Ökonomie trifft Ökologie

Craig Morris 02.11.2006

Ein Gespräch mit Vijay Vaitheeswaran, Energieexperte bei der britischen Zeitschrift "The Economist" und Autor von "Power to the People", über die notwendige Orientierung der Energiepolitik

In seinen Artikeln für den Economist sowie in seinem Buch Power to the People ruft Vijay Vaitheeswaran nach mehr dezentraler Energieerzeugung und mehr Lastmanagement, erklärt seinen Landsleuten in den USA, weshalb der Klimawandel nicht mehr umstritten ist, und setzte sich für eine richtige Preispolitik für fossile Energieträger, die externe Kosten berücksichtigt und Subventionen für erneuerbare Energien überflüssig macht. Craig Morris sprach mit Vijay Vaitheeswaran für Telepolis beim Malente Symposium Energy, Climate and Future Welfare - Changing Global Dynamics der Dräger Stiftung.

  • mobil
  • drucken
  • versenden
  • english version

Herr Vaitheeswaran, Sie setzen sich dafür ein, dass die externe Kosten bei der Nutzung fossiler Energieträger mit in die Preispolitik einfließen. Das heißt nichts anderes, als dass diese Energieträger teurer sein sollten. Deutschland hat eine Ökosteuer, und Europa hatte generell höhere Energiepreise als die USA. Wie wollen Sie diese Idee in Amerika verkaufen? Gestern Abend hat John Deutch in seiner Eröffnungsrede so ziemlich gegen alles gewettert, was zu höheren Preisen führen würde. Wie überzeugt man die Amerikaner, dass marktwirtschaftliche Mechanismen besser sind als Subventionen?

Vijay Vaitheeswaran: Das Wort "Steuer" gilt in vielen Kreisen als politischer Selbstmord. Zum Glück ändert sich aber der öffentliche Diskurs. Mittlerweile hört man eine Reihe von Stimmen, die sich für die ökologische Steuerreform und ähnliche Maßnahmen einsetzen - beispielsweise Thomas Friedman von der New York Times oder die Zeitschriften Forbes und Fortune. Senator Richard Lugar, der einflussreiche Vorsitzende des Foreign Relations Committee, möchte das Land auch von seiner Ölabhängigkeit retten. Die verschiedenen Gruppierungen haben verschiedene Beweggründe. Wenn man also die Amerikaner dazu kriegen will, eine ökologische Steuerreform einzuführen, muss man Allianzen eingehen.

Die Allianz, die für diesen Zweck zusammenkommt, ist eine eigenartige Verbindung von rechts und links. Die Leute aus der Sicherheitsbranche wie John Deutch machen sich Sorgen über die Auswirkungen von Ölimporten, während die traditionellen Linken von der globalen Erderwärmung reden. Hinzukommen neuerdings kirchliche Führer, die Gottes Schöpfung schützen wollen. Sie stellen ein einflussreiches Segment innerhalb der republikanischen Partei dar. Wenn man denn nun einen Blick auf die verschiedenen Bundesstaaten und die kleineren Ebenen darunter wirft, wo heute das meiste passiert, sieht man, dass es republikanische Gouverneure sind (Kalifornien, New York, Massachusetts), die Regulierungsmaßnahmen gegen den Klimawandel einführen.

Unterm Strich ist es vielleicht nicht so wichtig, dass sie von der Regulierung zur Ökosteuer wechseln, wie ich es gerne hätte. Wichtiger ist, dass die USA richtig loslegen. Die Bush-Regierung kämpft vor dem Verfassungsgericht dagegen, dass Kohlendioxidemissionen als schädlich eingestuft werden, damit sie nicht reguliert werden müssen.

Vijay Vaitheeswaran

Weil Kohlendioxid - abgesehen vom Klimawechsel - keine schädlichen Auswirkungen hat; schließlich atmen wir es ständig ein.

Vijay Vaitheeswaran: Zugegeben: Sie liegen nicht ganz falsch, aber das konzeptionelle Problem ist, dass die US-Regierung nicht zu geben will, dass Kohlendioxidemissionen problematisch sind. Sie wollen nichts dagegen unternehmen. Der Kongress sieht die Sache jedoch anders, und dort findet der Ruf nach Veränderung seitens der einfachen Bürger Gehör. Senator Lugar hat sich öffentlich für eine höhere Steuer auf Öl eingesetzt. Al Gore hat dies bereits 1993 unter Clinton gefordert, aber damals hat der noch mehrheitlich demokratische Kongress seine Initiative geblockt. Seitdem hat man die Wörter "Steuer" und "Energie" nicht mehr in einem Atemzug erwähnt.

