Die Maschine lieben

Über die Ausstellung "Enter!" im Tübinger Stadtmuseum

Es ist nur ein einziger Saal, und er ist nicht einmal allzu groß. Aber das Tübinger Stadtmuseum zeigt derzeit, wie man am richtigen Ort mit den richtigen Exponaten eine spannende Ausstellung zur Computergeschichte machen kann, auch wenn Platz und Mittel beschränkt sind.

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Tübingen? Wieso Tübingen? Die verschlafene kleine Universitätsstadt in Schwaben mag eine Menge Vorzüge aufweisen und vor Gelehrsamkeit nur so bersten, aber mit der Datenverarbeitung und ihrer Geschichte bringt man Tübingen allgemein nicht in Verbindung. Warum hier? Darum: Es hat doch einmal ein Computerpionier hier gelebt und gebastelt, allerdings ein sehr früher. Wilhelm Schickard baute in Tübingen um 1620 die erste Rechenmaschine der Welt.

Schickard Rechenmaschine

Nun ist das ja so eine Sache mit den Welterstleistungen. Jedes Land hat eine andere Meinung dazu, Nationalstolz und Lokalpatriotismus machen ja nicht nur die Politik blöde, sondern auch die Wissenschaft. Aber an der Leistung Schickards ist nicht zu rütteln, auch wenn seine Maschine zu seinen Lebzeiten nur zweimal gebaut wurde und beide Originalexemplare verloren sind. In der Ausstellung ist ein voll funktionstüchtiger Nachbau zu sehen, der von Bruno Baron von Freytag-Löringhoff stammt. Keine Frage, der Mann und seine Erfindung wären allein gut für eine ausgedehnte Präsentation, aber das Stadtmuseum wollte das "Persönliche im Computer" beleuchten, und in diesem Zusammenhang ist Schickard Prähistorie. Der Weg zum 20 und 21. Jhdt. ist in dieser Ausstellung vielleicht fünf Meter lang, er führt über die Maschine von Philipp Matthäus Hahn und andere frühe Beispiele schnell zu den ausgereiftesten mechanischen Rechenmaschinen, die bis zur Einführung der EDV die Kontore und Büros beherrschten. Eins der schönsten Ausstellungsstücke, das wahrscheinlich von vielen Besuchern übersehen werden wird, findet sich in diesem Bereich: eine Curta.

Die in Tübingen ausgestellte Curta (vorn), dahinter der Transportbehälter

Sie ist nicht nur die kleinste mechanische Vierspezies-Rechenmaschine der Welt (das heißt, dass sie alle vier Grundrechenarten beherrscht), sondern sie hat auch eine hochinteressante Geschichte. Sie wurde im KZ Buchenwald entwickelt, von Curt Herzstark, einem österreichischen Juden, der dort als "Intelligenz-Sklave" der SS gefangen gehalten wurde. Herzstark überlebte die Haft und konnte die Maschine zur Serienreife bringen, von 1948 bis 1970 baute die Liechtensteinische Contina AG zwei Modelle in fast hunderttausend Exemplaren. Gut erhaltene Curtas wechseln heute bei Internet-Auktionen für stattliche Preise den Besitzer, die Maschine spielt auch eine Rolle in William Gibsons Roman "Pattern Recognition".

Dass Babbage und Lovelace nicht erwähnt werden, ist insofern folgerichtig, als ihre Giganten klassische Großrechner im Besitz von Institutionen und Firmen gewesen wären, hätten sie sie je zu Ende gebaut. Es geht ja in dieser Ausstellung um das Persönliche im Computer. Wenn damit sowohl das gemeint ist, was uns an persönlicher Geschichte im Umgang mit Computern zuwächst, als auch das, was wir an Persönlichem in die Maschine projizieren, dann findet man es hier reichlich. Bei meinem Rundgang treffe ich zwei ältere Herren, die sich über das ausgestellte Exemplar des Altair 8800 beugen (der erste in Massenproduktion hergestellte "PC"überhaupt).

