Von der Eugenik zum Rassenmord

Peter Nowak 13.10.2006

Eine Ausstellung im Dresdner Hygienemuseum versucht sich auch der eigenen Geschichte zu stellen, stößt aber bei Betroffenenverbänden auf Kritik

Gleich am Beginn der Ausstellung steht überlebensgroß ein Mensch ganz aus Glas. Ein besseres Symbol hätten die Macher der Ausstellung "Tödliche Medizin" nicht finden können. Sie wurde vom Holocaust Memorial Museums Washington konzipiert und ist seit vergangenem Mittwoch bis zum 24. Juni 2007 im Dresdner Hygienemuseum zu sehen. Schließlich ist dieser gläserne Mensch 1935 auf einer Gesundheitsausstellung des Deutschen Hygienemuseums unter Anwesenheit von NS-Prominenz erstmals gezeigt werden.

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Doch der völlig durchsichtige Mensch, dem seine letzten auch privaten Geheimnisse genommen sind, war das Ziel all der Bevölkerungspolitiker und Eugeniker, die seit Beginn des 19. Jahrhunderts in Deutschland zunehmend an Einfluss in der gesellschaftlichen Debatte gewannen. Die Geschichte des 1912 gegründeten Museums ist selbst eng mit dieser Bewegung verbunden. Damals ging es scheinbar um lebensreformerische Ziele, um gesunde Ernährung und um saubere und helle Wohnungen. Doch gleich im "Wissenschaft als Erlösung" betitelten ersten Teil der Ausstellung wird deutlich, wie kurz der Weg von der Eugenik zur Ausmerze war.

Am Eingang wird der Besucher mit einem Zitat der damals führenden Eugeniker Karl Binding und Alfred Hoche von 1920 konfrontiert. Noch unter dem Eindruck des 1. Weltkriegs schrieben sie:

Denkt man sich gleichzeitig ein Schlachtfeld bedeckt mit Tausenden toter Jugend und stellt man in Gedanken unsere Idioteninstitute mit ihrer Sorgfalt für ihre lebenden Insassen daneben und man ist auf das tiefste erschüttert von der Opferung des teuersten Gutes der Menschheit im größten Maßstabe auf der einen und der größten Pflege nicht nur absolut wertloser, sondern negativ zu wertender Existenzen auf der anderen Seite.

Das klingt wie eine Vorwegnahme der nationalsozialistischen Rassenhygiene, die im Hauptteil der Ausstellung unter der Überschrift "Der biologische Staat" in ihren verschiedenen Facetten dargestellt wird. NS-Propagandaminister Joseph Goebbels hat ihre Ziele auf einer Parteiveranstaltung von 1938 knapp zusammengefasst: "Wir müssen ein gesundes Volk besitzen, um uns in dieser Welt durchsetzen zu können". In Schulbüchern und auf Propagandaplakaten war der blonde, starke Deutsche im Kampf mit Menschen zu sehen, die schon von Binding und Hoche als "negativ zu wertende Existenzen" abgestempelt wurden.

Größter Arzt des Volkes

Schon im Juli 1933 wurden die ersten Gesetze und Verordnungen "zur Verhütung erbkranken Nachwuchses erlassen, die von Bevölkerungspolitikern in aller Welt begrüßt worden. Stellvertretend wird in der Ausstellung der US-amerikanische Eugeniker Leon Whitney zitiert: "Viele weitblickende Männer und Frauen in England und Amerika arbeiten seit langem zielstrebig auf eine ähnliche Verordnung hin, wie sie jetzt von Hitler erlassen wurde. Währenddessen wurde Hitler von der NS-Propaganda als "größter Arzt des Volkes" gefeiert, abgelichtet mit einem blonden deutschen Mädchen auf einer blühenden Wiese.

Ein Gang der Ausstellung in Dresden führt in einem dezent beleuchteten, gekachelten Raum, einer Nachbildung jener Räume, wo nach 1939 die "tödliche Rassenhygiene praktiziert wurde. In ca. dreißig speziellen Kinderfachabteilungen von Kliniken und Krankenhäusern wurden zwischen 1933 und 1945 mehr als 5000 Menschen ermordet. Orte, die eigentlich mit der Heilung von Krankheiten und dem Erhalt des Lebens verbunden werden, wurden Orten von medizinischen Massenmorden.