Vor vier Monaten berichtete die New York Times über eine Umfrage, in der die Amerikaner befragt wurden, ob sie eine höhere Besteuerung von Benzin begrüßen würden. 80 Prozent sagten Nein. Aber es gab eine Folgefrage: "Würden Sie sie begrüßen, wenn damit weniger Ölimporte nötig wären?" 50 Prozent sagten Ja. "Würden Sie sie begrüßen, wenn damit dem Klimawandel entgegengewirkt würde?" Mehr als 50 Prozent sagten Ja. Wenn man also diese Folgefragen stellt, hat diese Politik Chancen.

Deutschland ist kein gutes Beispiel

Hier muss ich mit Ihnen ein Hühnchen rupfen. Wie Sie erwähnt haben, redet Al Gore von einer aufkommensneutralen Steuer auf Kohlenstoffemissionen - die Einnahmen würden dazu verwendet, die Lohnnebenkosten zu senken. Deutschland macht genau das seit Jahren mit seiner Ökosteuer. Dieser Einsatz ist sehr marktorientiert, schließlich vergibt der Verband hinter der Ökosteuer - der Förderverein Ökologische Steuerreform (FÖS) - jedes Jahr einen Adam-Smith-Preis. Die Verbindung zwischen marktwirtschaftlichen Mechanismen und Umweltschutz ist nichts Neues in Deutschland.

Vijay Vaitheeswaran: In manchen Hinsichten stimmt das, aber Deutschland hat auch unglaublich wettbewerbsverzerrende Regeln in anderen Bereichen. Momentan hat die deutsche Regierung bestimmt, dass Solar gewinnt. Warum sollte die Solarenergie derartige Subventionen bekommen?

Die Regierung hat sich mit der Industrie an einen Tisch gesetzt und den Preis einer Kilowattstunde Fotovoltaik ermittelt, und dann haben sie ein Ziel gesetzt.

Vijay Vaitheeswaran: Das ist Stalinismus, nicht Marktwirtschaft.

Trotzdem ist es eine Tatsache, dass heute eine Kilowattstunde PV rund 40 Cent in Deutschland kostet. Die Bundesregierung bietet der Industrie ein Zeitfenster von rund 15 Jahren, um diese Kosten beinahe zu halbieren.

Vijay Vaitheeswaran: Welches Hühnchen wollten Sie mit mir rupfen?

Sie erwähnen alles, was wichtig ist - die ökologische Steuerreform, die dezentrale Energieversorgung usw. -, und Sie betonen sogar, dass die Liberalisierung der Energiemärkte notwendig ist, um den Wandel zu einer nachhaltigen Energieversorgung zu forcieren. Wir beide sind einsame Kämpfer heutzutage als Amerikaner, die den freien Wettbewerb auf dem Stromsektor immer noch befürworten, nachdem diese Versuche in manchen Teilen der USA so kläglich gescheitert sind. Deshalb glaube ich, dass der Erfolg in Deutschland umso wichtiger ist. Der freie Markt hat den erneuerbaren Energien in Deutschland enorm geholfen. Das Hühnchen ist also folgendes: Warum erwähnen Sie in Ihrem Buch keine Länder mit Namen, in denen die Liberalisierung der Strommärkte zu einem solchen Wandel geführt hat? Wäre es nicht gut gewesen, konkrete Beispiele zu nennen?

Vijay Vaitheeswaran: Sie kritisieren also nicht, was ich schrieb, sondern was ich ausließ? Kein Problem, ich bekenne mich schuldig. Wenn mein Buch 400 Seiten lang wäre, wäre es besser. Und weniger Menschen würden es lesen. Ich schrieb für den Ottonormalleser, der noch nie ein Buch über Energie in die Hand genommen hat.

