Die neuen Piraten

Von der Rückkehr einer alternativen Wirtschaftsform, die ausgestorben schien

Nachdem in den letzten Jahren der Begriff "Piraterie" fast nur bei den hypertrophen Propagandakampagnen der Medienindustrie auftauchte, spricht sich herum, dass die echte Piraterie wieder da ist. Verwundert studiert die globalisierte Weltwirtschaft ihr ungewaschenes Spiegelbild.

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In Wes Andersons "Tiefseetauchern" hatten sie einen Auftritt, der Guardian berichtet von ihnen, und sogar die Friedensforscher an der Uni Kassel machen sich Sorgen über sie: Verwegene Gestalten in kleinen, aber schnellen Booten, mit Schnellfeuergewehren bewaffnet, die in Blitzaktionen Schiffe entern, Lohnkassen plündern, Ladung mitgehen lassen, und bei Gegenwehr auch vor Mord nicht zurückschrecken.

Sie tauchen immer öfter im südchinesischen Meer auf, aber auch vor dem Irak, vor Somalia und Südamerika gibt es Zwischenfälle. Eine besonders unschöne Art der Piraterie besteht darin, nicht nur Wertsachen und Ladung zu klauen, sondern auch gleich die Besatzung zu entführen und sie erst gegen ein entsprechendes Lösegeld wieder freizugeben. Wenn das nicht funktioniert, sind die Seeleute in unmittelbarer Lebensgefahr.

Hoher Kostendruck - leichte Beute

Der Guardian spricht von 340 Todesfällen seit 1992, die durch Piratenaktivitäten zu beklagen gewesen seien. Schiffe, die UN-Hilfslieferungen transportierten waren bereits genauso betroffen, wie - in bisher einem Fall - ein Luxusliner. Wie oft aber die Piraten genau zuschlagen, ist gar nicht so leicht festzustellen, denn weil die Meldung entsprechender Überfälle die Versicherungsprämien für die Schiffe erhöhen würde, werden sie oft gar nicht angezeigt.

Die weltweite zivile Schifffahrt wird von einem extrem harten Wettbewerb beherrscht, in dem Versicherungsprämien über die Konkurrenzfähigkeit entscheiden können, deshalb hüllen sich die Reedereien lieber in Schweigen. Es gibt Experten, die behaupten, dass gerade mal ein Zehntel der tatsächlichen Fälle dokumentiert wird. Der Kostenfaktor ist auch einer der Gründe, der den Piraten ihre Arbeit besonders leicht macht.

Aufgrund des hohen Kostendrucks sind die Besatzungen moderner Containerschiffe bestenfalls 20 bis 24 Köpfe stark; da sie nicht alle ständig im Einsatz sein können, sind manche Schichten nur mit sechs Mann besetzt. Auf der Brücke solcher Schiffe halten sich in der Regel nur zwei Mannschaftsmitglieder auf, die allenfalls den Kurs des Schiffes und den Funkverkehr im Auge haben können, mehr aber auch nicht. Bei 400 Dollar Durchschnittsverdienst im Monat hat niemand große Lust darauf, im Kampf gegen Piraten sein Leben zu riskieren.

Diese Schiffe sind also riesige schwimmende Lagerhallen mit einem schlecht bezahlten rudimentären Wach- und Schließdienst, der entschlossenen Angriffen nichts entgegenzusetzen hat. Elektronische Sicherungsmaßnahmen, zusätzliche Bewaffnung und Ausbildung der Seeleute, Geleitschutz: siehe Kostenfaktor.

Beamtete Piraten

Wer sind die neuen Piraten? Natürlich handelt es sich oft um arme Schlucker, ehemalige Fischer, Schauerleute, Küstenproletariat, das sich bewaffnet und auf die Kriminelle das schnelle Geld machen will. Das kann aber nur die halbe Miete sein. Denn zum Entern eines großen Schiffes in voller Fahrt von einem Boot aus bedarf es gewisser Fähigkeiten, die nicht gerade zur Allgemeinbildung gehören. Deswegen wird vermutet, dass zumindest manche der Piraten ehemalige oder noch gegenwärtige Polizisten und Soldaten sein müssen, die über die entsprechende Ausbildung verfügen und sie an ihre Bandenmitglieder weitergeben.

Dass korrupte Mitglieder der Sicherheitsorgane sich ihr Gehalt durch Kriminalität aufbessern kommt überall vor, in der 3. Welt regelmäßig, deswegen klingt die These von den beamteten Piraten plausibel. Weiterhin ist davon auszugehen, dass die Piraten von korrumpierten Hafenbehörden auf Schiffe mit lukrativen Ladungen hingewiesen werden. Ausgedehnte Entführungs- und Erpressungsaktionen erfordern eine gewisse Infrastruktur, nur ihr Vorhandensein macht die Bildung der Piratenbanden, die Beschaffung notwendiger Ressourcen, das Verstecken der Beute (Geldwäsche inklusive) überhaupt erst möglich. Kurzum - mit einfachen Taschendieben hat man es hier schon längst nicht mehr zu tun.

Das erinnert an die Piraten früherer Jahrhunderte, die entgegen dem landläufigen Bild auch nicht immer nur Banden von unorganisierten Halsabschneidern waren und es angeblich vereinzelt sogar zu Staatengründungen gebracht haben.

Aufkreuzen, abgreifen, abhauen

Es erinnert aber auch, auf einem etwas abstrakteren Niveau, an die globalisierte Weltwirtschaft selbst. Aufkreuzen, abgreifen, abhauen - das ist ein Verhalten, das transnationalen Konzernen bekannt sein dürfte - ganz egal, wo sich der Stammsitz befindet. Und auch wenn die Schlacht um die höchste Gewinnmarge in der Regel nicht durch offensichtliche Kriminalität, sondern mit den ganz normalen Waffen des Kapitalismus geschlagen wird, so werden doch Tote in der letzten Konsequenz immer in Kauf genommen.

Noch schaut der Pirat mit Aktenkoffer den mit Kalashnikov ein wenig ratlos an. Auch in internationalen Gewässern würde man den Schutz der Schiffe zu gern den Staaten überlassen, die ansonsten nicht lax genug sein können, was Arbeits- und Umweltschutz angeht. Aber da die Staaten bisher wenig Lust zeigen, diese Aufgaben nachhaltig zu übernehmen, stellt man jetzt die Piraterie als eine Vorstufe des weltweiten Terrorismus dar, der dann wirklich zentrale Interessen der betreffenden Staatsapparate bedrohen würde - vielleicht ist das ja ein Anreiz für die Schaffung einer internationalen Agentur mit robusten polizeilichen Vollmachten auf allen Weltmeeren.

Währenddessen kümmern sich die Schnellbootpiraten um ihre eigene Form der Profitmaximierung und greifen ab, was sie können, bevor ihnen ein ernstzunehmender Gegner gegenübersteht. Es gibt viel zu tun im südchinesischen Meer.

http://www.heise.de/tp/artikel/23/23777/1.html
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