zusammenfasst, mit den Horoskopen seiner drei Teilindizes verträgt, ist ebenfalls schwer zu beantworten.

Doch selbst die größten logischen Schwächen zählen nicht, wenn eine Methode in der Praxis funktioniert. Ob dies bei der Börsenastrologie der Fall ist, scheint auf den ersten Blick einfach überprüfbar zu sein, denn schließlich sind Börsenkurse und Anlagevermögen so exakt wie unbestechlich. Bei genauerem Hinsehen wird die Sache jedoch komplizierter. Einzelne Erfolge kann schließlich jeder Börsianer vorweisen, während Misserfolge gerne unter den Teppich gekehrt werden. Außerdem ist nicht jeder Kursgewinn an der Börse automatisch ein Erfolg. Jede Bank bietet schließlich Geldanlageprodukte an, die ohne größeres Risiko einen jährlichen Zinssatz von um die fünf Prozent bieten. Ein Aktienkauf kann daher nur als erfolgreich gelten, wenn der Kurs pro Jahr um ein paar Prozentpunkte stärker steigt.

Darüber hinaus spielen an der Börse langfristige Trends stets eine wichtige Rolle. Deshalb hat der bekannteste deutsche Börsenastrologe Uwe Kraus definitiv Unrecht, wenn er sagt: "Wenn beispielsweise DAX-Prognosen auf Grund des DAX-Horoskops in über 50 Prozent der Fälle richtig sind, und zwar immer wieder, dann ist das schon ein markanter Hinweis, dass es sinnvoll ist, Astrologie einzusetzen."[2] Was Kraus übersieht: Der DAX startete 1988 bei 1.163 Punkten und erreichte im März 2000 sein Allzeithoch bei 8.136 Punkten. Wer in dieser Zeit stets auf einen steigenden Wert setzte, konnte zwangsläufig viele Treffer verbuchen. Da der DAX in den folgenden fünf Jahren über die Hälfte seines Werts verlor, hatten in dieser Zeit die Börsenpessimisten meistens Recht. Natürlich heißt dies nicht, dass ein Anstieg oder Fall des DAX leicht vorherzusagen wäre, denn schließlich kennt niemand im Voraus den langfristigen Trend. Die Gesetze der Börse bringen es jedoch mit sich, dass man mit etwas Glück und Sachkenntnis eine Erfolgsquote von deutlich über 50 Prozent erreichen kann.

Erfolgsgeschichten als "Beweis"

Nach diesen Vorüberlegungen dürfte eigentlich klar sein, dass einzelne Erfolgsmeldungen aus der Börsenastrologie keine Beweise für deren Funktionieren sind. Natürlich hindert das die Zunft der Finanzmarkt-Sterndeuter nicht daran, auf eine Vielzahl korrekter Prognosen hinzuweisen, ohne systematische Auswertungen vorzulegen (nichtastrologische Börsenfachleute tun dies allerdings auch). So empfahl der besagte Arch Crawford 1987 den Verkauf aller Aktien, bevor sieben Wochen später der berüchtigte Schwarze Montag seinen Lauf nahm. Darüber hinaus ernannte das angesehene "Hulbert Financial Digest" die Crawford Perspectives zum erfolgreichsten Börsenbrief der ersten Hälfte der neunziger Jahre.

Doch genau so einfach wie einige scheinbar verblüffende Treffer lassen sich in den Vorhersagen Crawfords auch peinliche Flops finden. So sah der Star-Astrologe 1998 einen Einbruch des Dow Jones Index voraus, der sich damals bei 9.400 Punkten bewegte. 50 Prozent Wertverlust standen laut Crawford bevor. Einen so starken Rückgang gab es jedoch in den folgenden sieben Jahren nicht - wohl aber hat der weltweit wichtigste Aktienindex die 12.000-Punkte-Marke zwischenzeitlich überschritten.

Um allzu offensichtliche Fehlprognosen zu vermeiden, arbeiten offensichtlich auch Börsenastrologen mit den von Wahrsagern bekannten Tricks. Einer davon lautet: klare Aussagen vermeiden, dafür Allgemeinplätze verwenden und Interpretationsspielraum lassen. So orakelte beispielsweise der deutsche Finanz-Sternseher Hannes Bongard gegenüber der Wirtschaftswoche zur Aktie der Deutschen Telekom: "Der Mond in den Fischen steht in einem Spannungsaspekt zur Sonne im Skorpion" und sah darin "Störungen zwischen der Firma und der Öffentlichkeit" heranziehen[3]. Für ein allgegenwärtiges Unternehmen wie die Deutsche Telekom sicherlich keine gewagte Prognose. So fiel auch der Wirtschaftswoche auf: "Im Allgemeinen erinnern die Vorhersagen der Sterndeuter eher an die dunklen Prognosen des Nostradamus."