Ob Deutschland das beste Beispiel ist, steht auf einem anderen Blatt. Ich erwähne namentlich die Länder Großbritannien und Kalifornien (lacht), jedoch nicht aus der wissenschaftlichen Perspektive, sondern wie sie in der Öffentlichkeit verstanden werden. Wenn ich eine Artikelserie für den Economist schreiben würde, würde ich auf eine Reihe von Ländern eingehen. Neuseeland wäre interessant. Indien ist ein abschreckendes Beispiel für Reformen auf dem Strommarkt: Wie man es nicht macht und was noch nicht gemacht worden ist. Sie haben also vollkommen Recht, aber das wäre ein anderes Buch.

Sicher, aber lassen Sie uns kurz auf Deutschland zurückkommen. Warum glauben Sie das Deutschland kein gutes Beispiel dafür ist, wie man es machen muss? Schließlich benutzt das Land Marktmechanismen, um seine Energieversorgung neu zu gestalten, und dieser Ansatz hat Deutschland zum Weltmarktführer in der Solar- und Windenergie gemacht.

Vijay Vaitheeswaran: Wenn wir vom Transportsektor mal absehen und uns nur auf die Stromversorgung konzentrieren, dann gibt es durchaus begrüßenswerte Tendenzen, aber auch Kritikwürdiges. Deutschland ist aber keineswegs ein gutes Beispiel dafür, wie man es machen soll. Begrüßenswerte ist beispielsweise die schnelle Liberalisierung des Strommarktes. Es gibt einen echten Wettbewerb um die Kunden. Frankreich hat viel zu lange dafür gebraucht und musste von der EU-Kommission zu diesem Schritt gezwungen werden, und Italien hat es bis heute nicht geschafft. Auf der anderen Seite, wenn man bedenkt, wie stark die Kohleindustrie noch subventioniert wird...

Was allerdings auch in Deutschland stark kritisiert wird...

Vijay Vaitheeswaran: ... ... und dann beschließt die Regierung, die Erneuerbaren Energien genauso zu subventionieren, ist das nur eine Farce. Es darf keinen Kalten Krieg um Energiesubventionen geben. Das wäre einem marktwirtschaftlichen Ansatz abträglich. Man sollte überhaupt keine Subventionen haben, sondern Marktmechanismen, um die externen Kosten zu berücksichtigen.

Richtig, und das sagt mehr oder weniger jeder im Sektor der Erneuerbaren in Deutschland. Kurz vor den Bundestagswahlen 2005 hat der Chef der SolarWorld AG gemeint, er würde lebend gerne den Wettbewerb mit anderen Energieträgern aufnehmen, wenn in diese auch keine Subventionen bekommen würden.

Vijay Vaitheeswaran: Das sehe ich genauso.

Wasserstoff und Brennstoffzellen

Ich habe ein weiteres Hühnchen mit dir zu rupfen, wenn es um die Brennstoffzellen geht. Meiner Meinung nach machen Sie keinen klaren Unterschied zwischen den verschiedenen Typen. Sie schreiben doch so, als würden alle Brennstoffzellen mit Wasserstoff laufen, nicht nur die PEM-Brennstoffzellen, die man in Autos benutzt. Wenn ich als Laie Ihr Buch gelesen hätte, hätte ich nicht verstanden, dass manche Brennstoffzellen nicht mit Wasserstoff laufen.

Vijay Vaitheeswaran: Nennen Sie mir ein Beispiel von einer Brennstoffzelle, die nicht mit Wasserstoff läuft.

Die Hochtemperaturbrennstoffzellen: die SOFC und MCFC.

Vijay Vaitheeswaran: Die nutzen auch Wasserstoff. Sie verwenden einfach andere Substanzen zusammen mit dem Wasserstoff.

Aber der Treibstoff ist doch nicht Wasserstoff. Die MCFC können sogar nicht einmal mit reinem Wasserstoff laufen.

Vijay Vaitheeswaran: Direktmethanol-Brennstoffzellen können es auch nicht.

Mir geht es um die Wasserstoffversorgung. Wenn wir Synthesegas - das CO enthält, was den Betrieb einer PEM-Brennstoffzelle unmöglich machen würde - als Treibstoff verwenden können, dann stehen uns ganz neue Märkte offen, weshalb diese Hochtemperaturbrennstoffzellen so wichtig sind. Das ist ein weiterer Schritt hin zur saubereren Kohle und einer dezentraler Energieversorgung.

Mir ist diese Frage deshalb so wichtig, weil ich nicht weiß, woher ich den ganzen Wasserstoff kriegen soll. In ihrem Buch sprechen sie von dem "Great Hydrogen Hoax", aber ich habe trotzdem nicht den Eindruck, dass Sie diesem Problem gebührend nachgehen.