Die Innereien des in Tübingen zu sehenden Altair 8800

Sie diskutieren über die Frage, ob das Gerät in seinem Originalzustand von 1975 sein kann. Es stellt sich heraus, dass die beiden das "Haus zur Geschichte der IBM-Datenverarbeitung" in Sindelfingen mitbetreiben - einige der Tübinger Exponate stammen von dort - und ihre persönliche Beziehung zu den Maschinen wird in allem deutlich, was sie über ihr eigenes Museum, über die Tübinger Exponate und über sich selbst sagen. Zur Historisierung der Computer-Revolution gehört auch, dass man mehr und mehr auf Menschen treffen wird, die sowohl ihre ganze berufliche Laufbahn als auch einen beträchtlichen Teil ihrer Freizeit mit Computern verbracht haben, und als Pensionäre immer noch dabei sind - ein einfacher, demographisch mitbestimmter Alterungsprozess wird das Bild vom durchschnittlichen Computernutzer altern lassen.

Gealtert sind auch viele der Maschinen, die in Tübingen zu sehen sind. Nicht nur der Altair erregt heute nur noch Mitleid (was sich durchaus auf seine damaligen Benutzer erstrecken kann), auch Geräte wie der TRS-80, und der "tragbare" Osborne 1 mit seinem winzigen Bildschirm und seinem enormen Gewicht wirken heute wie seltsam klobiges Spielzeug. Daran ändert auch nichts, dass die modernsten Maschinen, die sich in der Ausstellung finden, bald auch so wirken werden - das Gelächter der Zukunft hindert die Gegenwart ja nicht am Kopfschütteln.

Viele wichtige Hardware-Beispiele sind in Tübingen auf engem Raum versammelt. Die heute noch maßgeblichen "Parteien" in der PC-Welt, Microsoft und Apple, werden breit präsentiert, die Entwicklung hin zu mehr Mobilität und zur Allgegenwart von Computern wird angedeutet. Die Informationen sind für das generelle Publikum aufbereitet, der exzellente Katalog - eher ein kleines Handbuch zur Geschichte der persönlichen Datenverarbeitung - bietet mehr Hintergrundwissen für Besucher, die mit der Materie schon vertraut sind. Das Begleitprogramm mit verschiedenen Veranstaltungen verankert die Ausstellung im lokalen Terminkalender. So soll es sein. Nur an wenigen Stellen schmerzen die Platz- und Ressourcenbeschränkungen dann doch. Die Apple Lisa

wirkt ein wenig wie weggesteckt in ihrem Regalfach, und man hätte sie gerne einmal in Aktion gesehen. Was übrigens auch für den vorhandenen Next-Cube, einen frühen portablen HP-Rechner mit Touchscreen und andere gezeigte Rechner gilt. Die politische Dimension der Computerentwicklung ist auf ein Minimum zurückgefahren. Dass die Z3 von Konrad Zuse, die natürlich in Ausstellung und Katalog erwähnt wird, im Nationalsozialismus nur mit Unterstützung der "Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt" gebaut werden konnte und dass ihre Entwicklung insgesamt eng mit der Kriegsmaschinerie der Nazis verwoben ist, sollte schon erwähnt werden. Es schmälert die Leistung von Zuse um nichts, bettet sie aber in ihr historisches Umfeld ein. Ansonsten kann man von der Ausstellung sagen, dass sie kein Grund ist, von weither nach Tübingen zu kommen, aber ein guter Grund, ins Tübinger Stadtmuseum zu gehen, wenn man sich schon einmal in der Nähe aufhält. Für alle, die im Computer etwas Persönliches sehen.

"Enter! - Das Persönliche im Computer", 23.9. - 26.11.07, Stadtmuseum Tübingen

"Enter! - Das Persönliche im Computer", Herausgegeben vom Kulturamt der Universitätsstadt Tübingen, Tübinger Kataloge Nr. 75, Redaktion: Wilfried Setzler, Udo Rauch und Karlheinz Wiegmann, ISBN 3-910090-71-0, ab 1.1.2007 ISBN 978-3-910090-71-2, 128 Seiten, zahlr. farbige Abbildungen, 14,80 Euro

http://www.heise.de/tp/artikel/23/23751/1.html
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