Eliteuniversitäten sind Ausdruck der gesellschaftlichen Spaltung

23.10.2006

Ein Gespräch mit dem Soziologen und Eliteforscher Michael Hartmann

Professor Dr. Michael Hartmann lehrt Soziologie an der Technischen Universität Darmstadt. Von ihm erschien 2004 bei Campus das Buch Elitesoziologie.

Die Deutsche Forschungsgesellschaft hat drei Spitzenuniversitäten im süddeutschen Raum gekürt. Sind das erste Spuren einer konservativen Bildungspolitik?

Michael Hartmann: Nein, das hat mit parteipolitischen Erwägungen nichts zu tun. Die Auszeichnung ist eine nahtlose Fortsetzung der rot-grünen Bildungspolitik. Es geht letztlich darum, im deutschen Hochschulwesen zwei Lager zu bilden: Ca. 25 Prozent der Universitäten sollen vor allem Forschung betreiben und besonders ausgestattet werden. Der große Rest von 75 Prozent soll kaum noch forschen, sondern die in den nächsten Jahren drastisch zunehmenden Massen an Studierenden möglichst schnell durchschleusen.

Was bedeutet das für die Studienbedingungen bei dieser Mehrheit der Hochschulen?

Michael Hartmann: Sie geraten in eine Abwärtsspirale. Das kann man jetzt schon in Zeitungsmeldungen sehen, wo von einer Bundesliga für Universitäten gesprochen wird. Diejenigen, die in der ersten Liga spielen, sollen dann deutlich mehr Geld bekommen. Der Rektor der Uni München spricht von einer Mrd. Euro für die zwei bis drei besten. Der große Rest dagegen soll sich mit noch weniger Mitteln als schon heute begnügen.

Stecken hinter dieser Politik ökonomische Notwendigkeiten?

Michael Hartmann: Nur zum Teil. Durch die Finanzpolitik, wie z.B. die Steuergeschenke für große Unternehmen, sind die Einnahmen des Staates in den letzten Jahren spürbar gesunken. Der daraus resultierende Zwang zum Sparen ist für die Forschung auf Dauer aber untragbar. Mit der Aufspaltung in wenige Forschungsuniversitäten und den Rest versucht man, die Forschung im Kern zu retten, ohne nennenswert mehr Geld auszugeben. Dabei muss betont werden, dass es sich bei den leeren Kassen nicht um einen ökonomischen Sachzwang, sondern um die Folgen einer bestimmten Politik handelt.

Gerade in Deutschland war durch die 68er-Bewegung der Elitebegriff verpönt. Wann kam der Umschwung?

Michael Hartmann: Die Zäsur setzte Ende der 80er Jahre ein und war den veränderten Kräfteverhältnis zwischen Kapital und Arbeit geschuldet. Die gesellschaftlichen Kreise, die schon immer für eine Elite waren, haben das dann auch wieder öffentlich vertreten. Das wurde dann von den Medien verstärkt, die auf das Thema ansprangen. Hinzu kam nach 1989 ein bestimmter Elitebegriff aus der ehemaligen DDR. Dort gab es beispielsweise Elite-Sportschulen. Die existierten dort zwar unter anderen gesellschaftlichen Bedingungen. Doch dadurch setzte auch eine Enttabuisierung des Begriffes ein. Ich habe das Gefühl, dass dadurch auch in der ehemaligen DDR eine Akzeptanz für Elite-Hochschulen vorhanden ist.

Ist es mehr als ein zeitlicher Zufall, dass parallel zur Förderung der Elite-Hochschulen eine verstärkte Diskussion um die Unterklassen begonnen hat?

Michael Hartmann: Durchaus nicht. Die Spaltung im Hochschulwesen ist Ausdruck einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung und hat auch gesamtgesellschaftliche Auswirkungen. Das fängt bei Schulen an, wo die Diskussion über die Einführung von Rankings schon begonnen hat. Die Spaltung der Gesellschaft produziert im unteren Teil ein immer größeres Segment von Menschen, die total ausgeschlossen sind. Hier gibt es Ansätze einer Ghetto- und Slumbildung, wie wir sie auch aus den USA oder Frankreich kennen. Wenn jetzt führende SPD-Politiker warnen, diese Begrifflichkeiten würden die dort lebenden Menschen stigmatisieren, ist das Heuchelei. Nicht die Begriffe, sondern die Lebensrealitäten stigmatisieren die Menschen.

Gibt es daneben auch Gegenmodelle zu dieser Entwicklung?

Michael Hartmann: Insgesamt gibt es da sehr wenige Gegenmodelle. Was die Hochschulen angeht, so veröffentlicht die bildungspolitische Sprecherin der Linkspartei, Nele Hirsch, gelegentlich gute Stellungsnahmen. Aber das ist es dann im Wesentlichen auch. Bei den Gewerkschaften sieht es nicht besser aus. Eine große Enttäuschung ist der fehlende Widerstand von Seiten der Hochschullehrer an jenen Universitäten, die zu den Verlierern des Wettbewerbs gehören. Die lassen das bisher alles so über sich ergehen. Dabei könnte gerade ihr Protest gesellschaftlich nicht überhört werden.

Studierendenverteter der Freien Universität Berlin haben das Ausscheiden ihrer Hochschule aus dem Elite-Wettbewerb gefeiert. Gibt es hier Widerstand?

Michael Hartmann: Bei den Studierendenprotesten der letzten Monate stand natürlich der Kampf gegen die Studiengebühren im Vordergrund und nicht das Thema Eliteuniversität. Allerdings ist der Zusammenhang zwischen der Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen sowie Studiengebühren und der Aufspaltung der Hochschullandschaft in Elite und den großen Rest mehr als deutlich. Das wurde von Teilen der Studierenden auch thematisiert.

Es fehlt also eine neue 68er-Bewegung?

Michael Hartmann: Die wird es so nicht mehr geben, weil sich die Rahmenbedingungen völlig verändert haben. Was fehlt, ist eine soziale Bewegung, die sämtliche Bereiche der Gesellschaft umfasst und die Widersprüche bündelt. Sie müsste eine Antwort auf die generelle Spaltung der Gesellschaft finden, die in der Exzellenzinitiative nur zum Ausdruck kommt.

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