Vijay Vaitheeswaran: Wenn Sie den Abschnitt sorgfältig erlesen, fällt ihnen bestimmt folgende Struktur auf: 1) Sicherheit, 2) Speicherung, 3) Versorgung. Ich erkläre in diesem Abschnitt und anderswo, dass unser Wasserstoff ohne Kohlenstoffemissionen erzeugt werden muss. Einerseits kann das mit erneuerbaren Energien vonstatten gehen - wie sie ja wissen, kann man Wasserstoff aus jeder erneuerbaren Energie erzeugen. Und wir werden den Wasserstoff auch nutzen können, um überschüssige erneuerbare Energie zu speichern. Die EU plant 20% ihrer Stromversorgung durch erneuerbare Energien zu decken, und wenn es so weit ist, wird man einen Teil davon speichern müssen. Superkondensatoren sind sehr teuer.

In meinem Buch sage ich auch, dass die fossilen Energieträger - insbesondere Kohle - eine Brücke dahin sein werden, und vor allem weil die Großen (die USA, China, Indien, Südafrika) riesige Kohlevorräte haben. Manche meinen, dass die Atomkraft große Mengen an Wasserstoff liefern kann, aber das wird meiner Meinung nach zu teuer.

Die Solarenergie ist es nicht?

Vijay Vaitheeswaran: Die Atomkraft ist eine ausgereifte Technologie; das kann man von der Solarenergie nicht behaupten. Aber ich bin kein Hellseher. Von mir aus sollen all diese Energiequellen miteinander konkurrieren, und die beste soll gewinnen. Ich betonen nur, dass es mehrere Möglichkeiten gibt. Auch die Biomasse hat viel Potenzial. Jede Region wird vermutlich ihre eigene Lösung auf Grund lokaler Begebenheiten finden. Es wird nie eine Wasserstoff-OPEC geben. Den Wasserstoff werden wir auf unterschiedliche Weise erzeugen, und wir sollten keine dieser Möglichkeiten ideologisch bevorzugen.

Erdgas als Brücke zur Wasserstoffherstellung

Andererseits gehen alle Schätzungen davon aus, dass die Energiemenge von einem äquivalenten Liter Öl mindestens 4 EUR und vielleicht sogar 10 EUR kosten wird, wenn der Wasserstoff aus Fotovoltaik erzeugt wird. Ohne Steuern, versteht sich.

Vijay Vaitheeswaran: Sie würden also auch sagen, dass man den Wasserstoff auf vielfältige Weise erzeugen kann. Man darf jedoch nicht vergessen, dass die Annahmen die Schlussfolgerung bestimmen. Ändern wir also unsere Annahmen. Momentan benutzt die Welt eine große Menge an Wasserstoff. Der Wasserstoff, den die USA heute schon produziert, würde ausreichen, um alle Autos in den USA zu versorgen. Natürlich wird dieser Wasserstoff von der Ölindustrie selbst verwendet. Aber wenn Sie heute ein Brennstoffzellenauto - ich rede nicht von zukünftigen Modellen - mit diesem Wasserstoff tanken, dann kostet das rund $1,50 pro Gallon [Benzin kostet derzeit in den USA rund $2 - A.d.R.] für die äquivalente Energiemenge.

Weil dieser Wasserstoff aus Erdgas gemacht wird.

Vijay Vaitheeswaran: Richtig, fast zu 100 Prozent. Für rund $15-20 Milliarden könnte man einen leichten Zugang zu Wasserstoff für 60% der Amerikaner ermöglichen. Man muss nicht die jede Tankstelle morgen umbauen; es reicht zunächst, wenn man eine mindestens alle 40 Kilometer hat. Man könnte dafür Erdgas vor Ort reformieren. Langfristig würde man den Wasserstoff aus erneuerbare Energien, sauberer Kohle und Atomkraft zu wettbewerbsfähigen Preisen erzeugen wollen. Der Versuch müsste über 20 oder 25 Jahre gehen. Dann hätte man viele Möglichkeiten zur Wasserstoffherstellung. Aber Erdgas wird die Brücke sein. Außerdem haben wir nachts eine ganze Menge billigen Strom in Ländern wie Frankreich. Und wir werden immer mehr überschüssige Windenergie haben.