Die Ausstellung stellt unter der Oberüberschrift "Endlösungen" die Mordaktionen an sogenannten Kranken und Behinderungen und die Massenvergasung an den europäischen Juden in einem Zusammenhang. Die Shoah wird als "Höhepunkt der nationalsozialistischen Rassenhygieneprogramme" bezeichnet. Personal, das an den Mordaktionen gegen sogenannte Behinderte beteiligt war, wurde auch bei den Massenmordaktionen gegen Juden in Osteuropa eingesetzt. Mit der Ausleuchtung dieses Kontextes leisen die Ausstellungsmacher Pionierarbeit.

Weißer Fleck nach 1945

Der letzte kleinere Teil der Ausstellung befasst sich mit den Nachkriegsbiographien führender Eugeniker und Mediziner, die ihre Karriere lange vor 1933 begonnen hatten, aber erst im NS-Regime zu Herren über Leben und Tod wurden. Zwei wurden in der damals sowjetisch besetzten Zone hingerichtet, zwei sind geflohen und acht machten teilweise prominente Karrieren in Westdeutschland.

Mit den exemplarisch herausgegriffenen Lebensläufen wird ein Kräfteverhältnis deutlich. Die große Mehrheit setzte mit einer kleinen Unterbrechung nach 1945 ihre Arbeiten nahtlos fort und bestimmte natürlich auch die gesellschaftliche und politische Debatte in der Nachkriegszeit. Hier setzt die Kritik von Betroffenenverbänden ein, die dem Hygiene-Museum auf einer Kundgebung zur Ausstellungseröffnung Geschichtsklitterung vorwarfen.

Die International Associaton Against Psychiatric Assault, in der unter anderem die Bundesarbeitsgemeinschaft Psychiatrie-Erfahrener und die Irrenoffensive mitarbeiten, bemängelt vor allem, dass die Hungermorde in der Psychiatrie in den Jahren 1945 – 1949 in der Ausstellung keine Erwähnung finden. Dabei berufen sich die Betroffenverbände auf wissenschaftliche Forschungen unter anderem von Ernst Klee und Werner Faulstich, der sich besonders mit den Hungermorden in der Psychiatrie der unmittelbaren Nachkriegszeit auseinander setzte.

Der Direktor des Hygienemuseum Klaus Vogel ging auf der Pressekonferenz zur Eröffnung der Ausstellung nur kurz auf die Proteste ein. Es handele sich um eine andere Zeitspanne, da die Ausstellung eben 1945 mit dem Ende der NS-Herrschaft ende. "Hier wird doch so getan, als wären danach alle braunen Männchen verschwunden", meinte der Sprecher der Psychiatrie-Erfahrenen Rene Talbot. Vogels Argument, dass man die Ausstellung so zeige, wie sie vom Holocaust Memorial Museums Washington konzipiert wurde, wollte er nicht gelten lassen. Gerade im Land der Täter müsse man auf einer exakte geschichtliche Aufarbeitung bestehen.

Talbot erklärte mit dem Verweis auf die Titeländerung, dass sehr wohl Änderungen vorgenommen wurde. Während die Ausstellung in den USA "Creating the Mater Race" hieß, hat man sich in Dresden für den aus Sicht der Betroffenen skandalösen Titel "Rassenwahn im Nationalsozialismus" geeinigt. Damit werde die tödliche Rassenpolitik einfach zu einer Krankheit erklärt. Außerdem würden so Täter und Opfer auf eine Stufe gestellt, befürchtet Talbot: "Die für wahnsinnig Erklärten wären so die ersten Opfer eines Rassenwahns geworden."

Die Kritiker betonten allerdings, dass sie nicht die Absicht haben, die Ausstellung zu boykottieren. Es ginge ihnen um notwendige Ergänzungen und dem Hinweis auf blinde Flecken sowie um den Verweis auf die Gegenwart. Dazu wird es sicher in den kommenden Monaten noch kommen. Parallel zur Ausstellung wird ein ambitioniertes Begleitprogramm mit Veranstaltungen und Kongressen angeboten. Dort werden sich die Kritiker sicher zu Wort melden.

Die Ausstellung wird noch nicht zu Ende sein, wenn sich in Dresden die World Psychiatric Association vom 6. – 8. Juni 2007 zu einem internationalen Kongress zum Thema Zwangsbehandlung in der Psychiatrie trifft. Die Psychiatriekritiker haben schon Proteste angekündigt.

http://www.heise.de/tp/artikel/23/23754/1.html
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