Da derartige Erfolgs- und Misserfolgssammlungen nicht ausreichen, um die wahren Fähigkeiten von Börsenastrologen bewerten zu können, helfen nur systematische Untersuchungen. Michael Kunkel, Betreiber der Web-Seite www.wahrsagercheck.de, unternahm eine solche, indem er die Künste des Börsenastrologen Karsten Ferdinand Krönke unter die Lupe nahm[4]. Krönke berichtete auf seiner Web-Seite unter anderem von 54 Prognosen aus den Jahren 2001 und 2002, die jeweils ein Steigen oder Fallen des DAX vorhersagten. 45 (also über 80 Prozent) der Prophezeiungen sollen laut Krönke zugetroffen haben. Michael Kunkel sah jedoch genauer nach und stellte fest, dass sich der Börsenastrologe nie auf einen bestimmten Börsentag festgelegt, sondern bei einem falschen Tipp immer noch den darauf folgenden Tag dazu genommen hatte. Unter dieser Voraussetzung hätte man Krönkes Erfolgsquote auch erreicht, wenn man an jedem Tag auf einen fallenden DAX gesetzt hätte.

Ebenfalls als heiße Luft entpuppten sich die weiteren scheinbaren Erfolge Krönkes. Mit nicht weniger als 92 Prozent seiner Prognosen lag er richtig, als es um die Vorhersage von Dow Jones und DAX zwischen Februar 2002 und Juli 2003 ging. Grund für dieses Ergebnis war jedoch weniger die Macht der Sterne als die Macht der Zahlenakrobatik. Wie Kunkel zeigte, hatte Krönke seine Vorhersagen stets so allgemein formuliert, dass man auch durch Würfeln auf etwa 92 Prozent Trefferquote gekommen wäre. Das Fazit des Wahrsagercheckers fiel daher eindeutig aus: "Ob man überhaupt durch astrologische Analysen Börsenbewegungen voraussagen kann oder nicht - darüber mag es verschiedene Meinungen geben - Herrn Krönkes Fähigkeiten auf diesem Gebiet sind aber schlichtweg nicht vorhanden!!"

Doch selbst wenn Börsenastrologen bei einer methodisch exakt durchgeführten Untersuchung besser als der Zufall abschneiden sollten, ist dies noch kein Beweis dafür, dass die Zukunft der Aktien in den Sternen steht. Es lässt sich nämlich nicht ohne weiteres entscheiden, ob es das astrologische Wissen ist, das den Ausschlag für den Erfolg gibt. Dass dieser Einwand von Belang ist, zeigt sich beispielsweise daran, dass der US-Börsen-Starastrologe Arch Crawford ein ausgefuchster Kenner der Wall Street mit mehreren Jahrzehnten Erfahrung ist, der zugibt, neben der Astrologie auch klassische Prognoseverfahren einzusetzen. Seine Vorhersagen widersprechen denen der etablierten Börsenexperten daher nur selten. Auch Crawfords deutsches Pendant Uwe Kraus bestätigt: "Jemand der rein von der Astrologie ausgeht, aber keinen Wirtschafts- oder Börsenhintergrund hat, wird vermutlich nur unterdurchschnittliche Prognosen abliefern." Was also Astrologie ist und was Fachwissen, lässt sich letztendlich schlecht sagen.

Da sich der etwaige Erfolg der Börsenastrologie auf die beschriebene Weise schlecht messen lässt, sollte man die Sache vielleicht anders angehen. Es wäre interessant, die Frage zu klären, ob sich zwischen Sternenkonstellation und Börsenkursen irgendwelche Korrelationen nachweisen lassen. Dieser nahe liegende Ansatz für eine wissenschaftliche Studie ist nach Wissen des Autors bisher noch nicht in die Praxis umgesetzt worden. Wie es scheint, halten die meisten Finanzexperten - verständlicherweise - nicht viel von der Börsenastrologie und haben daher kein Interesse an einer solchen Arbeit.

Welche Schlüsse kann man also ziehen, wenn man die Börsenastrologie auf den Prüfstand stellt? Natürlich lässt sich nicht widerlegen, dass an der Sache etwas dran ist. Dies ist nach den Regeln des kritischen Denkens allerdings auch nicht möglich, da man das generelle Nichtfunktionieren einer Methode nicht beweisen kann. Die Beweislast liegt daher bei den Befürwortern der finanzorientierten Sternendeuterei. Und diese sind bisher weit davon entfernt, überzeugende Erfolge vermelden zu können.

Zudem spricht eine Menge gegen die Börsenastrologie. So etwa die Tatsache, dass sich zwischen einem Börsenkurs und den Sternen noch weniger eine Wechselwirkung erklären lässt als dies beim Menschen der Fall ist. Dazu kommt, dass die Börsenastrologie durch die erwähnten Beispiele (Index mit Teilindizes) fast schon per Definition widersprüchlich ist. Ein großes Maß an Skepsis ist also angebracht. Dies gilt zumindest so lange, bis es entgegen allen Einwänden gegenteilige Erkenntnisse gibt.

Der Artikel wurde dem gerade erschienenen Buch des Autors entnommen: Klaus Schmeh: Planeten und Propheten. Ein kritischer Blick auf Astrologie und Wahrsagerei. Alibri Verlag. 170 Seiten mit zahlreichen Bildern und Cartoons. 14,00 Euro.

Klaus Schmeh ist Informatiker und nebenberuflicher Journalist. Er ist Mitglied der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) sowie deren Regionalgruppe Rhein-Ruhr. Seine persönliche Homepage: www.schmeh.org.

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