Von der Technik her betrachtet, ergibt dieser Ansatz keinen Sinn - schließlich verliert man große Mengen Energie bei jeder Umwandlung. Aber vom Markt her betrachtet ist es durchaus sinnvoll, den billigen überschüssigen Strom, der abends produziert wird, zu speichern und nachmittags bei Lastspitzen teuer zu verkaufen. Dazu brauchen wir Tarife in Echtzeit, wie man sie heute schon in Italien hat, und intelligente Stromzähler wie in Kalifornien. Dann bekommen fluktuierende Energieerzeuger wie die Solarenergie die Vergütung, die sie brauchen - aber unter Marktbedingungen.

Die Crux beim Energiesparen

Ich möchte ein letztes Hühnchen mit ihnen rupfen. Sie unterscheiden klar zwischen Energiesparen und Energieeffizienz, was man ihnen zugute halten muss. Aber wenn Sie vom Energiesparen in Ihrem Buch reden, sagen sie immer, dass das mit Verzicht einhergeht. Wie soll ich da noch sachlich denken, wenn Sie schreiben: "Sollte die Oma wirklich die Heizung an kalten Winternächten herunterdrehen?" Auf der gleichen Seite schreiben Sie, Energiesparen "always means less of the things that energy brings". Mich stört dieses "always".

Als Amerikaner, der in Europa lebt, erlebe ich bei jeder Rückkehr in die USA einen Kulturschock. Die Amerikaner warten fünf Minuten in Autoschlangen, um ihre Burger mit Pommes zu bekommen, anstatt das Auto abzuschalten und hineinzugehen. Außerdem lassen viele Amerikaner den Fernseher den ganzen Tag laufen, selbst wenn sie gar nicht fernsehen, damit sie ein bisschen Hintergrundgeräusch haben - ein ziemlich teurer Spaß, seit es diese energiehungrigen Plasmafernseher gibt. Das ist die totale Energieverschwendung, und ich verstehe nicht, wie ein Umdenken hier mit Verzicht einhergehen soll.

Gestern Abend wollten die Deutschen nach dem Empfang zu Fuß zum Hotel zurück, während die Amerikaner nach dem Shuttleservice geschaut haben. Sind wir nicht gesünder, wenn wir 15 Minuten zu Fuß gehen anstatt überallhin mit dem Auto zu fahren?

Vijay Vaitheeswaran: Warten Sie mal, bleiben wir bei diesem letzten Beispiel. Bei diesen Shuttles ging es um Mobilität, aber die hat ja Auswirkungen auf die Umwelt, wie wir beide wissen. Indem wir zu Fuß gegangen sind, haben wir Energie gespart, aber ich bin eben später im Hotel angekommen und hatte weniger Zeit, um meinen Vortrag heute vorzubereiten. Ich war zu müde, weshalb ich früher aufstehen musste. Anders ausgedrückt: Mich hat es was gekostet. Natürlich habe ich mich am Abend bewegt, und ich werde ein Jahr länger leben, wenn ich mehr zu Fuß gehe. Ich sage nur, dass man immer einen Kompromiss eingeht. Während also die Effizienz immer gut ist, muss man beim Energiesparen immer einen Kompromiss eingehen. Deshalb lobe ich das Energiesparen nicht über den grünen Klee. Die Menschen müssen selber entscheiden können, und wenn man Energiesparen zum Grundstein nationaler Politik macht, ist diese Politik zum Scheitern verurteilt.

Aber das ist doch unter der Gürtellinie, wenn sie sagen, Energiesparen bringt Oma um! (lacht)

Vijay Vaitheeswaran: Verdammt noch mal, Oma darf leben! (lacht)

Würden sie dann zumindest dieses "always" beim Energiesparen zurücknehmen?

Vijay Vaitheeswaran: Das hängt vom jeweiligen Wertesystem ab, und ich möchte, dass man selber entscheiden kann. Wenn man beim Verzicht auf kaltes Bier und warme Duschen meint, man rettet damit die Welt, dann nur zu! Ich möchte nur eine Welt, in der man entscheiden kann, die Welt so zu retten.

Danke für das Gespräch.

Craig Morris ist Herausgeber des Telepolis-Sonderhefts Energiesparen und übersetzt bei Petite Planète Translations.

http://www.heise.de/tp/artikel/23/23769/1.html
Kommentare lesen (21 Beiträge) mehr...
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS